SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Fern von Europa - Tirol ohne Maske

   
  Die drei Glücklichen.

Wonn nua bold da Schnee kchemat, daß ma's urdantlach o'geh' kenntn! - Wie oft hörte man die schöne Purgl dies seufzen. Und ihr Geliebter Bartl Hingerle klagte ebenso: Es wü' holt nöt schneibat wer'n! 1) Endlich aber kam der ersehnte Schnee, und mit ihm erschienen die Sportleute aus Europa.
Als ihre Scharen von Tag zu Tag dichter wurden, sagte Bartl zur Purgl: Ziag di o', 's ischt Zeit ! - -

Purgl zog nun ihre "Volkstracht" an. Ein europäischer Schneider hatte sie ihr erfunden und zugeschnitten: grüner, breiter Hut mit einer weißen und einer roten Hahnenfeder
Purgl rückwärts, ein goldgesticktes Mieder, das ihre flache Brust mit einer gefälligen Wölbung versah, ein blumengestickter, ziemlich kurzer Rock. So stand sie, einen bunten Schal um die Schultern, vor der Haustüre, sobald ein paar Skifahrer oder Rodler ohne Damenbegleitung vorbeikamen.
Zu diesen sagte sie Grüaß Gauoood!

Das war alles, und es genügte. Dergeheimnisvolle Reiz des unverdorbenen Landkindes wirkte auf jeden.

Abends kam dann Bartl und fragte: Wie vü' ischt's denn eppa dösmol ?

Nach jeder solchen Frage lag der Widerschein eines reinen Glückes auf ihren Gesichtern. Es war auch nicht zu wundern. Purgl lebte in dem Gedächtnisse so manches Besuchers als ein Ereignis fort. Literaten erfuhren Seelenwanderungen bei ihr; großstädtische Lebemänner verließen sie mit dem angenehm prickelnden Gefühl, eine faustische Tat an einer Gretchennatur verübt zu haben, und mehreren deutschen Professoren brachte die Nähe des "jottvollen Mädchens" den Zusammenbruch ihrer sittlichen Weltanschauung.

Purgls Kunst war trotz aller Schlichtheit groß.

Sie hätte sich auf jedem wirklichen Theater mit Ehren behauptet.

Nach wenigen schneereichen Wochen waren die beiden glücklichen Menschen so weit, daß Bartl eines Abends sagen konnte: Purgl, wonn's a so weida gehd, na' kchenn' ma am Fruajohr heiratn ! -

Doch das Unheil blieb nicht aus. Der Winter hielt nicht, was er im Anfang versprochen hatte; er wurde ganz untarrolisch. Ein großer Teil des Schnees schmolz weg, Regentage folgten, und die späteren Fröste bildeten aus der weichen, breiigen Masse nur harte, klingende Eiskrusten, aber eine hohe Schneedecke kam nicht mehr zustande.

Die Sportsleute blieben aus, Purgl und Bartl wurden von Tag zu Tag mutloser.

Schließlich gab es keine Hoffnung mehr. Im Mai fand Bartl einen erfrorenen Star. Mit trauriger Miene legte er ihn vor Purgl hin. Siegst es, do schaug her, sagte er, hiazt wird's bold Fruajohr und mir kchennen do nöt heiratn, wä' uns da Heagood z'weng Schnee owa g'schickcht hod! Na müaß' ma holt wortn bis an Hirbscht! - -

Geduldig warteten sie zunächst auf den Sommer und die Sommergäste. Purgl zog wieder ihre Nationaltracht an, stand damit wieder vor der Haustüre und sagte zu den vorbeigehenden Touristen Grüaß Gauoood! - -

Viele graue Regentage zogen über das Land. Wenig Fremde kamen. Das Mädchen wurde ernster und ernster. Bartl, flüsterte es, wos g'schiacht, wonn ma im Hirbscht wieda nöt heiratn kennen? Du woaßt, wia mei' Zuastond ischt - i mecht nöt mei' Ehr' valiern, i bi' a o'stendigs Madl!

Tan ma wortn, entgegnete er, tän ma nöt glei verzweifln, ös wird scho' no' zomageh' ! 2) -

Der hoffnungsstarke Mann sollte recht behalten. Purgl lernte einen preußischen Legationsrat kennen. Er war "von", Witwer, hatte eine große Glatze, zerstörte Nerven vom Aktenlesen und zudem eine bedeutende Erbschaft. Oftmals empfand er im Gehirn einen stechenden Schmerz und konnte dann tagelang nichts denken. Die Ärzte rieten ihm Landluft und Spaziergänge an. Das brachte ihn nach Tarrol.
Dort ging er denn täglich spazieren, "janz nach Landesart jekleidet". Wenn ihn der stechende Schmerz im Gehirn verließ, hatte er stets denselben Lieblingsgedanken: Für einen Einheimischen gehalten zu werden. Darum ging er in die Messe, begleitete die Prozessionen, rauchte lange Pfeifen und kaute Tabak, um schön braun ausspucken zu können. Als er einmal zufällig an Purgls Haus vorbeikam und von dieser in landesüblicher Art gegrüßt wurde, empfand er eine unbändige Freude. Berliner
Sogleich knüpfte er mit ihr ein Gespräch an: Grüß Go-ad ! Pischt wohl a hier jeboren? Jo-a, das si-acht man sofort! I - bin aus Sterzing, obba dort sind die De-an-deln nicht so hübsch wie bei euch hier 1 Ach ne! Hascht wohl a 'nen Bu-aam?

Sie hielt ihn zuerst für verrückt, ging aber doch, einem wunderbaren Instinkte folgend, auf seine Ideen ein. Was in seinen kühnsten Träumen nicht vorgekommen war, ging nun gar bald in Erfüllung: er hatte ein "Deandl", das ihn liebte, er war ein ächter Tarrola Bu-aaa !

Dieses Bewußtsein versetzte ihn in einen Zustand nie geahnten Glückes. Er vergaß dai über selbst das "Berliner Tagblatt" zu lesen und die Kaiserbilder in der "Woche" anzuschauen. Er vergaß darüber auch den Wert des Geldes und kaufte ihr, was sie verlangte. Auch hierin zeigte sie eine gute Methode, indem sie mit Kopftücheln und Gebetbüchern anfing, um dann langsam zu silbernen Armreifen, Broschen, Ringen und Ohrgehängen überzugehen. Dafür saß sie dann abends auf seinen Knien, und er konnte ihr zuflüstern: Ach, jeliebte Purchl, mir ist so janz - janz - eejentümlich - zu Mu-aaate!

Eines Tages erschien ein kräftiger, untersetzter Bauer bei ihm. Ohne Einleitung begann er: Daß S' es nua glei' wissn, i, i bi' da Voda !

Beim Anblicke dieses Menschen vergaß der Legationsrat plötzlich seine tarrolische Abkunft wie seinen Geburtsort Sterzing und sagte: Was wünschen Sie von mir ?

Daß S' es glei' wissn, moch' ma's kurz, i bin da Voda vo' da Purgl, Sö hom's Madl vafihrrt, 's Madl kriagt a Kchind von Eeana -

Herr! Mensch! - -

Moch' ma 's kurz! Mia san o'stendiche Leit, gebn S' ihr d' Ehr wieda: wos zohln S'? -

Mann! Mensch! Sie - Sie - ! Det is janz einfach 'ne Jemeinheit. Ich - ein Kind - mit ich - - - !

Wolln S' es vielleicht gor no' laug'na, 3) daß's Madl kchenna ? Hm?

Kenne sie, jut - aber - aber - Mensch! Wissen Sie was - was - wie soll ich's Ihnen nur 'mal erklären - 'ne ideale Freundschaft is ? Und dieses Mädchen sacht, daß - daß -

Sogt dö lautare Wohrheid! Übalegn S' Eeana dö Soch' guad - und daweil Pfiad Goood! -

Als der biedere Alte gegangen war, brach der Legationsrat fast zusammen. Neuerdings überfiel ihn der stechende Schmerz im Gehirne. Er konnte nur noch das eine Wort flüstern: 'ne abgrundtiefe Jemeinheit - - -

Bald darnach kam als zweiter Besuch ein stämmiger Bursche. Er drehte seine fürchterlichen Handflächen nach außen und sagte wie der Vater ohne Einleitung:

I- i - bi' da Bruada ! Schaugn S' Eeana dö Hänt' o' t Schaugn S' Eeana in Spiagl o' und nocha schaugn S' mi o' l Daß S' es wissen: Z'erscht moch' ma dä Soch' unta uns aus und nocha erscht geh' ma zon G'richt! - Pfiad Goood! -

Nach dieser kurzen, aber inhaltsreichen Rede ging der "Bruder" - Bartl - gleichfalls ruhig fort.

Die Familie hatte eine kaltblütige und überlegene Art des Handelns. Schleunige Flucht war der erste Gedanke des Legationsrates, als ihn das Stechen im Gehirne verlassen hatte. Doch sogleich mußte er als Patriot an die Ehre des Vaterlandes und den Ruhm des preußischen Namens denken. Ein Borusse flieht nicht! Nach einer sehr gut durchschlafenen Nacht schien ihm die Sache wesentlich anders. Keinesfalls Flucht! Unsinnige Idee! Man konnte zahlen, warum nicht? Eigentlich geschah damit doch ein gutes Werk. Freilich - eine Gemeinheit blieb es - man lachte wohl im geheimen über ihn - hm. Aber schließlich - Tarrol und Berlin liegen weit auseinander - und einmal wird man es in Berlin erfahren, daß er nach Tarrol Alimente schickt, daß er dort ein uneheliches Kind hat - man muß es einfach erfahren, muß! - Der ganze Stammtisch wird es wissen, Doktor Striesewitz, Freund Lehmann, alle, alle! Sie werden witzeln und spotten, und er wird dazu ganz leise und fein lächeln und schweigen. - -

Nein, nein, keinen Ärger! Die Geschichte ist die paar tausend Mark wert! Er, Legationsrat von Glienicke, hat in Tarrol ein uneheliches Kind und Berlin ist soweit von Tarrol! - - Er hatte für Weiber immer so wenig, zu wenig ausgegeben, hatte jung geheiratet - und jetzt, jetzt im Alter kam ihm das beglückende Gefühl, ein Lebemann zu sein. - - Doktor Striesewitz wird es erfahren, Freund Lehmann und alle, alle! - - -

Der Gedanke regte ihn auf, er verbrachte einen ganz und gar glücklichen Tag, dessen Segen ihm auch kein Vater und Bruder störte.

Und wieder schlief er eine traumlose, stille Nacht darüber. Nach dieser Nacht stand er mit einem unnennbaren Gefühle auf. Die Landestracht, die er noch am Vortage mit einer europäischen Kleidung vertauscht hatte, zog er nun wieder an.

Dann ging er lange auf und ab. Er erinnerte sich des einen Abends - vorher hatte er eine Flasche Wein getrunken - es war lau und sternenklar gewesen - richtig! richtig! - Damals waren betäubende, sinnesverwirrende Stimmungen über ihn gekommen, mit diesen Stimmungen war er zu ihr gegangen, hatte sie geküßt, ohne sie eigentlich zu sehen - nur das Gefühl ihrer Formen war ihm gegenwärtig gewesen - ja! ja! Er erinnerte sich ganz genau, wie ihn damals ein unendlich heißes Gefühl durchschossen - - wie - wie - ja, auch das! - sie hatte einmal aufgeseufzt - sonderbar aufgeseufzt - und finster war es auch - und der viele Alkohol in ihm - und das heiße Gefühl - ja - ja - damals - damals - - !

Er besah sich im Spiegel, seine Brust hervorwölbend - Legationsrat v. Glienicke - - - ja - ja - das bist du!

Er wiederholte alles noch einmal in Gedanken: Finsteres Zimmer, Alkoholgenuß, eigentümliches Aufseufzen des Mädchens und dann das heiße Gefühl das heiße Gefühl!

Einen Augenblick hatte er daran gedacht, ganz im geheimen unter Ehrenwort Doktor Striesewitz zu fragen, ob das bei seinem Alter denkbar, möglich oder wahrscheinlich sei, daß - - - Unsinn! Wozu noch fragen! Da gab es keinen Zweifel, das war keine Gemeinheit - nein, nein!

Es war so - - war ganz sicher so !

Seine Augen glänzten, er lächelte und sah sich dabei wieder in den Spiegel: es war das Lächeln, das er für Berlin vorbereitete. Endlich stieß er einen Schrei aus, halb Triumph, halb Staunen, einen Schrei, wie er ihn in seinem stillen Leben noch nie zusammengebracht hatte, einen Schrei, daß ein zufällig vorbeigehender Kellner erschrocken zur Türe hereinstürzte: Mein Herr, Sie haben geschrie - gerufen -? Sie befehlen? Sie befinden sich vielleicht - ?

Nichts! Nichts! Gehen Sie! Das heißt, nein, kommen Sie her! Hier - nehmen Sie fünf Kronen Trinkgeld ! - -

Noch am selben Tage schloß er mit der Familie Purgls Frieden, einen gerade nicht sehr billigen Frieden.

Für a so an Ehrlosi'keit geht's nöt mid oana mankchen 4) Bezohlung, sagte der ehrenfeste Hausvorstand.

Der Legationsrat gab nach; wozu noch ängstlich rechnen? Es war sein erstes wie sein letztes Kind - und vor allem: es war  s e i n  Kind.

Ein Notar, den natürlich gleichfalls er bezahlen mußte, setzte den Vertrag auf. Wenn das glückliche Ereignis vorbei war, würde man ihn sofort durch ein Telegramm verständigen, und dann hieß es, die festgestellte Abfindungssumme zahlen. So verlangte es die Familie, auf jährliche oder monatliche Alimente ging man nicht ein.

Der Notar wollte im Vertrage noch die Möglichkeit einer Fehlgeburt in einem Punkte mit besonderen Bestimmungen berücksichtigen. Aber ehe Vater und "Bruder" protestieren konnten, sagte der Legationsrat: - Ne, is nich! Jibt's nich, wird nich sein ! -

Als er abreiste, trug ihm Bartl den Koffer zum Bahnhof. In solcher Harmonie schieden sie !

Eines Tages erhielt der Legationsrat in Berlin denn auch das sehnsüchtig erwartete Telegramm. Mit zitternden Händen riß er es auf. Drinnen stand:
Kräftiger Knabe Geld Bartl
Er strahlte. Er rechnete nach: keine acht Monate - und dennoch kräftig - und sogar ein Knabe! Noch am selben Tage schickte er das Geld ab und lud seine Freunde zu einem feinen Abendmahl bei Dressel.

Keiner wußte, was das bedeuten sollte. Doch so oft er auch gefragt wurde, er gab keine bestimmte Antwort, sondern lächelte nur ganz leise, ganz fein - -

Zur selben Zeit, als der Legationsrat mit seinen Freunden tafelte, gab es auch in Tarrol zwei glückliche Menschen: Purgl und Bartl.

Mit verklärten Mienen sahen sie auf eine internationale Postanweisung hin.

Schaug, sagte Bartl, die G'scherten aus Berlin san a wohra Seg'n fir inser Lond! I hob's jo ima g'sogt! -

Vergiß nöt, entgegnete die junge Mutter, daß olla Seg'n van Himmü' kchemt!

Da falteten beide die Hände und sprachen ein frommes Gebet.


1) Es will nicht zum Schneien kommen.
2) zusammengehen.
3) leugnen.
4) geringen.