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Johannes Ev. (27. Dezember)

ist zum Unterschiede von den drei anderen Evangelisten durch einen Adler gekennzeichnet.- manchmal steht er auch mit einem Weinbecher auf einem Altare.

Nicht zu unrecht! Er hat nämlich rechtzeitig erkannt, daß im Weine Gift sei. Darauf kommen viele erst recht spät, nachdem sie sich allerlei Übel und Gebreste Zugezogen haben.

Nach einer Legende wollte Johannes den Oberpriester von Ephesus. Aristodemus, bekehren. Dieser hartgesottene Heide verlangte ein Wunder zu erleben: wenn der Apostel einen Trunk vergifteten Weines wohlbehalten überstünde, wolle er sich bekehren. Aristodemus ließ zwei Schwerverbrecher, die ohnehin dran glauben mußten, vergifteten Wein trinken und sie starben auch ohneweiters daran. Johannes segnete den Wein im Becher und trank ihn aus ohne Schaden. Die Verstocktheit des Oberpriesters wich aber noch nicht. Johannes sagte zu ihm: "Breite meinen Mantel über die zwei Leichen und befiehl ihnen im Namen Jesu aufzustehen!" Als die Zwei tatsächlich wieder lebendig wurden, ward es auch der rechte Glaube im Oberpriester und er bekehrte sich.

Zur "Johannesminne", dem Hohannestrunke, aber kam der Heilige auf einem anderen, freilich auch heidnischen Wege. Denn gleich den Griechen und Römern tranken auch die Germanen ihren Göttern, insbesondere Donar und Wodan, nach den Opfern die "Minne", das heißt zu ihren Ehren, zu ihrem Gedenken und aus Verehrung für sie, desgleichen für die Abgestorbenen, davon uns noch der "Pietschen" geblieben ist.

Zwar verbot die Kirche den neuen Christen diese alten Bräuche, das zähe Festhalten am Hergebrachten, das wir auch heute noch in der Vielfalt unseres Brauchtums erkennen, machte dies Verbot zunichte, und die Kirche setzte nun an den Platz der Götter Heilige, namentlich solche, die sich beim Volke besonderer Wertschätzung erfreuten.

So kam auch Johannes zu seiner Minne, die schon im 6. Jahrhundert nachweisbar ist. Die älteste Weiheformel der Kirche ist aus dem 13. Jahrhundert bekannt. Oswald von Wolkenstein (1367-1445) gedenkt in einem Gedicht der "mynne sand johanns".

Bis ins 17. Jahrhundert wurde Johannes als kirchlicher Festtag gefeiert und dann als Bauernfeiertag.

Da brachten oder bringen noch die Gläubigen den Wein in Flaschen an das Speisgitter oder an einen Seitenaltar. In Neumarkt soll ein solcher ausgesehen haben wie das Heilige Grab, so leuchteten die Flaschen in allen Weinfarben des Unterlandes. Nach dem Gottesdienst erhalten sie mit einer alten Formel ihren Segen.

Dieser darf, wenn notwendig, auch zu anderen Zeiten über den Wein gesprochen werden.

Daheim dann trinkt man am Mittagstisch einen Teil des Weines, ein Rest wird aufgehoben. In der Sterzinger Gegend werden auch die Dienstboten damit beteilt, was von ihnen als Zeichen ausgelegt werden kann, daß sie nicht zu "schlenggeln" brauchen! Johannessegen erhält den Frieden im Hause.

Wo Gastwirte noch an wahrhaft guten, alten Bräuchen hängen, werden Stammgäste mit diesem geweihten Tropfen kostenlos begnadet.

Vielfach gebräuchlich ist dieser Johannes-Trunk nach der Trauung, wo dann der Priester dem jungen Ehepaare und den engeren Hochzeitsgästen den Wein reicht und spricht: "Trink die Minne des heiligen Johannes."

Der Weinbauer schüttet noch gerne Johannessegen in die Fässer mit dem Spruche: "Urban auer!"

Die südtiroler Meinung, daß der Wein bei Krankheiten "kräftet", überträgt sich in überhöhtem Maße auf die Johannesminne, ja sogar bis auf das Sterbebett. Als es mit Albrecht Dürers Mutter ans Sterben ging, bat sie noch einmal um den Johannes-Segen. Das hat sich weiter erhalten.

"Wer durch's ganze Jahr Johannes-Segen trinkt, wird das ganze Jahr gesund bleiben!" Einstmals diente diese Minne auch als Schutz gegen das Vermeintsein oder -werden und vor Beherung. Auch die Rittner werden heutzutage andere Mittel gegen "Wurm und Unkraut" anzuwenden wissen als geweihten Wein.

Üblich war einmal ein tüchtiger Schluck Johannesminne vor Antritt einer Reise, namentlich auf den gefahrumdrohten Wegen des Mittelalters. In Anbetracht neuzeitlicher Unfallchroniken auf den Straßen schiene es fast angebracht, sich an diesen Schluck wieder zu gewöhnen, aber mit Vorsicht, daß man nicht zuviel Promille Alkohol ins Blut kriegt.

Und wenn heute unsere Bauern und Händler einen Handel mit einem kräftigen Trunk beschließen, so tun sie nichts anderes, als man in der germanischen Vorzeit tat, in der ein solcher Trunk mit oder ohne den Namen einer Gottheit als Rechtsbekräftigung galt.

Quelle: Heilige im Südtiroler Volksleben, Hans Matscher, Brixen 1961, S. 95ff