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Der Wurzgräber

Eines Abends befand ich mich in einer Herberge am Fuße der Drachenwand. Ein 'Wurzgräber' saß neben mir und legte mir die Karten, deren Figuren, von Schmutz bedeckt, nur mehr seinen Augen erkenntlich waren.

Nachdem ich die herkömmlichen Prophezeiungen über die Erbschaft, die 'ins Haus steht', über die große Reise, die ich demnächst antreten würde, und über den großen Herrn, der mir wohlwill, angehört, auch der Wurzgräber immer mehr und mehr in eine heitere Branntweinlaune geraten war, vertraute er mir flüsternd an, daß er bei dem Schmied von Seeham Unterricht in einer Kunst nehmen wolle, welche viel Geld einträgt - im 'Wenden'. Das Wenden besteht darin, daß man einen Kranken auf besondere Weise mit den Fingerspitzen berührt und ihn anbläst, worauf er gesundet. Es wird an ein Fluidum geglaubt, welches kräftigend auf den siechen Körper übergeht. Da man dieses Fluidum für eine besondere Kraft hält, so wunderte ich mich, wie mein Gesellschafter glauben mochte, diese durch Erlernen erwerben zu können. Er klärte mich dahin auf, daß er sie besitze, daß es aber damit allein nicht getan sei, indem man auch verschiedene Sprüche wissen müsse. Die Kraft oder die Anlage zur Kunst habe er - das bewies sich durch den Umstand, daß er früher das 'Wurmtöten' ausüben konnte. Den 'Wurm' nennt man eine Beinhautentzündung am Nagel, und dieser Wurm starb von seiner Berührung. Ich lachte ihn aus und hielt ihm eine Geschichte vor, welche ich aus guter Quelle wußte.

Eine Bäuerin hatte sich aufgemacht, um bei demselben Mann, nach dessen Weisheit der Wurzgräber dürstete, ihr Heil zu suchen. Der Weg war weit, und die Nacht brach herein, ehe das Weib sein Dorf erreichte. Sie fürchtete sich und beschloß endlich, in einem Bauernhaus, welches am Wege lag, um Beherbergung über die Nacht zu bitten. Man nahm sie freundlich auf. Während des Abends wandte sich die Rede auf den Zweck ihrer Reise, den sie unverhohlen angab. Der Bauer bemerkte ihr, es sei gar nicht notwendig, daß sie ihren Weg fortsetze, denn auch er verstehe das Wenden. Die Bäuerin war's zufrieden, und dieser versuchte an ihr dasselbe Blasen und Murmeln, wovon er schon viele hundert Male hatte sprechen hören und wovon er überzeugt war, daß es eitel Torheit sei. Aber er hatte Mitleid mit der Frau und wollte ihr den unnützen Weg ersparen. Nach einigen Wochen kam ein Brief, in welchem sie sich auf das wärmste für ihre gänzliche Wiederherstellung bedankte.

Diese Geschichte erzählte ich meinem Mann, um ihm zu beweisen, daß es nicht notwendig sei, Unterricht in diesem Zauber zu nehmen, daß ihn vielmehr jeder nach Gutdünken auszuüben vermöge. Aber er wollte sich nicht überführen lassen und wurde sogar ein wenig unwirsch.

Nach einer Weile kam das Gespräch auf andere Dinge, besonders auf die Schlechtigkeit der Menschen, über welche der Mann mit dem zerrissenen Kittel sich bitter ausließ. Er selbst war durch den Undank seiner Kinder genötigt, in alten Tagen mühsam saures Brot zu erwerben. Das ist eine alltägliche Geschichte, welche zu häufig vorkommt, als daß sie die Aufmerksamkeit derjenigen zu erregen verdiente, welche diese meine Mitteilungen lesen. Doch einen ganz eigentümlichen Zug schnöder Gesinnung, den er mir beschrieb, will ich der Seltenheit halber angeben.

In der Entfernung von einigen Meilen steht ein Schloß, von dessen Herrn und Frau es in der ganzen Gegend bekannt ist, daß sie in ehelichem Unfrieden lebten. Auf demselben Schloß verbringt ein Greis von achtzig Jahren seine Tage, ein alter Jäger, welchem die Besitzer für seine lange Dienstzeit das Gnadenbrot gewähren. Der Jäger, sagte mein Wurzgräber, ist der schlechteste Kerl, auf den die Sonne scheint.

Ich fragte verwundert nach dem Grund eines so übermäßig harten Urteils.

Der Bescheid, welchen ich erhielt, war in wenigen Worten folgender: Besagter Jäger ist der einzige Mensch, welcher zwei 'Kräuteln' kennt, die einem Ehepaar ungestörte Eintracht und häusliches Glück verschaffen, wenn sie von ihm gemeinschaftlich verspeist werden. Er kennt die Kräuter, sagt sie aber niemandem. Die Dankbarkeit hätte den Menschen verpflichten sollen, zu der Frau hinzugehen und ihr Kenntnis von den Kräutern zu geben, was der boshafte Schuft aber nicht tat.

Ich konnte nicht umhin, ihm recht zu geben.

Wir sprachen noch manches miteinander.

Der Wurzgräber war auch in allerlei seltsamen Meinungen und Geschichten bewandert, die auf dem Boden des merkwürdigen Landes wuchern.

Es ist bekannt, daß an religiösen Bewegungen und Neigungen zum Sektieren im Salzkammergut nie ein Mangel war. In der Mondseer Gegend spukten vor einigen Jahren die sonderbaren Heiligen der 'Adamiten'; ja im verborgenen halten sie wohl jetzt noch stellenweise ihre nächtlichen Zusammenkünfte. Ich fragte meinen Mann über die Frauenzimmer aus, welche sich bei den andächtigen Orgien beteiligen. Er meinte, etwas Rechtes und Hübsches tue nicht mit, dagegen huldigten verblühte Jungfrauen und häßliche Weiber den bequemen Satzungen. Die gläubigen Männer würden oft absonderlich hantieren. So nahmen sie einmal im Markt Mondsee einem durchreisenden Panoramenbesitzer den Hintergrund, sein Bild, weg und hingen einen lebendig gekreuzigten Hund dafür hin, welcher den Messias vorstellen sollte, für welches Passionsspiel die Unternehmer viele Monate Kerker als Remuneration hinnehmen mußten.

Hingegen zeigten manche der Häupter einen auffallenden Mangel an Fanatismus. Der 'Maurerjackl', welcher das Ansehen eines Propheten genoß, erklärte sich dem Pfarrer gegenüber, der ihn aufforderte, wieder ein guter Christ zu werden und in die Kirche zu gehen, gerne dazu bereit, wenn man ihm 'eine Klafter Holz und 'was z'essen' gebe. Man sieht, der Maurerjackl war nicht aus dem Holz geschnitzt, aus welchem man Märtyrer formt.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 37 - 40.