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Wolfgangsee

Es war um die Zeit, in welcher die Blumenbeete städtischer Gärtner sich mit Tulpen schmücken. Die Sträucher in dem Haine, welcher den Baumgarten an Zellers Landhaus bildet, und an den Felsen hin, gegen welche dort der tiefe See schlägt, zeigten die ersten wassergrünen Blattspitzen, und schon wurde gestritten, ob Schwalben in den letzten Tagen gesehen worden seien oder nicht. Auch der Efeu, der wie eine alte Sage diese Felsen umzieht, sproßte in lichterem Grün.

Von der Felswand ruft uns der Widerhall unserer Stimmen nach. In unserer Erinnerung erwachen die Bilder der Einsiedler, welche sie bewohnt haben, von dem ersten, welcher mit der Axt die Wälder lichtete, bis zum letzten, vor wenig Jahrzehnten selig Verstorbenen, der von den Gaben frommer Wallfahrer in St. Gilgen lustige Tage verlebte. Die schwarzen kreischenden Vögel fliegen noch dort oben wie in den Tagen, als man die Au dort hinter dem Sperber-Gebirge nach ihnen hieß und dieses Gewässer noch nicht an den heiligen Wolfgang erinnerte, sondern der 'See des Starken' war.

Während wir dem Leuchtturm von St. Wolfgang zuschreiten, schauen wir hinüber auf die Aue des Zinkenbachs. Dieses Gewässer kommt von Süden, vom Zinkenberg, in den Wolfgangsee, auch 'Abersee' genannt, hereingeflossen und hat durch die Steine, welche es in sein Bett gerollt, eine breite Halbinsel gebildet, welche in nicht sehr ferner Zeit aus einem zwei Seen gemacht haben wird.

An einem der schmalen Uferpfade, die sich zwischen dem Grün des Sees und dem der Hecken hinziehen, oder auf jenen Quadern, die an vielen Stellen die Wucht aufschlagender Wellen vom Rasen abhalten, ergehen wir uns nicht nur an der schönsten Stelle dieses Sees, sondern vielleicht am herrlichsten Strande, der irgendeines dieser Bergwasser begrenzt.

Wohl einer der erfreulichsten Spaziergänge dieses Ufers ist der formelreichen Andächtigkeit zu verdanken, welche hier über allem menschlichen Sinnen zu schweben scheint. Ich meine den Kalvarienberg mit seinen grausamen Darstellungen. Mir insbesondere wurde der weihevolle Genuß dieses weitschauenden Hügels durch den Gegensatz eines Mastenzuges gesteigert, den ich wenige Stunden vorher zu Mondsee gesehen hatte.

Dort wurden Strebmänner, Tanzbären und wandelnde Zuckerhüte von den Hunden des Marktes angebellt. Auf einem Wagen rauchte der Schlot eines hölzernen Dampfschiffes, welches die beabsichtigte Verbindung des Mond- und Attersees parodieren wollte, und Nestroys liederliches Kleeblatt umarmte die Dirnen, welche gaffend auf der Straße standen.

Hier schien der Schnee des Schafberges sonnenbeglänzt über grüne Fichten herab. Um die Blöcke, welche auf dem warmen Abhang liegen, wand sich glänzender Efeu; daneben blühte die Anemone, und der dunkelrote Seidelbast, von dem Dache einer der Marterkapellen träufelten die letzten Reste geschmolzenen Schnees herab. Ein glänzender Cereyon flog von einer Staude zur anderen, ein Asphodius betastete mit seinem Rüssel das graue Holz der Kapelle. Aus dem Fenster der Kapelle wehte ein eisiger, gruftähnlicher Hauch - hier war der Tod, dort das Leben.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 91 - 92.