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Aus dem Jagd- und Wildschützenleben in Kärnten

In einer armseligen Schenke des Hochgebirges, die kaum je vom Fuß eines Reisenden betreten wird, fanden sich einst allerlei Leute zusammen. Sie waren alle mühselige Menschen aus den Hütten des Hochtales.

Leute von diesem Schlag langweilen sich niemals. Man teilte sich in abgerissenen Sätzen allerlei mit, was im Schatten der Kalkfelsen, am Fuß der dünnen Schleierfälle, die ins Krummholz niederwehen, auf den Höhen, unter denen mancher See blaut, vorgeht.

Eine Geschichte davon habe ich für mein Skizzenbuch gerettet.

Unsere Geschichte aber versetzt den Leser sofort an den Rand dieser Berge, und zwar in den Tag des wunderreichen Festes von Unserer Lieben Frau Himmelfahrt.

Der feierliche Umgang war vollendet. Was nicht eine entferntere Heimat hatte, drängte sich in die Wirtshäuser oder stand auf dem Platze vor der Kirche herum.

Dort unterhielt ein Mann in Jägertracht emsig einen ganzen Kreis von Zuhörern. Es war ein hübscher Bursche. Der Zug um die Lippen, der seine Reden begleitete, deutete darauf hin, daß ihm weniger an der Wahrheit als daran lag, seine Zuhörer zu verblüffen.

Einer der Umstehenden, Toni, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, bat: "Du, Lenzl, geh, erzähl uns einmal, wie's denn mit dem Wirt von der Gaisau gegangen ist, den sie erschossen gefunden haben?"

Das war dem Lenzl ein gefundenes Thema. "Mit eigenen Augen hab ich's gesehen, weil ich noch einige hundert Schritt vor der Kommission vorausgegangen bin."

Und da begann er in seiner weitschweifigen Weise ein seltsames Bild aufzurollen.

Man mußte ihm zugestehen, es war deutlich.

Man wurde dorthin geführt, wo der Waldwuchs aufhört und die steilen, kurzgrasigen Böden beginnen, auf denen gern das Gemswild wechselt.

Da lag der Wirt von der Gaisau, das Gesicht gegen den Boden gekehrt, und dabei saß der rote Darl. Gras und Steine ringsherum sind von Blut gerötet. Zeugen der Bluttat waren das Gebirge und das blaue Flachland im Hintergrund.

Dann sah man eine merkwürdige Gesellschaft, Gendarmen, einen Schreiber mit roter Nase und einem langen Papier unter dem Arm, den Gerichtsarzt mit goldener Brille und Träger mit einem Schlitten. Dann wurde der Wirt mit einem Tuch zugedeckt. Die Ungebildeten der Gesellschaft, die 'Nicht-Herren', die Holzknechte und Träger beteten stehend ein Vaterunser und einen Englischen Gruß, bevor sie den Schlitten in Bewegung setzten. Als sie am schmalen Fahrsträßchen im Tal ankamen, wurde ein brennendes Licht am Schlitten befestigt.

Das alles schilderte der Jäger-Lenz ausführlich.

Toni fragte: "Und rauskommen is nichts?"

Der Jäger sah ein, daß er sich hier den Burschen gegenüber auf einen glatten Boden begeben habe. Er zuckte die Achseln, pfiff seinem Waldl und entfernte sich.

"Der Förster war's!" flüsterte es in der Reihe.

Alsbald verließ auch Toni die Gesellschaft. Augenscheinlich war er in dieser, die des Festtags halber gut gekleidet war, der Ärmste gewesen. Seine Joppe und seine kurzen Beinkleider erschienen abgeschabt. Hinter sich her zog er zwei zusammengekoppelte Hunde. Seine schweren Schuhe trug er unter dem Arm; er ging, um sie zu schonen, barfuß.

Jetzt ging er vor das Dorf hinaus, in der Richtung gegen den Berg hin. Bald begegnete ihm ein Mensch, der auf einem über Kopf und Rücken gelegten Brett eine schwere Last trug. Es waren Käsleibe, die er von der Alpe herabbrachte.

"Nu, wo aus denn, Toni?" fragte der Senne.

"Zum Förster", antwortete der Mann.

"Hat er dich etwa gar in Arbeit aufgenommen?"

"Holzarbeit" rief Toni und lachte bitter laut auf. "Holzarbeit, ich krieg ja keine! Wie ich zum Förster kommen bin und ihn darum gebeten, daß er mich zulasset, weißt, was er gesagt hat? Einen solchen Lumpen, hat er gesagt, kann ich nit brauchen, so einen Wilderer!"

"Was, du ein Wilderer? Da hab' ich doch auch noch nie etwas davon gehört", sagte der Senne überrascht.

Hätte es ihm seine Last erlaubt, so hätte er den Kopf geschüttelt. "Wer muß dir denn das aufgebracht haben?" "Ich weiß es nit", sagte Toni seufzend. "Der Förster wird sich's so einbilden, weil ich nichts hab' und doch lebe, wenn er nur wüßt', wie elendig! Alles hab' ich ihm erzählt, wie bei mir gar kein Verdienst nit ist. Und nicht erbarmt hat's ihn. Für mich allein hätt' ich so nicht gebeten, bloß wegen meiner Moidel und wegen der Kinder hab' ich's getan. Er hat aber weiter nichts mehr wissen wollen. Erst wie ich schon an der Tür war, sagt er noch einmal: 'Hör, Toni, du hast zwei Hund'. Wenn du sie mir verkaufen willst, geb' ich dir sechs Gulden dafür.' Was hab' ich tun wollen? Ich hab' sie geholt daheim, wenngleich meine Kinder sich daran geklammert und geweint haben, daß man's bis zum unteren Kramer hinunter gehört hat. Ich wollt', es regnete sechs Wochen lang Pulver auf die ganze Welt, und dann kam' ich mit einem Zündhölzel!"

Der Senne schaute ihn verwundert an. Solche Ausbrüche kommen beim Volk der Berge nicht leicht vor.

In diesen Augenblick trat ihnen im Hohlweg der Jäger Lenzl entgegen. Er pfiff ein lustiges Lied.

"Hast schon Mittag gegessen heut, Toni?" rief er diesem im Vorbeigehen zu, indem er ihm auf die Schulter klopfte.

"Mittag hätt's wohl schon lang geläutet da drinnen", entgegnete dieser, indem er auf die Stelle seines Magens deutete.

"Aha!" sagte Lenzl. "Weißt was, Toni - ich geh' jetzt zum Gaisauer Wirt, und du gehst mit und läßt dir was zu essen geben. Ich zahl's."

Der Toni besann sich nicht zweimal und nickte, indem er tausend Dank sagte.

Daß der Jäger-Lenzl es durch die Nachreden, die über des Wirtes Tod gingen, bei der Kellnerin in der Gaisau, Gengi, nicht verdorben hatte, das konnte man schon am Empfang sehen. Das war eine Munterkeit!

"Was gibt's denn heut?" sagte Lenzl.

"Zu essen haben wir freilich gar nichts mehr, es ist Mittag schon lang vorbei", sagte das Mädchen verlegen.

"So? Und was hab' ich denn im Hereingehen auf dem Herd draußen für einen großen Hasen stehen gesehen?"

"Das sind noch Erdäpfel!"

Er ging in die Küche hinaus und hob den Deckel von dem eisernen Hasen. Ein schmackhafter Dampf stieg aus demselben empor.

"Da tu' ich auch mit", sagte der Jäger zum armen Toni.

"Da schau, da schau - die guten Erdäpfel!"

Das Mädchen wurde über und über rot. Der Topf enthielt nichts als ein mächtiges Stück Rehbraten. Der Toni lachte vergnügt in sich hinein, seit langer Zeit wieder zum ersten Mal.

"Himmelsakerment", fuhr nach einer Weile der Jäger fort, "jetzt haben wir den Stieg weggesprengt, und dennoch stehlen sie uns immerfort die Rehböck! Es ist zum Teufelholen!"

"Ich muß mit der Wirtin reden", sagte Lenzl, nachdem er den letzten Bissen seines Anteiles gegessen hatte.

Dann stand er auf und verließ das Zimmer. Mittlerweile fanden sich mehrere Burschen ein. Alles trank Wein.

Plötzlich erschien ein großer, langer, hinkender Mann, den niemand grüßte. Es war ein in Jägertracht gekleideter Mensch mit starken Backenknochen, breitem Mund und schmaler Stirn. Er befand sich offenbar in der schlechtesten Laune.

"Ein Seidl Wein!" schrie er.

"Ist es wahr", brüllte er alsdann die Kellnerin an, 'daß an Petri Kettenfeier ein Schießen da war in der Gaisau?'

"Nu freilich" entgegnete Gengi. "Der Wiener Herr, der alle Jahr den Grafen besucht, hat's ja gegeben. Aber seid denn Ihr nit auch dabei gewesen?"

Das Mädchen wußte gut, daß der Jäger nicht dabeigewesen war.

"Nein, ich war nit bei dem lumpigen Schießen, das war' mir schon zu minder gewesen", sagte er, mit dem Glas auf den Tisch stoßend.

"Nu, warum fragt denn nachher der Förster, ob ein Schießen war?" fragte jetzt schnippisch die Kellnerin, die den Förster Thomas schon deshalb nicht leiden konnte, weil er der einzige Gast war, der ihr noch nie etwas Angenehmes über ihren Wuchs gesagt hatte.

"Weil ich, weil ich -", schrie der Jäger, indem er mit der Faust auf die Bank hieb.

"Weil ich gar nicht eingeladen war", ergänzte die Kellnerin.

Ein Gelächter der Burschen folgte dieser Bemerkung. Diese, denen der Förster, über den allerlei Sagen von verübten Grausamkeiten gingen - unter anderem schrieb man ihm das Verschwinden eines Burschen zu, den man zum letzten Male im Walde gesehen haben wollte -, überaus widerwärtig war, freuten sich über seine Demütigung.

Um ihn zu ärgern, stellten sie sich, als ob sie sich leise unter sich unterhielten, sprachen aber doch so laut, daß ihr Widerpart jedes Wort vernehmen mußte - ein echter Gebirgsbauernwitz.

"Du", sagte einer zum anderen, "wer hat denn eigentlich aufs Haupt das Veste gewonnen?" Und dabei nahm er eine seltsam dummschlaue Miene an.

"Nu, wer wird's gewonnen haben, wißt es denn nit?" sagte ein Älterer mit verständnißinnigen Zusammenzwicken der Augen. "Der Jäger Lenzl hat's gewonnen, das weiß ja jeder."

Der Jäger Lenzl war keineswegs der Gewinner gewesen, aber jeder wußte, daß niemand dem Thomas so zuwider war wie dieser. Der Lenzl stellte das sanguinische Temperament dar.

Er war der lustige Jäger, dem es bei Bier und Wein auf ein Schock fabelhafter Geschichten nicht ankam. Seinen Dienst verrichtete er pünktlich. Er ließ sich nicht narren. Wehe einem seiner Untergebenen, wenn ihm bekannt geworden wäre, daß er vor einem gewalttätigen Wilddieb das Hasenpanier ergriffen hätte! Kam ihm ein forstberechtigter Bauer mit leeren Ausflüchten, beispielsweise er brauche einen langen Stamm zu einer Dachrinne, drei andere zu einer Reparatur im Haus, und er erfuhr hinterher, daß die Stämme an einen Flößer verkauft wurden, so traf den Schuldigen erbarmungslos schwere Strafe. Dagegen wußte er recht wohl durch die Finger zu schauen, wenn sich ein armer Teufel einen Karren voll Brennholz im Wald holte, aber beim Abkratzen von Harz überrascht wurde.

Daher war er sehr beliebt, und es freute die Burschen, daß sie den Thomas mit ihm ärgern konnten.

Zu allem Überfluß trat in diesem Augenblick auch noch der Lenzl in die Stube. Das war dem Thomas zuviel. Er trank rasch seinen Wein aus, ging so schnell, als es sein etwas hinkender rechter Fuß erlaubte, gegen den Ausgang und schlug die Tür hinter sich zu. Allgemeines Gelächter begleitete seinen Abzug.

"Toni", sagte Lenzl, "geh mit mir hinaus."

Sämtliche Burschen grüßten den Jäger, als er fortging. Der Toni folgte ihm erwartungsvoll.

"Toni", sagte er draußen neben dem Brunnen, "jetzt mußt mir einen Gefallen erweisen."

Der Toni erschöpfte sich in Beteuerungen seiner Bereitwilligkeit.

"Ich weiß", sagte Lenzl, "daß dir der Förster nicht grün ist. Du tust jetzt alles, was du kannst, um rauszukriegen, was er in den nächsten Tagen tut und treibt, dann kommst du zu mir und sagst es mir. So, und deinen Taglohn hast du da gleich im vornehinein." Mit diesen Worten drückte er ihm eine Banknote in die Hand. Ehe sich der Toni von seinem Erstaunen, soviel Geld zu besitzen, erholen konnte, hatte sich Lenzl eiligst entfernt.

Das allererste war denn nun auch, sofort in seine Hütte zu gehen und das Geld seinem Weibe zu übergeben. Noch mehr als die Frau über das Geld freuten sich die Kinder darüber, daß der Vater seine zwei Hunde wieder mit heimbrachte.

Toni aber verfolgte die Spuren des Thomas bis zur oberen Schmiede.

Als Toni aus dem Gehölz trat, sah er die Schmiede vor sich. Trotz des Feiertages glühte dort Feuerschein. Der Schmied, ein grauer, verwetterter Kerl, stand vor der Tür und rührte in einem hölzernen Schaffel herum.

"Eh, Schmied, was machst Du denn da?" sagte Toni hinzutretend.

"Heublumen tu' ich als Hennenfutter kochen", sagte der Schmied freundlich. "Wenn nachher der Herbst kommt, wird ihnen der Grind (Kopf) weggehackt."

Aus der Miene des Alten war zu ersehen, daß ihm der Toni nicht unwillkommen war. Gewiß, denn der Toni gehörte zu denen, an denen Leute wie der Schmied nichts zu beneiden haben.

Toni fragte ihn: "Ist dir der Thomas schon lang nimmer unterkommen ?"

"Wohl", sagte der Schmied, "der ist dagewesen. Er braucht für die neuen Steigarbeiter hinten im Nassen Graben, dort wo der Jungwald steht, Schaufeln und Hacken. Er hat mich gefragt, ob sie noch nicht fertig sind."

Der Schmied begann nun in der sprunghaften Weise, wie sie solchen Leuten eigentümlich ist, die Schönheit von Tonis Weib zu loben.

Jeder Forstbeamte hätte sich nicht zu schämen gebraucht, die Moidel als Frau zu begehren. Sie war 'so viel fein'. Daß sie die Werbung des armen Toni angenommen hatte, galt als Wunder.

Der Toni verlor seinen Zweck nicht aus den Augen. Er wollte soviel als möglich über den Förster Thomas erfahren. Der Schmied wußte aber nur, daß der Förster am letzten Sonntag beim Unteren Wirt wieder einmal über die Roheit solcher Jäger geschimpft hatte, welche einen Wilderer ohne weiteres anschießen.

Mittlerweile habe sich auch der Jäger Lenzl auf die Fährte des Försters gemacht. Beim Gaisauer Wirt hatte er sich, wie er das längst glaubte, abermals überzeugt, daß der Förster auf Umwegen zum eigenen Vorteil Wildbret verkaufe, wovon auf seiner Rechnung nie ein Wörtlein verlaute.

Auf einem mit Krummholz bewachsenem Abhang begegnete er Toni. Ehe der Jäger ihn fragen konnte, ob er etwas über den Förster wahrgenommen habe, deutete dieser auf die Wiese hinab, durch welche der Bach der Gaisau fließt. Dort erkannte er deutlich die Moidel, die ohne das Wissen ihres Mannes sich zur Grummetmahd verdingt hatte, um ein paar Kreuzer ins Haus zu bringen. Dem Toni wurden darüber die Augen feucht.

Offenbar hatte der Bauer, dem die Wiese gehörte, des schönen und besonders heißen Wetters wegen sich vom Herrn Pfarrer die Dispens erwirkt, das Heu ausnahmsweise an einem Feiertage einzubringen. Sie beobachteten alle Bewegungen der schönen Frau.

Eben als sie sich ziemlich weit von den anderen Arbeiterinnen entfernt hatte, schritt der Förster Thomas über die abgemähte Wiese her auf sie zu. Sie konnte ihn nicht eher wahrnehmen, bis sie seine zudringliche Hand auf ihrem Nacken spürte.

Sie wandte sich um und stieß einen Schrei aus. Im nächsten Augenblick hatte der Thomas einen Schlag mit dem Rechen gegen die Brust erhalten. Der Förster ballte seine Hand drohend zusammen, schrie irgend etwas Unverständliches und ging eiligst längs des Baches weiter. Der Toni aber starrte den Lenzl sprachlos an.

"Hab' mir's doch gleich gedacht, der Kerl wildert!" sagte dieser lachend.

Der Toni antwortete nichts.

Der Jäger aber fuhr fort: "Siehst es, Toni, jetzt weißt es auch, warum dir der Förster keine Arbeit gibt. Betteln für dich soll die Moidel bei ihm und -"

Der Toni ließ sich jetzt nicht mehr halten. Wie ein kollernder Stein flog er über den steilen Abhang hinab. Der Jäger sah ihm nach. Moidel wehrte ihrem Manne ab, als er sie vor allen Leuten herzen wollte.

"Toni", sagte sie ruhig, "heut hab' ich noch was zu reden mit dir!"

Das war freilich etwas Seltsames, was er da zu hören bekam.

Der Thomas war ein Mensch, dessen man sich, wie sie meinte, zu allem versehen konnte. Als sie selbst Sennerin war auf dem Grünkogel, hatte er die Sparren aus dem Dach gerissen und war wie ein Marder herabgekrochen, um sie mit seinen Zudringlichkeiten zu beschimpfen.

Den Gaisauer Wirt hatte kein anderer erschossen als er. Dabei blieb die Moidel fest stehen. Der Toni wandte ihr ein, daß keiner mehr als der Förster über die Jäger schimpfe, die sich solcher Verbrechen schuldig machten. Moidel aber verzog ihren feinen Mund und lachte bitter. Was sie antwortete, bewies freilich, daß sich der Förster zu verstellen wußte.

"Und den Burschen, den man nimmer gesehen hat, den Wildbühler Martl, wer hat etwa den auf dem Gewissen?" unterbrach Toni die Moidel.

"Frag nicht. Er war's, der an dem Abend, wo der Martl zum letzten Mal im Wald gesehen worden ist, mit einem falschen Bart am Gaisauer Bach da gestanden hat. Er hat ihm aufgepaßt. Er, der Thomas und kein anderer."

Aber wie beweisen?

Wäre er drei Stunden früher bei der Hütte gewesen, von welcher der Senne mit den Käslaiben niedergestiegen war, so hätte er ein anderes Gesicht gemacht.

Dort hatte sich am Nachmittag Folgendes zugetragen.

Der Förster Thomas hatte dort auf der Brunnenwald-Alpe einen Bekannten und Vertrauten. Er ging, so schnell es sein steifer Fuß erlaubte. Endlich erreichte er die Hütte. Der Senne, den sie den 'wilden' Xaverl hießen, weil er einen Kropf hatte wie ein Kretin, beantwortete den Gruß des Försters mürrisch.

"Gehen wir in die Hütte", erwiderte der Förster.

Nach einer Weile kam ein Almenbettler gegen die Hütte heran. Das war einer von jenen, die auf den Sennhütten Butter und Schmalz betteln gehen, um, wie sie sagen, den Winter über leben zu können, in Wirklichkeit aber die Spenden sofort um wenige Kreuzer zu verkaufen und diese in Branntwein zu vertrinken.

Die drinnen hatten die Schritte des Bettlers nicht gehört, aber durch die breiten Ritzen der lose übereinander gelegten Balken der Hütte drangen an die Ohren des Bettlers.

"Ist das Grab wenigstens so, daß es kein Mensch findet und kein Hund oder kein Fuchs aufkratzt?"

"Dem Wildbühler Martl seine Knochen vertragt kein Fuchs mehr", sagte der Xaverl.

"Gibst wohl noch immer Steinplatten drauf?" fuhr der Förster fort.

"Es schaut's ein jeder Mensch für ein Steinmannl an. Und damit sie's noch recht glauben, habe ich ihm auch noch einen Steck eingesteckt, der zum Joch weist."

Der Bettler hatte genug gehört. In wenigen Augenblicken war er außerhalb des Gesichtskreises der Sennhütte.

Bald fand er den Lenzl. Ein solches Geschenk war ihm noch nie in seine zerlumpte Tasche gefallen wie heute abend. Aber schwören mußte er, stille zu sein, schwören beim heiligen Blut und beim höchsten Gut.

Der Toni aber war seit einem Jahr nicht in so vielen Wirtshäusern gewesen als an diesem Abend. Der Lenzl war in sein Haus gekommen und hatte gesagt: "Da, nimm Geld, soviel du willst, Toni!"

Und dann hatte er ihn vor die Türe hinausgezogen und lange, lange mit ihm gesprochen.

Heute abend waren alle Wirtshäuser voll von Bauern und Almenleuten. Aber beim Löwenwirt, im Bräuhaus, in der Gaisau, beim Oberen und Unteren Wirt, auch beim Schmied, bei dem scheues Volk Branntwein trank, war von nichts anderem die Rede als davon: "Der Wildbühler Martl ist gefunden worden."

Wo?

Ja, das wußte niemand. Wer hatte es erzählt? Alle. Wer zuerst?

Niemand wußte es.

Vielleicht hätte das der Toni sagen können. Denn bevor er im Bräuhaus gewesen war, hatte kein Mensch davon gesprochen. Auch der Lenzl war im Bräuhaus, aber derjenige, der am meisten wissen konnte, der Förster Thomas, war noch nicht da.

"Nu, also der Martl, endlich!" hieß es auf allen Seiten, als er schließlich eintrat.

Der Förster zuckte zusammen, wie wenn der Donner vor ihm in den Boden geschlagen hätte.

Das war ein Schreien und ein Erklären.

"Ja, wer denn, ums Himmels willen, hat ihn gefunden?" war das erste Wort, das aus der gelähmten Kehle des Thomas kam.

Wieder ein Durcheinanderschreien. "Der Lenzl hat's erzählt!" "Beim Schmied haben sie davon gewußt." "Die Karrenzieher haben's aus der Gaisau mitgebracht!"

Lenzl und der Toni verwendeten ihre Blicke nicht voneinander. Als der Förster hinaustaumelte, um, wie er sagte, Untersuchung anzustellen, folgten ihm beide.

Das war aber eine Mühe, bis zum obersten Bergwald hinaufzuklettern! Ohne den aus dem sich verziehenden Gewölk vortretenden Mond hätten sie sich schwer zurechtgefunden in den Baumwurzeln von längst verschwundenen Stämmen. Wie Gespenster standen graue, abgedorrte Tannen herum. Die hochgeschwellten Wasser übertönten jedes Geräusch der Schritte.

An der betreffenden Stelle räumte der Förster die Steine weg, und es kam ein Gerippe zum Vorschein. Die Kleider waren zerfallen - einige Geldstücke klebten am Knochenleim der Rippen.

"Lüge!" brüllte der Förster in die Nacht hinaus. "Da ist er ja!"

"Jetzt geh!" sagte der Lenzl zu Toni.

Und da stand er, im undeutlichen Mondlicht.

Thomas taumelte zurück, aber nur einen Augenblick.

Dann sagte er mit wahnsinnig klingender, unheimlich ruhiger Stimme: "So, jetzt findet der Martl seinen Schlafkameraden. Dich hab' ich hinstrecken wollen, dich, elender Knecht, hab' ich gemeint, auf die Deck' zu bringen, wie ich den Martl erschossen hab'. Die Moidel war' mein gewesen. Siehst es, Knecht, verwechselt hab' ich euch. Jetzt, Spion, Lump, jetzt sollst es wissen, bevor ich dich niederschieß'. Mein ist die Moidel, denn ehe sie deine Brut verkommen läßt, wird sie mir weich. Bärenköder sollst du werden, du feiger Angeber!"

"So, also dem armen Toni hat's gegolten?" ertönte hinter dem Thomas eine Stimme. "Ja, ja, so ein Aasjäger wie du, der zu allem seine eingehängten Winterfenster braucht, der Brillen mit sich trägt, dem kann das schon unterkommen. Aber, komm Alter, jetzt gehen wir miteinander. Der Herr Zollinspektor wird sich recht freuen."

Einen Augenblick lang war das 'Steinmann', neben dessen Platten das geöffnete Grab sich auftat, nicht regungsloser als der Förster über diese Ansprache des Jägers Lenzl.

Im nächsten Augenblick aber regte sich der Arm, der Hahn schnellte und der Thomas lag, vom eigenen Geschoß getroffen, neben dem Toten.

Stille herrschte. Nach langer Pause sagte der Jäger: "Er hat sich selbst den Lohn gegeben. Er ist hinüber. Sein Recht ist ihm geschehen."

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 194 - 206.