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Steirische Wildschützen

In einem jener langgestreckten Täler, welche sich südöstlich von Aussee zwischen Enns und Muhr in die niedrigere Tauernkette hineinziehen, war der Schützen-Hans als der gefährlichste aller Wildschützen bekannt. Es war ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig Jahren, der dem verbotenen Waidwerk aus bloßer Lust sich hingegeben; als er aber später vom Militär aus Heimweh nach den Bergen desertierte, gestaltete sich der Aufenthalt in den hohen Einöden zur Notwendigkeit, weil ihn überall der Kerker erwartete; so blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Unterhalt mit der Büchse zu suchen.

Sein Jagdrevier waren die aneinandergrenzenden Besitzungen eines Hüttenwerksbesitzers und eines Fürsten. Der Wildbestand beider wurde durch die Ausflüge des Schützen Hans arg mitgenommen, so daß man sich alle erdenkliche Mühe gab, den Hans zu erwischen, aber seine Schlauheit machte die Versuche zuschanden - bis ein Zufall ihnen die Mittel an die Hand zu geben schien, nach welchen sie vergebens so lange getrachtet hatten:

Auf dem Gute des Hüttenwerksbesitzers war ein neuer Knecht aufgenommen worden, der Sepp, der bei nicht wenigen Jagdausflügen des Schützen-Hans dessen Spießgeselle gewesen war.

Diesem hielt man das Register seiner Sünden vor, verhieß ihm Verzeihen und versprach ihm schließlich eine Belohnung von sechsunddreißig Gulden Silber, wenn er den Hans zur Stelle schaffe.

Die Sache wurde beschlossen, und nun ging es an die Ausführung. Unter einer Wand angekommen, von welcher aus man in einen 'Graben' sehen kann, legte er sich auf den Boden und jauchzte in einer verabredeten Weise. Kaum war sein Jodler verklungen, als er in der Ferne das Gegenjauchzen vernahm, und bald unterschied sein scharfes Auge einen Kopf, der hinter einem Block hervorschaute. Es war der 'Schützen-Hans', der vorsichtig auslugte, ob es wirklich sein Freund Sepp sei, der ihn herbeirief.

Er kam nur langsam und mit gespanntem Hahn heran, denn er empfand ein ziemliches Mißtrauen gegen den abtrünnig gewordenen Genossen. Erst als er die Gewißheit besaß, daß dieser keine Waffe bei sich trug, ließ er sich mit dem Freunde in ein Gespräch ein.

Sepp war wohl stärker als der 'Wildschützen-Hans', aber das Bewußtsein der niederträchtigen Handlung, welche er an ihm zu verüben im Begriffe stand, lähmte einen guten Teil seiner Kraft. Er sagte dem Wildschützen, es habe ihm keine Ruhe mehr gelassen, bis er seinen alten Hans wieder einmal sehen konnte, - dabei sann er aber nach, wie er ihn in die Nähe von Menschen bringen möchte, welche mithelfen wollten, ihn zu fesseln.

Da fiel es ihm bei, daß heute ein Tag war, an dem viele Menschen nach der Seethaler-Alpe kommen würden, um den Rindern Salz zu bringen. Er lockte also den Hans dahin, indem er ihn bat, ihn zu seiner Geliebten, die dort Almerin war, zu begleiten. Nach einigem Zögern willigte dieser ein.

Doch auf der Alpe angekommen, fanden sie niemanden. Sepp versuchte es nun, den Freund hinzuhalten, bis diejenigen kämen, auf welche er zählte. In seiner Verlegenheit wußte er gar nicht, wie er das anpacken sollte. In der Hütte hing eine schöne silberne Uhr mit Kette, welche Sepp der Almerin für den Sommer geliehen hatte. Diese nahm er herab, zeigte sie dem Wildschützen und prahlte damit.

Doch der Wildschütz drängte zum Aufbruch. Da blieb dem Sepp nichts übrig, als den Freund bei seiner schwächsten Seite anzufassen. Dieser besaß einen Stutzen, welcher sich nicht weniger durch die zierliche Arbeit als sein sicheres Treffen auszeichnete.

"Geh, probier'n wir deinen Stutzen ein wenig!" sagte Sepp.

Hans konnte dieser Lockung nicht widerstehen. Sie hefteten einige Blätter an die Pfosten der Hütte und 'beschossen' - wie man dort von zwecklosem Schießen sagt. Bei dieser Gelegenheit bekam Sepp den Stutzen mehrmals in die Hände und konnte sich, wenn er den Mut hatte, seines Freundes bemächtigen. Aber eben dieser fehlte ihm.

Nach einiger Zeit wurde Hans des Schießens überdrüssig und machte sich daran, von dem Gefährten Abschied zu nehmen. Dieser stand auf Kohlen; die Leute, auf welche er wartete, kamen immer noch nicht.

So blieb ihm nichts übrig, als Hans zu begleiten und unterwegs auszusinnen, durch welche Mittel er ihn in die Nähe von anderen Leuten locken könne.

Endlich erwuchs ihm ein Verbündeter im Durst seines Gefährten. Dieser fragte nach Branntwein, und Sepp machte den Vorschlag, nach dem 'Branntweinhäusl' einer Wurzgräberhütte zu gehen, die etwa eine halbe Stunde entfernt lag. Allerdings war dort kein anderer Mann als Sepps alter Vater, dem die Hütte gehörte, aber es kam vielleicht zufällig ein Gast hinein - jedenfalls war es eine neue erwünschte Verzögerung.

In kurzer Zeit traten sie über die Schwelle der Wurzgräberhütte. Der Vater war nicht da - nur die beiden jüngeren Geschwister, ein Knabe von etwa fünfzehn und ein Mädchen von sechs Jahren, hüteten das Haus.

"Moidei, du bringst' en Branntwein!", befahl Sepp dem Mädchen. Während der Wildschütz verlangend nach dem Glase sah, nahm sein Genosse den Knaben vor die Hütte und sagte zu ihm: "Jetzt laufst in die Brenner-Alm und sagst den Haltern, sie sollen gach komma. Sie soll'n mir helfen, den Hans fangen. Lauf, was du kannst!"

Der Knabe rannte davon, in demselben Augenblicke sah ihn aber Hans, zufällig durch eins der kleinen Fenster schauend. Blitzschnell war ihm seine ganze Lage klar. Rasch stand er auf, stürzte den Rest des Branntweins hinunter und ging auf Sepp zu, der neben der Türe stand.

"Also ein solcher Tropf bist du?" lachte er ihn an, "aber wart nur, ihr kriegt mich nimmer."

Mit diesen Worten überschritt er schleunig die Schwelle. Jetzt stand für Sepp alles auf dem Spiel. Mit einem Satze hatte er den Wildschützen gepackt und ihm mit seinen stärkeren Armen das Gewehr aus der Hand gewunden. Hans wehrte sich verzweifelt, aber er wäre sicherlich von der überlegenen Körperkraft seines Widersachers besiegt worden, wenn es ihm nicht gelungen wäre, sein Messer zu fassen.

Nun schrie er den Knecht an: "Laß aus, oder ich schneid dir die Hand ab!"

Sepp trat eingeschüchtert zurück; der Wildschütze benützte den Augenblick, zu entfliehen.

Der Verdruß des Knechtes, daß ihm Hans auf diese Weise entkommen war, wurde etwas durch das Vergnügen an dessen zurückgebliebenem Stutzen gemildert. Er nahm ihn als Beute mit und berichtete am Abend dem Herrn über seine Unternehmung.

Dieser belohnte ihn mit einigen Gulden, und seine Freude war groß.

Das Glück Sepps sollte indessen durch Nachrichten, welche drei Tage nachher von den Alpen einliefen, nicht wenig getrübt werden: Durch eine List war es dem Schützen-Hans gelungen, die Büchse und die silberne Uhr Sepps in seine Hände zu bekommen. Hans' Stutzen war hübsch, aber so viel, als diese beiden Sachen zusammen war er doch nicht wert, der Geschädigte also in Wirklichkeit der Knecht und nicht der Wildschütz.

Hans war zwar aus dem Abenteuer ohne Schlappe hervorgegangen, aber die Geschichte hatte ihm doch allerlei zum Denken gegeben. Er besann sich darüber, ob es am Ende nicht doch gescheiter wäre, in irgendeinen ordentlichen Bauerndienst zu gehen, als sich wie ein wildes Tier in den Bergen herumhetzen zu lassen.

So meldete er sich in Graz bei seinem Obersten als Deserteur.

"Es ist Zeit, Schlingel - morgen hätte ich dir nicht mehr helfen können", sagte dieser. Hans erfuhr, daß aus Veranlassung eines freudigen Familienereignisses im Kaiserhaus unter anderem allen Deserteuren des Heeres, die sich bis zu einem bestimmten Tage meldeten, die Strafe nachgesehen worden sei. Er war am Tage vor Ablauf des Termins gekommen.

Nachdem der ehemalige Wildschütze anderthalb Jahre lang zu Mantua in Garnison gestanden, wurde er für immer beurlaubt. Sepp, mittlerweile Gegenstand der Verachtung aller Burschen, wurde von seinem Herrn davongejagt, weil man nach und nach seine Schliche durchschaute. Hans aber wurde auf Anraten des fürstlichen Försters Jagdaufseher in den Besitzungen des Hüttenwerksbesitzers.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 125 - 129.