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Die Wildfrauen am Grundlsee

Die Wildfrauen stehlen gern Kinder und ersetzen sie in den beraubten Häusern durch abscheuliche Wechselbälge. Mit dem Wechselbalg mag man beginnen, was man will, er läßt sich nicht vom Haus vertreiben, und die Leute werden das zudringliche Ungetüm nicht los. Nur einmal gelang es ihnen, soviel man am See weiß. Dort, jenseits des Fichtenwaldes, gegen das Ostende des Gewässers hin, steht das Schachner-Haus. In ihm war ein Wechselbalg, welcher allen Leuten der Gegend wegen seiner Häßlichkeit, den Hausgenossen aber auch noch deshalb, weil sie den gefräßigen Gast nie sättigen konnten, verhaßt und zuwider war. Er hieß darum am ganzen See der 'Schachner-Z'widerling'. Es wurde ihm alles Erdenkliche angetan, um ihn zum Fortlaufen zu bewegen; aber es gefiel dem Z'widerling im Hause so wohl, daß er sich nicht vertreiben ließ. Nachdem sie ihn mit unzähligen Possen geneckt hatten, gerieten sie eines Tages auf den Einfall, den Tisch, an welchen er sich zum Essen niedersetzen wollte, ganz mit winzigen leeren Geschirrchen zu bedecken. Da schaute sie der Wechselbalg verwundert an und sagte: "Mir ist viel bekannt; ich habe an derselbigen Stelle, wo wir sitzen, dreimal Wiese und neunmal Wald gesehen, aber so etwas war noch nicht da!" Und von diesem Tage an verschwand er. Unheimliche Erscheinungen und Gespenster jeder Art werden an diesem See mit einem Wort bezeichnet, welches sonst überall unbekannt zu sein scheint. Es 'aniweicht', es zeigt sich ein Aniweich. Das geschieht an mehreren Stellen der kleinen Weiler, welche am See liegen, und mehr als ein Weib scheut sich, nach eingebrochener Dunkelheit vor die Haustür zu treten, aus Furcht, von einem Aniweich angesprochen zu werden.

Mancherlei Vorstellungen erhalten sich begreiflicherweise in einer Sackgasse des menschlichen Verkehrs - denn nur nach Westen führt hier eine Straße - viel länger, als in solchen Tälern, durch welche breite Ströme von Wagen und Menschen ziehen. Daß sich Wildschützen 'gefroren' machen können, um gegen Kugeln unverwundbar zu werden, daran zweifelt niemand. Eine gläserne Kugel allein löst solchen Zauber. Als einst Missetäter von hier nach dem Falkenstein bei St. Wolfgang zogen, um dort die beiden Einsiedler zu ermorden und auszurauben, wurden sie von jenen mit gläsernen Kugeln empfangen.

Auch die alten Meinungen von dem Treiben der Schlangen haben hier noch immer ihre Geltung. Sie singen vor ihrem König mit heller Stimme wie die weißgesichtigen Wildfrauen im Abendstrahl auf ihren Bergspitzen. Auch wissen die Leute ein Mittel, sich dieses Königs zu bemächtigen, der eine goldene Krone trägt. Wenn die Schlangen alle um ihn versammelt sind, so läßt man ein Wagenrad mitten hindurchlaufen. Sie verfolgen in ihrer Wut das daherrollende Holz und eilen von ihrem König weg, welcher unverteidigt ergriffen werden kann. Eine andere Art, sich des goldenen Geschmeides zu bemächtigen, besteht darin, daß man ein Garn auf der Erde ausbreitet, welches ein Mädchen unter sieben Jahren gesponnen hat. Wenn die 'Krönl-Natter' darüber geht, muß sie die Krone fallen lassen. Legt man eine solche Krone in seine Geldtruhe, so kann sich der Vorrat an Münzen nie verringern.

Die Lust an wunderbarer Gewinnung von Schätzen veranlaßt die Leute, daß sie in den Gebirgen umhersteigen und sich von willkürlich ersonnenen Anzeichen bestimmen lassen, unter schwerem Schweiß das Gestein zu durchwühlen. Ein steiler Pfad hinter dem Bockenstein heißt noch immer die goldene Stiege. Es ist nicht gerade immer die Armut, welche sie zu solchen Abenteuern treibt. Die wenigen Häuser am Fuße dieses Berges, welche man unter dem Namen 'das Gössel' zusammenfaßt, bergen mehr Wohlhabenheit, als der Vorübergehende ihren braunen Holzwänden ansehen will. Als vor einigen Jahren die Silberzwanziger außer Verkehr gesetzt wurden, kamen aus diesen Hütten deren siebenzehntausend, welche nach Bauernart versteckt gehalten worden waren, zur Auswechslung nach Aussee.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 118 - 120.