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Der Wasserfall am Mondsee

Der Wasserfall, welcher über einen hohen Absatz der Wände niederweht, muß im Frühling gesehen werden, wenn der schmelzende Schnee ihn anschwillt. An der großen der heiligen Thekla geweihten Fichte vorüber führt der Pfad auf dem reich entwickelten Moos fort, das, mit Efeu, Alpenrosen, Heidelbeeren, Immergrün und Alpenveilchen in zahllosen Büschen durchwachsen, auf dem dichten schwarzen Waldboden wuchert. An herabgerollten Blöcken haben sich Nadelhölzer angesiedelt. Dazwischen steht an manch lichterer Stelle ein belaubter Baum, an dem die wundersame Mistel hinankriecht.

Durch den Einschnitt in den Felswänden, über welche der Wassersturz weithin vernehmlich herabrauscht, wehen an Lenztagen heiße Winde herein und rütteln an den Fichten, während der See unten von schwerer eisiger Ostluft bewegt wird. Wer in solchen Stunden den Waldpfad hinansteigt, den überkommt eine Empfindung, als ob er sich in einem Bade befände, in welches kaltes und siedendes Wasser zu gleicher Zeit einströmt. Das Wasser, am Felsen jäh hinabgleitend, zittert hin und her, und man sieht, daß wir uns vor einem jener Wasserstürze befinden, welche die hergebrachte Bezeichnungsweise Schleierfälle nennt. Wir betrachten das schaumige Rieseln und Wehen: Fels-Dreiecke überall, rote vom Gischt überwaschene Sandsteinfelsen, ein mit Trümmern übersätes Bett, in welchem die herabgeschmetterten Fluten sich seeabwärts zwängen, und neben der Felskante, an welcher dort oben der Bach sich zum Sturz hinabbeugt, eine Legföhre, welche zittert und schwankt wie unten das zerstiebende Ende der breiten Säule.

Der Drang des neben ihr sich abwärts krümmenden Baches, die erschütterte Luft müssen das Gewächs bewegen, welches wie ein Geiernest an dem mauergeraden Drachenstein hängt. Stümpfe, eingestürzte Vorragungen der unterhöhlten Felsen und geborstene Blöcke, allenthalben im Forst zerstreut, kennzeichnen wohl die wilden Gewalten in Luft und Wasser. Und wenn wir am späten Abend heimkehren, so zeigt sich vielleicht, zwischen hohe Wipfel eingeklemmt, der gelbe Mond, und die Eule mengt ihr dumpfes Gelächter in das allmählich verwehende Summen des hohen Sturzes.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 23 - 25.