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Ein ländliches Trauerspiel

Unter mancherlei Geschichten von den Schicksalen Einheimischer, die ich zu hören bekam, insbesondere von Wildschützen- und Schmugglerabenteuem, die wegen der Nähe der wildreichen bayerischen Reviere und der Grenze nicht gar selten sind, erschien mir keine so seltsam als die eines armen Buchbinders, Michael Mantl aus Reutte. Dieser war auch Bauer und Dichter und hatte den wichtigsten Teil seiner Erlebnisse selbst in Versen geschildert.

Mantl war so fromm erzogen worden wie die meisten seiner Landsleute und kannte als junger Mann kein höheres Ideal, als Meßner in einem Kloster zu werden. Zeitweilig dachte er sogar daran, selbst ein solches zu gründen, teils durch Aufopferung all seiner Habe, teils durch Einsammlung frommer Spenden. Tagelang war er damit beschäftigt, einstweilen Holz und Stämme herbeizuschleppen, welche als Baustoff für sein Kloster 'Zur ewigen Anbetung' dienen sollten. Indessen, mag die Veranlassung wo immer hergekommen sein, diese Absicht blieb unausgeführt, und Mantl lernte zu seinem Unglück ein Mädchen aus Lermoos kennen, Rosina Hundertpfund, der zuliebe seine Gedanken die weltliche Richtung nach Hochzeit und Heirat nahmen. Rosina, nicht minder fromm wie er, willigte zwar in die Heirat ein, machte aber einen eigentümlichen Vorbehalt. Es war nicht so sehr eine sogenannte 'heilige' oder Josephsehe, (eine ziemlich häufige Sitte), über welche sie sich einigten als vielmehr eine hinreichend große Anzahl von Tobiasnächten, deren Wesen ich dem Leser zu erklären überlasse und nur bemerke, daß hier die Parteien des Vertrages für eine beschränkte Zeit vorerst jene Verpflichtung übernahmen, welche ihnen die 'heilige' Ehe für immer auferlegt. So wurden also Michael Mantl und Rosina Hundertpfund ein Paar.

Nun kommt der bedenklichste Teil der Geschichte.

Nach einiger Zeit des Zusammenlebens drängte Mantl auf die Aufhebung des besagten Vertrages. Seine Gattin wies ihn voll Entrüstung zurück, und ihr Verhältnis blieb wie zuvor. Mantl sah ein, daß er, wenn auch nur in Gedanken, gesündigt habe, und wurde frömmer, als er je gewesen war. Die öffentliche Meinung aber bezeichnete jene Entrüstung der Hundertpfund als Koketterie; denn es ist erwiesen, daß kurze Zeit später unzweifelhafte Eröffnungen, die nicht minder den Vertragsbruch zum Zweck hatten, von ihrer Seite ausgingen. Mantl war aber nun einmal wieder völlig Asket geworden, und so kam es, daß seine Gattin ihm plötzlich bei Nacht und Nebel davonging und sich in das Haus ihrer Eltern zu Lermoos begab.

Mantl beschreibt in seinem Werk vorerst den Schmerz, den ihm die Entfernung seiner Gattin bereitete. Tage und Nächte saß er vor ihrer Tür, er bestürmte Gemeindevorsteher und Seelsorger. Umsonst. Rosina ließ sich nicht erweichen. Einmal nur gelang es ihm, ins Haus einzudringen, aber was er vorerst fand, war nicht Rosina:

Es war die alte Base,
Sabina Hundertpfund,
Die hinterm Ofen säße,
Auch schlafend und zwei Hund.

Es kommt aber doch zu einer vorläufigen Verhandlung, die durch eine ihm feindlich gesinnte Person wieder unterbrochen wird:

Doch ach, was nun erschiene,
Es kam mein ärgster Feind,
Genannt des Rafflers Trine,
Die aus der Kirch erscheint.

In der Tat zerschlug sich alles durch die Dazwischenkunft dieser Raffler. Mantl machte sich nun schmerzerfüllt wieder auf den Weg nach seinem verwaisten Haus. Der freundliche Dekan von Reutte und andere geistliche Herren versprachen ihm ihren ganzen Einfluß, die hartnäk-kige Entflohene zur Rückkehr zu bewegen. Umsonst. Der verlassene Gatte mußte nach wie vor allein in seinem Hause walten und alle Geschäfte besorgen:

Ich koch, ich wasch, ich fege,
Und scheue keine Müh,
Und darf wohl sein nicht träge,
Bei Kälber und vier Küh.

Wieder ging er nach Lermoos zu den Angehörigen seiner Frau, zum Pfarrer, zu einer Menge von ihm genannter Personen. Endlich scheint seine Geduld erschöpft, er sucht die Ungetreue zu vergessen:

Sie ist nicht mehr zurückgekehrt,
Rosina, meine Liebe,
Doch dieses Lied aufs neu mich lehrt:
Verwirf doch solche Liebe!
Vergiß dies Herz und laß sie drein,
Such dir ein schöneres Leben,
Es gibt ja viel der Mädchen fein,
Die schöner dich umschweben.

Auf der Seite seines Büchleins, auf welcher diese Strophe steht, macht Mantl eine auf dieselbe bezügliche Anmerkung, die das schlimme Licht, welches eine derartige Äußerung auf seine Sitten werfen könnte, wieder aufhebt. 'Der Verfasser ersucht den Leser, diesen Vers nicht zu mißdeuten, indem er darunter nur ein friedliebendes, ordentliches Dienstmädchen versteht.' So blieb die Sache, alle Mittel, Rosina umzustimmen, erwiesen sich vergeblich. Da kommt unserem Buchbinder die Reue, und er gibt sich selbst die Moral seiner Abenteuer:

Will allen noch mitteilen,
Erfahrung sonderbar:
Man soll nicht übereilen,
Den Gang zum Traualtar!

Damit schließt das Buch.

Allein die tragische Entwicklung ließ nicht lange auf sich warten.

Einer der Angehörigen des Mädchens suchte der Geschichte dadurch ein Ende zu machen, daß er ihm mitteilte, Rosina sei abgereist und nach Amerika ausgewandert. Da zu jener Zeit, wie noch heute, viele Tiroler nach Peru zogen, hatte die Nachricht nicht viel Unwahrscheinliches. Aber nun zeigte sich, daß er mit seinem schließlichen Widerwillen gegen die geliebte Hunderpfund sich selbst betrogen hatte. Flugs ging er nach Hause und machte alle seine Habe zu Geld. Das Schiff aber, mit dem jener Auswanderungstrupp in die neue Welt befördert werden sollte, war schon abgesegelt. Mantl besann sich nicht lange und nahm einen Platz auf einem Dampfschiff, welches die langsame Fahrt des Seglers weit überholen würde, wie man ihm sagte.

So war es auch. Als er in Lima anlangte und beklommenen Herzens nach jenem Schiff fragte, erhielt er die frohe Nachricht, daß es noch nicht angekommen sei. Nun wartete er Woche um Woche. Endlich kündigten die Signale sein Einlaufen an. Mit welchen Gefühlen er an den Strand stürzte, den ersten Tiroler um sein Weib befragte, wie er entsetzt von einem seiner Landsleute nach dem anderen vernehmen mußte, daß es gar nicht auf dem Schiff gewesen sei und niemand etwas von ihm wisse!

Die Lage Mantls war schrecklich. Er sah, daß er betrogen worden war. Indessen waren seine Mittel durch die bedeutenden Kosten der Überfahrt auf dem Southampton-Dampfer und das lange Warten in der teueren Hafenstadt so geschmälert worden, daß der Arme nicht mehr daran denken konnte, nach Reutte zurückzukehren.

So ging er weit landeinwärts und arbeitete zuletzt in einem Bergbau. Vor etwa fünf Jahren gelangte die Nachricht in seinen Heimatort, daß er von Indianern erschlagen worden sei. Rosina Hundertpfund aber ist noch heute wohlgenährte Köchin bei einem geistlichen Herrn im frommen Vaterland.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 341 - 345.