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Thiersee

Der Weg von Kufstein nach Thiersee führt durch waldfrische Voralpentäler. Der Anblick derselben ist bezeichnend für die Eigentümlichkeiten des Vorlandes überhaupt.

Bis zum 'Wachtl' hinein geht man meist am Bache hin. Nebenan im Wasser gewahrt man Triftrechen, in der Ferne Wälder und wolkige Berge, Holzhaufen, Kalköfen, Kohlstätten, deren Dach gleich dem der meisten Bauernhäuser und Sennhütten mit Steinen beschwert ist.

Man sieht hier so manche Szenerie, wie sie die Romanschreiber und Genremaler des Gebirges schildern: der Flieder, der sich über den Holzhaufen wölbt, der kleine Backofen im Brennesselgebüsch, die Zwetschgenbäume über den Holzzäunen, der Tümpel des Baches mit den darauf schwimmenden Hölzern, weiße Häuser auf dem Wiesenplan, ferne Rauchsäulen der Kohlenbrenner im Walde und zur Abwechslung ein Gersten-, ja selbst ein rauschendes Maisfeld in den Lichtungen.

Widerlich sind die Zementöfen, in welchen der bekannte Kufsteiner Zement zubereitet wird, mit ihrem Gequalm. Wo sich die Nützlichkeit in die Bergnatur hereindrängt, ist es mit der Schönheit allemal vorbei.

An schwülen Sommertagen treibt da auch der hohe Pendling seine Spiele, indem er bald aus dem glänzenden Gewölk hervortritt, bald sich verschleiert, bald versunken schien, bald kupferrot durch die Dünste flimmert.

Bald erreicht man den Thiersee, ein ziemlich großes, grasgrünes Gewässer. Als ich es zum letzten Male besuchte, feierten die Thierseer ihr Kirchenpatrocinium. Es wurde geschossen, und es rollte und knatterte von den Wänden über die grüne Fläche her wie von einer Schlacht. Dazu saßen einige in dem Kahn, der in einem versumpften Zufahrtskanal zum See liegt, schwenkten die Hüte und jodelten.

Von da gelangt man nach Hinter-Thiersee, wo man beim 'Adler' rasten mag, neben dem ein schwarzer Eisenhammer steht. Hier trifft man oft Jäger und hört manche Gebirgsgeschichte.

Ebenso munter geht es im 'Landl' zu, wo die Zither- und Tanzlust des benachbarten Bayern sich noch verspüren läßt. Neben dem Wirtshaus steht eine Kapelle mit roter Tür und der Jahrzahl 1685, darin ein Holzbildstöckl, wie ein Meilenzeiger. Helles Geläute dringt durch die Waldberge, und ferne Höhen schauen im durchscheinenden Sommerglast amethystfarben in die Einsamkeit herein.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 252 - 253.