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'Josele' vom Tappenkar See

"Was ist denn aus dem Josele geworden, den ich vor zwanzig Jahren in Klein-Arl getroffen habe, wo er hinten beim Tappenkar die Schafe hütete, der Philosoph, wie sie ihn geheißen haben?"

So ungefähr fragte eines Tages ein Wanderer, der dem grünen Hochsee zustrebte, welcher oben in den Tauern liegt, in den Gebirgen, welche die Quelle der Mur und der Enns trennen.

Der Tappenkar See ist von den Alpenseen Österreichs der höchste. Er ist höher als fünftausend Fuß in das Gebirge eingebettet. Denn von den Gletscherlacken und andern Quellentümpeln, die sich hier und dort im Gebiete des ewigen Schnees vorfinden, soll hier nicht die Rede sein. Aber die Reisenden, die fünf bis sechs Stunden davon entfernt auf der Eisenbahn vorüberfahren, wissen nichts davon.

Doch kommen wir auf den Josele zurück.

Er war in mancher Hinsicht eine merkwürdige Ausnahme von dem Volke, das in diesen Tälern lebt. In ihm war Verständnis für die Schönheit der Natur zu verspüren. Er machte den durchziehenden Wanderer unaufgefordert auf die Pracht eines Wasserfalles aufmerksam. Stets war sein Hut mit Blumen geschmückt, und er vermochte stundenlang, auf seinen Stab gestützt, den Blick in den Duft der Höhen zu versenken. Er trug ein Büchlein, welches 'Von der Güte Gottes' handelte, in einem Ranzen von ungegerbtem Leder. Manche Zeit brachte er zu, indem er die groben Lettern zu Worten zusammenfügte.

Er erzählte, daß er alle vierzehn Tage in die Kirche ging. Dort hörte er mitunter eine Predigt, in welcher wenig von der Güte Gottes, dagegen viel von der Schlechtigkeit der Menschen und der Tücke des Teufels die Rede war.

Nur mit Widerstreben dachte der Josele, so hatte er einst dem Wanderer gestanden, an die finstere Hölle. Von der Schlechtigkeit der Menschen sah er nicht viel. Die Leute von Klein-Arl hatten ihn gern und grüßten ihn alle.

Der Josele war zum Philosophen geschaffen, wenn es wahr ist, daß die Fähigkeit der Verwunderung über alltägliche Vorkommnisse eine Anlage dazu bedeutet. Er wunderte sich.

So kam es vor, daß ein Hirt plötzlich starb, bevor es dem Josele möglich wurde, einen Priester herbeizuholen. Es hieß, derselbe müsse sich einer schweren Todsünde schuldig gemacht haben, weil er unbußfertig habe sterben müssen. Ohne Zweifel sei er der Verdammnis anheimgefallen.

Zuerst erschrak Josele bei der Vorstellung, daß es auch ihm in seiner Einsamkeit einmal so ergehen könne. Dann wunderte er sich darüber, daß einem Menschen, der ihm gut war und oft sein Brot mit ihm geteilt hatte, so etwas begegnet wäre. Denn alsdann hätte derselbe schon im Dorfe gelebt und sich nicht weit von der Wohnung eines Priesters entfernt befunden. Die Reichen können zu Hause bleiben und brauchen sich nicht draußen im einsamen Hochkar ihr Brot zu erwerben. Man muß also Geld haben, so dachte sich der Josele.

Auch geschah es ihm, daß er sich trotz seiner Bücher in eine Dirne vergaffte. Sie war schön gewachsen, hatte schwarzes Haar, braune Augen, schöne Zähne und trug vom Frühjahr bis zum Herbst Blumen hinter dem Ohr. Anfänglich mußte sie sich, seiner Schilderung nach, gestellt haben, als ob sie seiner Huldigungen nicht gewahr würde. Als er aber einmal beim Nachhausegehen von einer Spinngesellschaft, während welcher er sich beim Leuchten der Fichtenspäne, die in einer Nische der Wand brannten, an ihren Zügen nicht hatte satt sehen können, ihr in ungeschlachten Worten seine Liebe eingestand, da lachte sie, daß die Eiszapfen von den Dächern hätten fallen mögen. Nachdem sie sich erholt, hatte er von ihr zur Antwort erhalten: "Was willst denn du, Häuter, Du hast ja kein Geld!"

Also - wieder kein Geld!

In dieser Verfassung hatte der Wanderer den Josele vor zwei Jahrzehnten kennengelernt. Was war aus ihm geworden?

Der Angeredete wußte, daß der Bursche vor vielen Jahren nach Amerika gegangen und mit einigem Besitztum zurückgekehrt sei. Jetzt wohne er einige Meilen entfernt im eigenen Hause. Und er nannte einen Ort, der seit einer Reihe von Jahren gar häufig von Reisenden und Sommerfrischlern aufgesucht wird. An solchem Ort ein eigenes Haus zu besitzen, das war allerdings schon viel für einen Menschen wie den Josele, der keine anderen Einnahmen gehabt hatte als einen Viertelgulden für jedes Schaf, das er den Sommer über hütete. Und auch diesen geringen Verdienst hatte er fast ganz und gar zum Buchbinder im Marktflecken getragen, der ihm dafür allerlei bekannte Historien verkaufte.

Es sind arme Leute, die in jenen Tälern wohnen. In der Ebene zwischen dem Arl-Bach und der Enns sind viele Sümpfe, und um Altenmarkt herum steht manches der braunen Blockhäuser mitten im Schilf und in klaren, schleichenden Wässerlein. Zygnemen und 'Armleuchter' zittern in der Flut, die oft unter einer Schicht von grüner Gallerte unter Froschlaichalgen steckt. In alter Zeit mag wohl dieser Grund von gewalttätigen Wildwassern zerrissen und mit Gletscherschlamm und Löß bedeckt worden sein. Noch erheben sich als Denkmäler der Tätigkeit jener alten Eisfelder in Wagrein gewaltige Schutthaufen, einstmalige Stirnmoränen.

Nicht weit davon entfernt steht auch eine Ansammlung von Holzhütten, welche der Volksmund noch heute als das 'Lappendörfel' bezeichnet, was auf den Kretinismus manches Insassen hindeutet.

Der Wanderer fand den Josele in der Nähe seines Hauses. Man zeigte ihm einen gesund und behäbig aussehenden Mann von städtischer Kleidung mit einer goldenen Brille auf der Nase. Er glich vielmehr einem Kaufmann als einem bäuerlichen Grundbesitzer. Der Josele erinnerte sich recht wohl an den Wanderer, dem er vor Jahren sein Leid geklagt hatte, lud ihn ein und erzählte ihm die Geschichte der Entstehung seines Hauses.

Josele hatte, als er noch Hirt war, auf der Straße die Bekanntschaft eines Handwerksburschen gemacht, der ihm unter anderem erzählte, daß es zu Hamburg ein leichtes wäre, auf einem Schiff aufgenommen zu werden, welches nach Amerika fahre. Dort drüben aber seien schon viele reiche Leute geworden.

Das erste, was Josele tat, als er in den Markt kam, war, daß er sich beim Buchbinder eine Landkarte von Deutschland kaufte. Dann machte er sich mit einigen Groschen auf den Weg, indem er die Weisungen jenes Wanderburschen befolgte, der ihn im Betteln von Nahrung und Obdach unterrichtet hatte. Er geriet in eine Gesellschaft von wandernden Gauklern, die ihn lehrten, Werg zu essen und Feuer zu speien. Damit erwarb er sich so viel, daß er die Seestadt zu erreichen vermochte.

Auf der Elbe fand er Aufnahme auf einem Dampfschiff als Heizergehilfe. Das brachte ihm eine kostenfreie Überfahrt. In Amerika schlug er jene Laufbahn ein, auf die Tausende vor ihm gerieten. Bald war er Diener bei einem wandernden Doktor, daß heißt Scharlatan, der auf öffentlichem Platze Zähne herausreißt, bald Hausknecht in einer deutschen Bierkneipe, bald wieder Heizer auf einem Mississippi-Dampfboot. Zuletzt fiel er einem italienischen Holzspekulanten in die Hände, welcher in Kalifornien Wälder umhauen ließ. Da er als Älpler etwas vom Handwerk eines Holzknechtes verstand, so verwendete ihn dieser als Holzfäller in der Nähe von San Franzisko. Bis dahin hatte er sich ungefähr 300 Gulden erspart.

"Dort", sagte Josele, "entschied sich mein Schicksal." Eines Tages erblickte er die Villa eines wohlhabenden chinesischen Kaufmannes aus San Franzisko, der dort den Sommer zubrachte. Beim Anblick dieser sonderbaren Architektur wurde ihm sein Lebensziel klar, nämlich, ein solches Haus in den heimischen Hochgebirgen zu besitzen. Er wollte solche Pavillons, offene Veranden, Teekioske haben, wie er sie damals zum ersten Male sah. Daß das Klima im Pongau dazu paßt wie ein grönländischer Gletscher zu einem Nankinganzug, das kümmerte ihn nicht. Er sah jetzt nur mehr eines vor sich, nämlich ein solches Bauwerk daheim zu errichten.

Mit etwa achthundert Gulden langte er in seiner Heimat an. Sofort erwarb er einen Bauplatz und begann zu zimmern. Die Art und Weise jener luftigen Bauerei ermöglichte es, mit wenig zu beginnen und immer ein Stück an das andere zu flicken. Bald war ein sogenannter Pavillon mit Glöckchen auf dem Dache, mit Holzsäulen und offenem Gange fertig. Die Kurgäste und Sommerfrischler ergötztem sich an diesem Getriebe und beschenkten ihn. So entstand, je nachdem die Mittel nachwuchsen, immer eine Veranda nach der anderen. Denn kein Besucher verließ ihn, ohne etwas zur Fortsetzung der Bauten' zu spenden.

Mittlerweile gelangte der Wanderer mit Josele in eine Art von Allee. Dort war angeschrieben: 'Hier sind Sammelbüchsen aufgestellt! In der Tat befanden sich an verschiedenen Bäumen eiserne Behälter befestigt, gleich den Sammelbüchsen in Kirchen. Alsbald gelangten die beiden zu einer Art von Triumphbogen in chinesischem Stil, auf welchem in Goldlettern geschrieben stand: 'Schnorrern ist der Eintritt verboten !'

Der Wanderer hatte sich jetzt überzeugt, daß aus dem Josele der Hohen Tauern ein smart fellow geworden sei und derselbe sich an den Brüsten der Gesittung der Zukunft vollgesaugt hatte. Er konnte sich nicht enthalten, ihn zu fragen, ob er noch zeitweilig in dem Büchlein 'Von der Güte Gottes' lese und ob ihn noch Skrupel in bezug auf den Inhalt der Bußpredigten plagten wie damals. Der Josele antwortete mit einem überlegenen Lächeln. Der Wanderer aber zog seinen Beutel, und der Ausdruck in den Mienen des Josele, als dessen Inhalt zum Vorschein kam, läßt ihn noch bis heute darüber im Zweifel, ob er in den Augen des einstmaligen Schafhirten als Schnorrer gilt oder nicht.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 227 - 234.