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In der Spinnstube

Wir versetzen uns in einen dunklen, schneereichen unterinntalischen Dezemberabend.

Um zu erfahren, wie sich hier die Geselligkeit gestaltet, gibt es keine bessere Gelegenheit, als uns eine 'Kunkel', eine Spinnstubengesellschaft, zu betrachten, wo die 'Kienleuchten', der Holzspahn, noch die Stelle der Talgkerze vertritt. Ich will eine solche Szene getreu nach der Erinnerung wiedergeben.

Der Rauch biß die Augen wund, doch die jungen Dirnen wollten davon nichts verspüren, um so mehr die alten Weiber, welche fortwährend über Schmerz in den Lidern klagten. Untertags hatten sich die Spinnerinnen abwechselnd durch Gesang, Gebet oder allerlei Gespräch ihre einförmige Arbeit gewürzt. Es waren von den Alten zum hundertsten Mal ihre früheren Bekanntschaften, von den Jungen untereinander die gegenwärtigen ausgetauscht worden - aber allmählich wurde auch das zu eintönig, und man sehnte sich nach irgendeiner Abwechslung. Wenn auch die Spinnräder so emsig surrten, wie es in einer Fabrik nicht lebendiger zugehen kann, so spähten doch die Augen sehnsüchtig nach der Stubentür, ob nicht noch irgendein Besuch komme.

"Es ist jetzt schon sechs Uhr, heute kommt kaum noch jemand, es wird heute recht langweilig werden!" seufzte die Gradl-Urschl, eine noch junge Dirne.

"Aha, sind dir schon wieder die Mannsbilder im Kopf?" sagte keifend die alte Fuchs-Lisi, eine der strengsten Tugendwärterinnen der Mädchenrunde. "Wär's nicht am Ende gescheiter, wenn ihr einen Rosenkranz beten möchtet?"

Ein alter Bauer, der rauchend auf der Ofenbank saß, nahm für die Dirnen das Wort: "Betet lieber für euch, ihr alten Hummeln, und um einen baldigen glücklichen Garaus!"

Die Jungen steckten kichernd die Köpfe zusammen, die Alten aber schrien wirr durcheinander. Nach einer Pause begann die Platsch-Miedl: "Jetzt ist gar die alte z'rütte Moidl auch gestorben, die Hexe. Wenn die nicht eine gewesen ist, so hat's gar nie eine gegeben auf der Welt. Sie hat das Wetter immer vorausgesagt, wenn man sie in der Frühe darum gefragt hat. Kein Mensch hat jemals bei ihr Hühner gesehen, und doch hat sie immer Eier verkauft. Ihr Viehstand war nicht groß, ein paar Kühe und hier und da ein Schwein - das war alles. Von zu Haus hat sie kein Geld gehabt, und von ihrem Mann kann sie nichts geerbt haben, und dennoch sind keine Schulden da. Im Gegenteil, man hört, ihre Tochter soll eine ganz schöne Ausstattung von der Alten erben. Nun, da meine ich, da ist's doch augenscheinlich, daß sie mehr gekonnt hat als gewöhnliche andere Leut'. Es wird ihr dafür wohl ihr Lohn in der anderen Welt nicht ausbleiben. Für unser Dörfl ist es nur gut, daß es von der Hexe erlöst worden ist. Ich will ihr eigentlich nichts Übles nachreden; es ist meine Gewohnheit nicht, ich will lieber ganz schweigen, als andere ausläuten, aber was wahr ist, kann man ja doch sagen, und eine Hexe ist sie gewesen, sonst hätte sie nicht soviel zusammengebracht, denn gut gelebt hat sie ja doch auch."

"Jetzt wird mir's aber zu viel!" polterte der Alte auf der! Bank und schlug mit der flachen Hand darauf, daß die Spinnerinnen erschreckt aufschrien.

"Ich habe die selige Moidl lange vor euch gekannt, denn ich bin noch älter als ihr, ihr alten Raspeln, und da sage ich euch, daß es immer eine gescheite Dirne war, und manche von euch hätte bei der ihrer Lebtage in die Schul' gehen können und jetzt noch nicht ausgelernt. Von ihrem Vater, den ich recht gut gekannt habe, hat sie eine gute Erziehung genossen, wie gar kein anderer im ganzen Tal. Seid ihr denn gar so dumm, daß ihr glaubt, es sei jemand schon deshalb ein Zauberer, wenn er das Wetter vorausbestimmen kann? Und meint ihr, ein Weibsbild sei eine Hexe, wenn es alles, was es anfangt oder beginnen will, geschickter anpackt als andere Trotteln, die nicht mehr gelernt haben als der Ochs, der zum Ziehen gezwungen wird?"

Die Weiber schauten einander verwundert an, der alte Bauer aber ließ sie nicht zur Antwort kommen, sondern fuhr in gereiztem Tone fort: "Wie die Moidl alt war, litt sie an Gicht und anderen Gebrechen, und ist es da nicht sonnenklar, daß sie bei Luftveränderungen Schmerzen verspürte und in ihren alten Tagen, wenn das der Fall war, allerlei sonderbare Redensarten gebrauchte? Wie benehmt euch denn ihr, wenn's euch einen Riß durch den Leib tut, lacht ihr da etwa?"

Die Weiber steckten ihre Köpfe noch mehr zusammen, der Sprecher aber fuhr mit einem höhnischen Ausdruck um seine Mundwinkel fort: "Ich meinte doch, es gibt allenthalben noch mehr Leute in der Welt, die einen alten Beinbruch, vernarbte Wunden oder Gicht im Leibe haben und die imstande sind, den Witterungswechsel gleich mehrere Tage vorauszusagen. Sind das vielleicht alle miteinander Zauberer oder Hexen? Und außerdem, daß die alte Moidl mit solchen Dingen geplagt war, hat sie von ihrem Vater Beobachtungsgabe und scharfen Verstand geerbt und allerlei gelernt, wovon ihr keine Ahnung habt. Was aber ihre Hauswirtschaft anbelangt, so handelte sie eben überlegt und besonnen, und darum wurde ihr jede Arbeit zum Segen. Auch war sie unermüdet fleißig und hatte an der Wirtschaft ihre Freude." "Ja", antwortete die Fuchs-Lisi, "das lass' ich mir schon gefallen, aber damit werden doch so leicht nicht ein paar hundert Gulden erspart, wie sie die Moidl ganz gewiß hinterlassen hat."

"So", sagte der Bauer, indem er eine mächtige Tabakswolke vor sich hinblies, "also bei euch muß jemand etwas geerbt oder gar durch einen Vertrag mit dem Zweispitzigen gewonnen haben, wenn er seiner Tochter ein paar hundert Gulden hinterlassen soll. Der kleinweis ersparte Kreuzer wird auch zum Gulden." "Aber wie ist's denn nachher mit den Eiern?" sagte die Fuchs-Lisi.

"Da muß ich nur gerad' über euere schreckliche Dummheit lachen. Schaut euch doch nur einmal das Haus der Moidl an, wie es außerhalb des Dorfes liegt. Habt ihr noch nie etwas von solchen Hennen gehört, die ihre Eier verlegen?

Auch ist es bekannt, daß die Hühner ebensogut wie andere Tiere durch schmeichelhafte Worte, durch Brotkrümel und durch Abfälle angelockt werden. Ist die Verstorbene in eueren Schafsköpfen alleweil noch eine Hexe?"

Die alten Weiber ließen beschämt die Köpfe hängen und erwiderten nichts auf diese barsche Ansprache.

Dem Bauern aber konnte man die Freude ansehen, daß ihm die Ehrenrettung seiner Jugendbekanntschaft so rasch gelungen war. Er klopfte seine Pfeife aus, wünschte allen gute Nacht und verließ die Stube.

Ein Schweigen offenbarer Beschämung folgte seinem Abgang. Wer weiß, wie lange es sich fortgesetzt hätte, wenn nicht wenige Augenblicke darauf der Kuhhansl gekommen wäre, dessen Eintreten mit einem allgemeinen Freudenschrei begrüßt wurde. Denn der Kuhhansl war ein beliebter Erzähler, und die Kunst des Erzählens wird in den Kunkeln höher als jede andere geschätzt. Der Kuhhansl war aber erst zu einem Vortrag zu bestimmen, als man ihm ein Stück Kautabak anbot. Darauf begann er im Geschmack der Spinnstuben eine Räubergeschichte zu erzählen, von welcher ich den Leser verschonen will.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 280 - 284.