SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Das Österreichische Seenbuch

   
 

Am Schwarzen See

Die Flut ist dunkel, die Wälder stehen finster um ihn herum, zackige Felsen hängen drohend darüber. Das ist ein See, an den sich die Dichter machen sollten. Doch was tue ich? Ich vergesse ja, daß es ihnen nie einfällt, das sehen zu wollen, was sie reimen, und daß sie es vorziehen, Waldnacht und dunkle Seespiegel zu verherrlichen, wenn sie aus dem Wein, Bier- und Kaffehaus sich auf ihr Kanapee begeben. Die Dinge im kleinen anzusehen und in die Hand zu nehmen, ehe man sie beschreibt, ist verderblicher Realismus. Wozu denn auch alles betrachten, wenn das poetische Material in Reminiszenzen schon haufenweis zur Hand liegt? Waldnacht, Seeauge, Nixe, träumerisch, Wehmut, Stille, Flüstern und so weiter.

Mehr braucht es nicht - besonders die Wehmut und das in den verschwiegenen Abgrund versunkene Liebesglück, die finden sich sogar von selbst. Was aber die Nixen betrifft, vor denen möchte ich die wenigen warnen, welche ein Quentchen örtlicher Färbung nicht für ganz und gar überflüssig halten. Es gibt hier keine Nixen, sondern nur 'Buchenmanndln', ein Übelstand, der für den Reim bedenklich erscheint, obwohl sich auch nicht leicht ein anständiger auf Nixe oder Nixen auftreiben läßt.

Die 'Buchenmanndln' sind die nächsten Verwandten vieler anderer Manndln, die sich in den Bergen sehen lassen. Doch unterscheiden sich jene durch einen Fehler und einen Vorzug vor allen übrigen, den Wichtein, Venedigern und Untersbergern. Als Gebrechen müssen wir es ansehen, wenn wir vernehmen, daß man von ihnen nie mehr sieht als den Arm mit der Hand. Ein Vorzug dagegen ist es gewiß, daß sie über das Wasser gehen können. Sie halten sich sogar mit Vorliebe am und über dem Wasser auf. Ein Fischer erzählte mir, er habe einmal bei der Nacht eine Hand über den Schwarzen See schweben sehen, welche ein brennendes Licht trug. Das war ein wie gewöhnlich unsichtbares Buchenmanndl. Die 'Buchenmanndln' sollen ihren Namen davon haben, daß sie am liebsten in Buchenwäldern und am Rande von Gewässern in solchen Wäldern leben. Da haben sie nun hier einen Ort gefunden, der ihrem Geschmack zusagen wird. Rings um den See am schmalen Rande hoher Felshänge werfen ununterbrochen dichtgedrängte Buchen ihre Schatten über die Wellen am Ufer - eine schönere Einsamkeit voll Schatten und kühlen Wassern hat noch keinen beglückt. Von diesen Gestaden aus ist der genußreichste Gang, wenn man zu einem Wasserfall hinsteigt, den in der Entfernung von nicht einer halben Meile das Bächlein bildet, welches aus dem Schwarzen See hinabfließt. Die Richtung nimmt es gegen den Wolfgangsee.

Fernes Rauschen verkündet den Fall - so heißt es in jeder Wasserfallbeschreibung, und ich kann für diesen Fall nur hinzufügen, daß man nicht mehr weit zu gehen braucht, um das Wasser stürzen zu sehen, wenn man es einmal durch das Rauschen des Waldes hindurch stürzen hört. Milchweißer Schaum fällt, in zwei Ströme gespalten, über eine braunschwarze Wand in ein rundes Becken. Dieses Becken, Gumpe, Tümpel, wie man es immer nennen will, hat dieselbe Farbe wie alle Wasserlöcher in der Ache und ist grün wie ein Tannenzweig. Aus ihr aber fließt ein zweiter Sturz über den Rand zur Tiefe, und unten, dem Auge halb versteckt, sammelt ihn ein zweites Becken, grün und tief wie das erste. Dann erst läuft das Wasser, nachdem es das Hindernis der beiden Felsenschalen überrannt hat, gemächlicher dem weiten Seespiegel entgegen. Ich habe nirgends von der schäumenden Kaskade des Schwarzen Sees etwas gelesen. Vielleicht aber bringe ich ihr den einen oder anderen stillen Freund zu.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 49 - 50.