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Gasthaus 'Zur Scholastica'

Jetzt tritt die Ostkette der Felswände etwas vom See zurück, die Straße gewinnt Raum, und nach wenigen Schritten stehen wir vor der Schwelle des weitbekannten Gasthauses 'Zur Scholastica'.

Begeben wir uns in den Sommerpavillon, gegen dessen Mauern die Wellen des Sees unsere Tafelmusik machen, und ruhen aus.

Unsere Tischgenossen bilden eine bunte Gesellschaft. K. K. Offiziere, Professoren aus Innsbruck, norddeutsche Touristen, Münchener Vergnüglinge, Studenten und Maler und einige vom unvermeidlichen Wandervolk der Vereinigten Königreiche besetzen die langen Tafeln. Wir befinden uns unter einem Dach, welches einem der berühmtesten, vielleicht dem berühmtesten Gasthaus Tirols angehört.

Die Wirtin ist eine noch hübsche Frau in rüstigem Alter. Sie stellt einen fast untergegangenen Typus dar, in welchem die Wirtin und die Hausfrau mit gleicher Auszeichnung vertreten sind. Die Geschäfte des Waldes, Feldes, Gartens, der Viehzucht, des Bienen- und Fischhegens versteht sie nicht minder als das Amt der Küche, welches der ausgezeichnete Ruf ihres Hauses und die Anwesenheit vieler vornehmer Fremder oft zu einem schwierigen macht. Auch ist sie eine Heilkünstlerin, und die meisten Bauern des Achentales holen sich lange zuvor bei ihr Rat, ehe sie Zuflucht beim Arzt suchen. Doch ist das selbstverständlich bei ihr keinerlei Art von Pfuscherei oder Spekulation, sondern nur eine Gelegenheit, ihr freundliches, hilfsbereites Wesen zu betätigen. Auch der Verfasser dieses Büchleins ist ihr für die Geschicklichkeit in Behandlung einer schweren Wunde, die er sich auf einem der Joche des Achensees holte, zu herzlichem Danke verpflichtet.

Das Album, welches die verständige Wirtin schon vor geraumer Zeit auflegte, war dazu bestimmt, die Niederlage dichterischer Ergüsse, poetischer Reisereminiszenzen, und - was besser ist - künstlerischer Skizzen in Bleistift, Federzeichnungen und Wasserfarben zu werden. Denn es sind immer Maler am Achensee. Neben abgeschriebenen Stimmungsgedichten, zartgefühlten Sensationsversen und auch andächtigen Bemerkungen über die Güte und Weisheit des Schöpfers - welch letztere das Album meist protestantischen Konsistorialräten und auf der Hochzeitsreise begriffenen Knechten Gottes verdankt - fand man auch hübsche Zeichnungen und anmutig illustrierte Anekdoten. Eine lange Reihe bekannter Schriftsteller und Künstler hatte das Buch mit den munteren Schöpfungen des Augenblicks geziert.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 293 - 294.