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Reisebekanntschaften

Vor Jahren widmete ich einen prachtvollen Januartag meiner Neugierde, zu sehen, wie es hier, so nahe an der Ebene, auf der Gebirgslandstraße nach Walchsee ausschauen mag, in der Beleuchtung des tiefen Winters.

Es gibt wenige, die in diesem Monat wandern, ohne durch ihre Armut zum Fußgehen gezwungen zu sein. Wie das knarrt unter den Schritten und wie es glitzert, wenn aus dem Fenster eines der Häuser frühmorgens Licht auf die Dorfgasse fällt! Und wie seltsam klingt der Gruß der Bauern, von denen zuweilen einer mit seiner Laterne vorüberkommt und sein 'Guten Morgen!' in die Finsternis hineinruft.

Aus der Kirche, deren Tür manchmal ein Eintretender öffnet, dringt Kerzenschein und Orgelklang. Der rasche Blick fällt auf den weißen Engel, der über dem Altar schwebt. Im hellen Hause wird die Brust der Menschen zu unausgesetztem Husten gereizt, welches fast die priesterliche Handlung stört, und aus den Tennen summt der Lärm des Dreschens. Endlich war ich am Häuschen des Herrn Chirurgus links vor Niederndorf vorbei - auch aus seinem Fenster schien Licht, und ich dachte an die prachtvollen Blumenkronen seines Gärtchens - auf der freien Straße, neben welcher die Spitzen der Zäune sich kaum über den Schnee erhoben.

Als der Tag aufdämmerte, bemerkte ich, daß es ein solcher werden würde, für welchen die Tiroler das vorzüglich sinnliche Wort 'glänzende Spiegelkälte' erfunden haben.

Die erste Gesellschaft, welche ich antraf, waren die Wegmacher. Sie standen an den Schneemauern und mühten sich ab, das freie Geleise immer breiter zu machen. Ihre Schaufel ergreifen sie mit Vorliebe, wenn eben jemand vorübergeht - sonst stützen sie wohl die von unförmlichen blauen Handschuhen geschützten Hände untätig auf die hölzernen Schaufeln und schauen sich stumm an, wie ein Kreis von Krähen, der dort mitten im Schneehohlweg steht.

Nach langer Zeit erreichte ich einen Fuhrmann, der seinen stillstehenden Wagen anbrummte, als ob er ihn ausschelten wollte. Er hat, wie er mir erzählt, den Argwohn gefaßt, es möchte ein Teil seiner Fracht des Weines durch die plötzlich eingetretene grimmige Kälte gefroren sein. Da sind die Schulknaben, welche nun in einem Trupp daherkommen und sich in einer unaufhörlichen Balgerei zu ihrer Morgenlektion ins Dorf fortbewegen, schon andere Burschen. Ihr Mißvergnügen besteht höchstens darin, daß sich in dieser Frostluft der Schnee nicht ballt.

Endlich aber holte mich doch ein Paar ein, dessen Aussehen etwas versprach. Es waren zwei Männer in den schlechtesten Kleidern. Beide hatten ihre Ohren mit Taschentüchern umwickelt und schritten stumm nebeneinander her, wie wenn sie fürchteten, die Schutzgeister ihres Branntweinfrühstückes möchten ihnen durch den geöffneten Mund entfliehen.

Wir ließen uns in ein Gespräch ein. Nachdem ich ihnen zunächst auf ihre Fragen über meine 'Profession' Bescheid gegeben hatte, eröffneten sie auch ihrerseits die Perspektive, in welcher sich für sie das Treiben auf diesem Erdenrund darstellte.

Der eine war Hadern- oder Lumpensammler. Aus seinem Munde erfuhr ich, daß es für sein Geschäft keine günstigere Zeit gibt als eben diesen germanischen Eismonat. Die Sommer- und Herbstarbeit nützt die Gewänder der Bauern ab, welche von diesen so lange getragen werden, bis sie durch die Kleidergeschenke, welche um den Jahreswechsel herum stattfinden, völlig überflüssig werden. Indessen schien selbst diese glänzendste Periode seines Geschäftsbetriebes den Hadernsammler nicht davor zu schützen, daß er selbst in Lumpen gehen mußte. Die ihm jetzt gebotene Aussicht auf ein Glas Wein schien ihm ein glücklicher Zwischenfall seiner unausgesetzten Pilgerfahrt. Sein Begleiter war ein Musikant, welcher die auf Andeutung des Kalenders entstandene Karnevalsfröhlichkeit benützte, um sich in dem einen und anderen Bauernwirtshaus mit seiner Klarinette hören zu lassen. Von den Spuren fröhlichen 'Spielmannslebens', von welchem die deutschen Lyriker soviel zu erzählen wissen, war an dieser hageren, halb erfrorenen Gestalt wenig zu sehen. Die Honorare der Bauern beschränkten sich auf eine geringe Anzahl von Pfennigen oder Kupferkreuzern, und die Lehrsätze der Physiologen vom geringen Werte des Branntweins als Blutbildner fanden da eine exemplarische Bestätigung.

So gingen wir denn miteinander unsere Straße, ohne daß uns etwas anderes aufstieß als ein Schlitten, der so schwer mit Brettern beladen war, daß die kräftigen Rosse in Wolken von dampfendem Schweiße gehüllt daherkamen, welchen ihnen die übermäßige Anstrengung abnötigte. So ward den Tieren der Vorteil der glatten Bahn wieder durch die größere Last verkümmert, die man ihnen zumutete.

Dies waren die Bemerkungen, welche ich als klassisch gebildeter Wanderer mit meinen warmen Beinkleidern und guten Stiefeln an den vorüberziehenden Tieren machte. Meinen Genossen aber, den heiteren Spielmann, hinderte der Mangel an idealem Inhalt in seiner Erziehung, an etwas anderes im Himmel und auf Erden zu denken als an die Frostbeulen seines Fußes. Die Geschichte dieser Wunden, von welchen er mehr zu erzählen wußte als von minniglichen Mägdelein, welche in den Gesängen der schwäbischen Dichterschule fahrenden Spielleuten zuwinken, gab uns den Unterhaltungsstoff. Für die Schönheit der Winterlandschaft hatte er wenig Sinn.

Unter solchen Erwägungen, welche der Spielmann durch Schlottern der Zähne begleitete, gelangte ich mit den Genossen an die Schwelle einer Herberge, und wir schritten in die dumpfbrütende Stube.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 264 - 267.