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Von Landeck zum Lüner See

Ein Prachtstück ist der Letzer Wasserfall bei Landeck, den ich in einer warmen Sommernacht besucht habe.

Der Mond schien nicht in die Talsohle, sondern bildete nur einzelne gelbe Lichtinseln ziemlich hoch an den Kalkwänden. Auf der anderen Stromseite ziemlich weit oben brannten Feuer auf den Wiesmähdern, wo das Galtvieh gehalten wird. Vor den Häusern nahe am Sturze sangen Burschen und Mädchen in die laue Nacht hinein. Sie saßen unter Obstbäumen, und mit ihren Stimmen vermengte sich das Summen der herabschäumenden Flut. In den weißen Felsen drinnen zitterten die Stege, auf welchen man sich in den zylinderförmigen Tobel vordrängt, und der Sprühregen des an wenigen Stellen vom Mondlicht getroffenen Sturzes. Eben jene Stellen, in welchen er, sonst ziemlich vor Nacht unsichtbar, aufleuchtend zuckte, erquickte in der Schwüle.

Die Straße zwischen Landeck und Pians hat sehr viele Eigentümlichkeiten. Zur Rechten heben sich die Obstgärten hinan, und auf dem Mittelgebirge wallen die Rauchsäulen von Dörfern und Gehöften.

Besonders schön ist die Einmündung des Paznauner Tales mit der alten Veste Wiesberg, deren Geschichte in so viele Jahrhunderte zurückreicht. Wenige Täler sind so reich an Sagen und märchenhaften Überlieferungen, an diabolischen Zaubergeschichten und Wunderglauben als Paznaun, Silbertal und Verwall, die Klüftungen, welche auf dieser Seite der Rosana sich in jene Gebirge hineinziehen, welche man die Gruppe der Silvretta genannt hat. Im Osten erblickt man den Tschürgant, ganz in jener verwunderlichen und geometrisch genauen Pyramidengestalt, wie er von den Innufern zwischen Landeck und Imst aus gesehen wird.

Von dem von zwei Bergwassern umrauschten Wiesberg an gelangt man in ein enges Hochtal, dessen Sohle von der Rosana und der Straße ganz und gar ausgefüllt wird.

Zwischen Strengen und Flirsch ist die Landschaft reich an Bildern.

Oft staut sich das Wasser an vorspringenden Kanten der schwarzen Schieferfelsen. Von sanfteren Stellen des Ufers dagegen neigen sich die Früchte der Heckenrosen über die Wellen.

Der Westhimmel ist vom Rande an bis ziemlich hoch hinauf von der weißen Mauer einer Nebelschicht abgeschlossen. Und hoch über dieser steht der gewölbte Teil eines Regenbogens, ein Portal, von dem nur die Wölbung übriggeblieben, dessen Seitenflächen aber unsichtbar geworden sind. Wohin das Portal führen mag? Offenbar in jenen überirdischen Silberglanz noch halb verschleierter Gipfel, welche auf dem Meer der Nebel schwimmen.

Flirsch mit seinem gründachigen Turm bezeichnet eine kältere Stufe des Stanzertales; durch das breitere Hochtal sausen die Winde vom Arlberg.

Die Straße geht nun eine Strecke eben durch den Wald gegen St. Anton hin, wo eine stattliche Herberge ist, die dringend als Standort denjenigen empfohlen werden soll, welche die noch wenig erforschten Höhen der Umgegend und die Schönheiten einer bedeutenden Gebirgswelt kennenlernen wollen.

Unmittelbar hinter St. Anton beginnt der Aufstieg zum Arlberg.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 326 - 327.