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Von Klagenfurt zum Wörthersee

Die Bahnstrecke, welche von den Seebecken des Kärntner Landes in jene Hochtäler hinaufführt, die sich zwischen dem Eis der Hohen Tauern und der bizarren Pracht der Dolomiten ausdehnen, gehört nicht nur zu den interessantesten Schienenwegen von Europa, sondern vermittelt auch, wie kaum ein anderer, den unmittelbaren Zugang zu den bedeutsamsten Schönheiten des eigentlichen Hochgebirges, in dessen Mitte die Lokomotive eindringt. Vor dreißig Jahren schon, als noch wenig Hoffnung bestand, daß die östlichen Alpenländer mit den westlichen durch eine mächtige Schienenstraße verbunden werden würden, hat sich einer der hervorragendsten Geologen, Bernhard Cotta, in folgender Weise über die Aussichten einer solchen geäußert: 'Eine Eisenbahn von Klagenfurt nach Franzensfeste würde die österreichische Alpenkette fast in ihrer ganzen Länge aufschließen. Die Täler sind auf eine so merkwürdige Weise miteinander verbunden, daß man aus der großen östlichen Gabelteilung der Alpenkette auf deren Südabhang gelangt, ohne einen wirklichen Bergrücken zu überschreiten.'

Die Ebene, in welcher die Stadt Klagenfurt liegt, welche wir als östlichen Ausgangspunkt unserer Fahrt annehmen, mußte seit uralten Zeiten die Ansiedlung anlocken. Die nach allen Richtungen hin freie Gegend, die erste Ebene inmitten der Alpen, welche der von Norden über die Gebirge Steiermarks oder Salzburgs Herkommende antrifft, erschien bereits keltischen Einwanderern als geeignet zur Anlage einer Kolonie. Eine Meile vom Mittelpunkt der heutigen Stadt Klagenfurt entfernt erhob sich im Beginn unserer christlichen Zeitrechnung die mächtige römisch-keltische Stadt Virunum.

Wer sich von jener Zeit eine Vorstellung machen will, der besuche in Klagenfurt die Überreste des Römertums. Auf dem Platz vor dem ständischen Landhaus und in demselben findet der Fremde Inschriften, Bildsäulen, Meilensteine. Virunum hatte seinen Mithrastempel, seine Priestergenossenschaften, sein Forum. Es stand auf dem Zollfeld zwischen Arndorf und dem Töltschacher Berg. Auch das heutige Maria Saal, neun Kilometer nördlich von Klagenfurt, steht auf den Trümmern einer verschollenen römischen Ansiedlung. Auf diesem Boden vereinigten sich die drei großen Straßenzüge, die von Aquileja aus nach Norden führten.

Im Frühjahr, wenn die Saatfelder Ähren treiben, genießt man von einem erhöhten Standpunkte das Schauspiel, in den Feldern Umrisse der ehemaligen Gebäude, ja ganzer Gassen auszunehmen. An jenen Stellen, wo das Getreide auf Erdschollen steht, die gerade über diesen Mauern liegen, ist dasselbe bereits gelb gefärbt, während es über den Räumen der ehemaligen Gassen, Plätze, Höfe und Zimmer noch saftgrün dasteht.

Kehren wir nunmehr zur modernen Hauptstadt Kärntens, Klagenfurt, zurück. Weithin glänzt das Kirchenturm-Dach von Sankt Aegidius durch die Ebene. Der Turm ist dreihundert Fuß hoch und in jenem eigentümlichen Stil aufgebaut, den man weithin durch die illyrischen Länder bis nach Belgrad hinab wahrnimmt. Komme man auf der Eisenbahn von irgendeiner Richtung her, so erscheint dieser Turm als das Wahrzeichen der Stadt.

Der geräumige Bahnhof liegt im Süden der Stadt. In seiner Umgebung, selbstverständlich aber noch weit mehr von den Hügeln nördlich derselben, beispielsweise vom Kreuzberg aus, genießt man eines trefflichen Ausblickes auf dem langgezogenen Wall des Karawanken-Gebirges, welches den ganzen südlichen Gesichtskreis einnimmt. Diese Bergkette, welche zumeist den älteren Kalken und der Trias-Periode angehört, scheidet die Länder Krain und Kärnten. Unter diesen jüngeren Kalken liegen indessen sehr alte Tonschiefer, welche der Steinkohlen-Periode angehören. Schroffe Brüche derselben an der von Klagenfurt sichtbaren Seite des Gebirges sind es, welche den Umrissen und Abfällen der Karawanken ein charakteristisch kühnes Gepräge geben. Von Klagenfurt aus führt eine fahrbare Straße über den Loiblpaß, eine Einsattlung des Walles - ungefähr in gleicher Höhe wie der tirolische Brenner.

Im Westen zieht sich der Wörthersee in der Richtung gegen die Villacher Alpe hin. Dieser Blick auf die Karawanken ist für die Landschaft von Klagenfurt so bezeichnend wie etwa für die von Zürich der über den See hinweg nach den Alpen von Unterwalden und Schwyz.

Die zum Bahnhof führende Straße ist mit neuen Gebäuden im Wiener Zinshäuser-Stil besetzt. Interessanter als diese wird manchem Fremden die auf der westlichen Seite stehende 'Wetter-Säule' erscheinen, über deren steinernem Piedestal wertvolle Instrumente den Luftdruck, die Wärme und andere für die klimatologischen Verhältnisse der Stadt erhebliche Daten angeben.

Die Stadt ist viereckig, ihre Straßen durchschneiden sich zumeist in rechten Winkeln. Die Bauart trägt im allgemeinen den Charakter der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Verhältnismäßig die meisten Anklänge an die Architektur des Mittelalters finden sich unter den Häusern am alten Platze, im Badgäßchen sowie in der Kramer- und Wienergasse.

Jede ältere Stadt hat ihr sogenanntes Wahrzeichen, und so besitzt auch Klagenfurt das seinige auf dem sogenannten 'neuen' oder Hauptplatz. Es ist dies der Lindwurmbrunnen.

Die schöne Domkirche zu St. Peter und Paul, jetzt Kathedrale des Bischofs, wurde von der protestantischen Stadt Klagenfurt erbaut.

Herzogstuhl, Virunum © Harald Hartmann

Herzogstuhl im Zollfeld
Ein Doppelsitz, aus römischen Spolien zusammengesetzt. Hier leistete der auf dem Fürstenstein in Karnburg eingesetzte Herzog den Ständen den Eid, empfing die Huldigung, sprach Recht und vergab die Lehen. Erstmals bezeugt 1301, jedoch sicher älter (DEHIO-Kärnten, S.806)
© Harald Hartmann, 8. August 2005

Das interessanteste Wahrzeichen nicht der Stadt, sondern des Landes bleibt der etwa elf Kilometer im Norden von Klagenfurt entfernte Herzogstuhl, eine Art von sella curulis aus rohen Steinen unförmlich zusammengestellt. Auf ihm sitzend, teilten die karantanischen Herzöge ihre Lehen aus. Man versetzt die Aufrichtung dieses Thrones in das 8. Jahrhundert. Die alte 'Pfalz' der kärntnerischen Herzöge bei dem an der Glan in der Nähe gelegenen Pfarrdorf Karnburg ist bis auf wenige Überreste verschwunden. Der dort aufgestellte Fürstenstein, auf dem einst die Herzöge die Huldigung ihrer Untertanen entgegennahmen, befindet sich im Wappensaal des Landhauses zu Klagenfurt - unterhalb eines Gemäldes, welches die Szene der Huldigung darstellt.

Herzogstuhl, Zollfeld, Kärnten © Harald Hartmann

Kärnten's Herzogstuhl im Zollfeld
© Harald Hartmann, 8. August 2005

In der näheren Umgebung ist eine Anzahl von vorzüglichen Spaziergängen vorhanden, beispielsweise die Lindenallee, welche zu dem Renaissanceschlosse des Grafen Göse führt. An einem heißen Sommernachmittage, wenn kühlender Wind von Osten heraufweht, blauen wundersam dort die Karawanken, unter denen Stou der höchste Gipfel, in den Schatten herein.

Fürstenstein im Wappensaal des Kärntner Landhauses © Harald Hartmann

Fürstenstein im Wappensaal des Kärntner Landhauses.
© Harald Hartmann, August 2006

Ein ebenso schattiger Gang führt neben dem Lendkanal, der vom Wörthersee bis in die Stadt Klagenfurt hineinreicht.

Nicht minder bietet der Kreuzberg, die erste Anhöhe nördlich von der Stadt, Schatten. Ich möchte raten, den Weg in nördlicher Richtung durch Waldanlagen zum Schlosse Zigulln und dann abermals durch Wald bis ins kühle, schattenumlagerte Bräuhaus Schleppe fortzusetzen. Einen gleich hübschen Blick spendet der Hügel Goritschitzen, östlich hiervon. Wie allenthalben um Klagenfurt sind es die Karawanken, die mit ihren Felswänden und oft auch mit ihrem Schnee dem Bilde den Charakter der Alpenlandschaft geben.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 163 - 167.