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Der Spuk auf der Kasperl-Alm

Die Kasperl-Alm, welche zwischen dem Schwarzen See und den Schafbergwänden nahe am einsamen Minichsee liegt, ist eine der bekanntesten Sennhütten weit und breit im Salzkammergut. Nicht weit entfernt von ihr genießt man eine Rundschau über die Berge und Seen, welche der vom Schafberggipfel nichts nachgibt.

Es war aber nicht die preiswürdige Fernsicht, welche an dem schönen Apriltag eines längst vergangenen Jahres zwei Männer veranlaßte, sich auf jener Alm abends um zehn Uhr ein Stelldichein zu geben, sondern sie wollten vor der ersten Dämmerung auf die Auerhahnjagd gehen. Die beiden, der Loidl und der Häusl-Toni, waren an den Ufern der Seen nicht nur als mutige Jäger bekannt:

Loidls Fischbehälter in der Burgau wird wegen seines stets reichlichen Vorrates an großen Lachsforellen, Hechten, Rutten und anderen Flossenträgern für eine Sehenswürdigkeit gehalten, an welcher man nicht vorübergehen darf.

Das Auge des Häusl-Toni war auf der Jagd mehr wert als die Nasen aller Spürhunde von Österreich und Steiermark, und was das Wissen in Kräutern und im Schatzfinden anbelangt, konnte sich niemand mit ihm messen.

Loidl war der erste, welcher ankam. Er machte Feuer und kochte einige Erdäpfel und Grieß in einer Pfanne. Mit der Zubereitung und Verspeisung dieses Vorrates brachte er über eine Stunde zu. Er fing an zu gähnen und den Toni zu verwünschen, welcher ihn in der langweiligen Hütte allein ließ.

In Städten, wo die Leute sich später zu Bett legen, erstreckt sich die Urlaubszeit, in welcher es den Geistern Abgeschiedener vergönnt ist, die Lebendigen zu erschrecken, auf die Stunde zwischen zwölf und ein Uhr. Im Gebirge dagegen pflegen die Geister ihrer Berufstätigkeit um eine Stunde früher nachzukommen, ohne Zweifel, weil ein Bauer von ihnen um elf Uhr mindestens ebenso in der Mitte seines Schlafes aufgeschreckt wird, als ein Städter um zwölf Uhr.

Genug - in dem Augenblick, in welchem die Zeiger des faustdicken Zeitmessers elf Uhr andeuteten, fuhr die Tür, welche nach dem Stall führte, mit solcher Gewalt zurück, daß sie an die Holzwand anschlug. Loidl rief Tonis Namen, aber statt einer menschlichen Stimme antwortete ihm nur ein sonderbares Grölen und ein Rascheln in den wenigen Halmen, welche im Stall zerstreut lagen. Er trat etwas eingeschüchtert unter die Tür. Es ist wahr, daß er ein furchtloser Mann war und sowenig an Gespenster als an manche Lehren glaubte, welche der Pfarrer in der Kirche verkündete, aber die Furcht vor übernatürlichen Dingen hat in den innersten Falten des menschlichen Herzens ein kleines, aber unantastbares Bollwerk.

Loidl fürchtete sich. Er kehrte zu seinem Feuer zurück und horchte. Als er mehrere Minuten lang kein neues Geräusch vernahm, fing er an, sich seiner Befangenheit zu schämen. Auch die Schnapsflasche, welcher er nach immer kürzeren Unterbrechungen zusetzte, trug dazu bei, ihm den verlorenen Mut wieder zu ersetzen. Er ging rasch nach der noch immer geöffneten Tür. Als er eben die Hand nach ihr ausstrecken wollte, flog sie zu. Wieder vernahm er dasselbe Grölen, dem dumpfe Schläge folgten. Nachträglich hörte er, vor der Schwelle wie festgewurzelt, auch noch ein Traben, welches von der einen Tür zur andern ging. Es war, als ob eine Herde großer Tiere eilig den Stall verließe. Eben schien das letzte hinauszugehen, denn Loidl, welcher regungslos lauschte, hörte nichts mehr. Da fiel sein Auge auf die Uhr; es war zwölf Uhr vorüber.

Binnen zwei Tagen hatte sich die Kunde von dem Spuk auf der Kasperl-Alm in der ganzen Umgegend verbreitet. Ein Jäger, welcher nicht an Geister glauben wollte, hörte davon und beschloß, das unheimliche Treiben zu ergründen. Mit einbrechender Dämmerung ging er durch den Burggraben und wandte sich, da der Schnee überall gut trug, geraden Weges gegen die Scharte, hinter welcher die Kasperl-Alm liegt.

Angekommen, ging er hinein und machte ein Feuer an. Bei seinem Scheine sah er, daß es elf Uhr vorüber war. Eben als er sein Geschirr ans Feuer setzte, vernahm er ein Geräusch von der Decke herab, über welcher sich der Heuboden befand. Es waren ganz deutlich Schritte eines Menschen, welcher in Strümpfen geht.

Der erste Gedanke des Jägers war der, daß ein Wildschütz vom Wolfgangsee die allbekannte Kasperl-Alm als Nachtstation gewählt haben möchte. Da es ihm eben nicht sonderlich um eine gefährliche Balgerei zu tun war, so rief er in munterem Ton hinauf: Geb ra, Bua, furcht di net, es geschieht dir gwiß nix!

Auf diese Einladung wurde es oben still. Der Jäger wiederholte sie mehrmals, bekam aber keine Antwort und konnte das Geräusch der Tritte erst immer wieder vernehmen, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte. Auf Zapfen, welche in gewissen Zwischenräumen in die Wand eingeschlagen sind, konnte man zum Heuboden hinaufsteigen. Der Jäger lud den abgeschossenen Lauf seines Zwillings, zog seine Stiefel aus und kletterte vorsichtig hinauf. Auf dem Heuboden konnte er einen großen dunklen Körper erkennen, der auf dem Heu ausgestreckt lag. Der Jäger legte sein Gewehr auf dem Boden auf, spannte den Hahn und rief: Schütz paß auf oder ich schieß! Statt der Antwort erfolgte ein Röcheln oder Murmeln, zwischen welchem der Angreifer Fluchwörter zu vernehmen glaubte. Zugleich flimmerte ein sonderbares Licht auf wie der Phosphor eines Zündhölzchens im Dunkeln und knisterte es in den Halmen. Der Jäger glaubte nicht anders, als der Wilddieb wolle auf ihn anlegen. Die beiden Läufe seines Gewehres krachten - ein dumpfes Gurgeln dann, nachdem sich der Rauch verzogen, kein Laut mehr. Der Jäger stieg hinein und faßte die Leiche. Es war allerdings ein Wilddieb, aber keiner von jenen, welche das Jagdgesetz verfolgt. Seine einzige Beute bestand in Feldmäusen, und seine Körperoberfläche deutete unverkennbar auf eines jener Wesen hin, welches die Zoologie der Laien schwarze Kater nennt. Daß Katzen auf Alpenhütten überwintern, gehört nicht unter die ungewöhnlichen Tatsachen. Es geht ihnen im Winter viel besser als ihren ernsten Brüdern im Tale. Denn kaum sind die Fröste eingetreten, so flüchten sich die Bergmäuse in großen Scharen nach den schneefreien Räumen der Sennhütten.

Das ist die Geschichte vom Geist der Kasperl-Alm, und solcher schwarzen Wintergespenster mag es noch viele geben in den weiten Alpen.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 104 - 107.