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Durchs Inntal zum Achensee

Wörgl ist die Station für diejenigen, welche das Brixental und die hohe Salve besuchen wollen, einen Berg, der viel gerühmt wird, weil man die schöne Aussicht von dort aus oder neben einem bergenden Wirtshaus genießen kann. Das Eis der Tauern bietet den Hauptanziehungspunkt dort oben. Die Straße nach den grünen Hängen des Brixentales verläuft zunächst in einem mächtigen Bogen, zu welchem sie beiderseits von den südlich vortretenden Bergen und der Mündung der Brixentaler Ache genötigt wird.

Da es sich jetzt für uns um die letztere handelt, so sage ich, daß ein großer Teil ihrer Biegung durch einen schönen Fußweg umgangen wird, welcher gleich außerhalb des Dorfes Wörgl durch Wiesen führt, deren hohes Gras von den zusammenhängenden Ästen zahlloser Obstbäume gegen die Sonne geschützt wird. Am schönsten deuchte mir dieser Gang am Abend eines heißen Sommertages. Das enge Tal, gegen welches aus dem weiten Innbecken der Weg hinführt und dessen dunkle Mündung immer näher rückte, versprach kühlenden Wasserhauch und duftige Schatten. Zuerst schienen die höheren Ränder des Kaiser noch silbergrau über den tieferen Wänden in die Wiesenwege herein. Dann aber, als der Tag völlig zur Rüste ging, färbten sie sich mit tiefem Rot, Manchmal sah man noch einen verspäteten Pflüger in der Dämmerung, hier und da betete ein Mensch, der seine Bürde an das Mauerwerk gelehnt hatte, mit lauter Stimme vor irgendeiner der weißen Kapellen.

Als scherzhafte Kleinigkeit sei beiläufig erwähnt, daß etwa halbwegs zwischen Wörgl und Itter unter andern Gedenktafeln sich eine solche befindet, welche an den Tod eines Bäckermeisters aus ersterem Ort erinnert. Neben den Abzeichen der himmlischen Gewalten, welche sich eben des armen Verunglückten annehmen, nimmt sich die Inschrift gar wunderlich aus, die besagt, daß 'ihn außer seinen zahlreichen Kunden auch eine Gattin betrauert'. Man wird schließen können, daß, wenn der Schmerz der Gattin ein großer war, sein Gebäck ein unübertreffliches gewesen sein mußte.

Das Schloß Itter ragt auf einer Waldkuppe, deren Fuß die Ache umrauscht. Die Wände hinter ihr sehen teilweise so aus, wie wenn brüchige Stürze herabgegangen wären, und das rote Geröll des Triaskalkes gleicht den Schutthalden in den Porphyrschluchten über Bozen. Unten in den Auen zwischen Fluß und Waldrand ist eine Holzlände, auf welcher große Mengen von herabgeschwemmten Scheitern aufgeschichtet daliegen. Von dort aus wird auch das Kirchlein des Dorfes Itter unter dem Schloß gesehen, zu welcher sich ein Waldsteig über den ziemlich steilen Abhang hinaufwindet. Wer Freude an kindlichen Einfällen christlicher Maler hat, der mag sich dort oben das Altarblatt betrachten, auf welchem der Engel dem nach Ägypten fliehenden Jesuskindlein seine Windeln und die Breipfanne vorausträgt. Aber weiter dem Fluß entlang sieht man Kohlenmeiler und das Treiben der Köhler im engen Tale jenseits der rauschenden Wellen. Im allgemeinen bleibt der Anblick des Tales, welches zum großen Teil mit Wald ausgefüllt ist, und des Weges, neben welchem Holzzäune halb von Farrenkräutern und Gesträuch bedeckt sind, bis zum Markt Hopfgarten hin ganz der nämliche.

Die Überlieferung verlangt es, daß wir dort beim Paulwirt einkehren, der Station für die Salvenfahrer.

Der Steig, auf welchem man auf der Höhe der Reisezeit fortwährend Maultieren mit Damen und städtischen Touristen begegnet, welche sich vorsorglich für diesen Reitsteig und die Grashalden der Hänge mit ungeheuerlichen Bergstöcken vorgesehen haben, führt bis zu einer ansehnlichen Höhe noch zwischen Wohnhäusern und Getreidefeldern hin. Der Gipfel wird über eine grasige Fläche hin erreicht, auf welcher zuletzt die Baumeinfriedung und das Gestrüpp verschwinden. Auf der Ostseite drüben sammelt sich alljährlich Stoff zu einer Lawine, deren Abgehen den Bewohnern des Brixentales das Signal ist für den Beginn ihrer Feldarbeiten.

Die Bauten oben bestehen aus einem kleinen Kirchlein und einem bescheidenen Wirtshaus. An der geeignetsten Stelle, nämlich gegen Süden hin, sind Bank und Tisch angebracht worden, von welcher aus der weite mittägliche Gesichtskreis mit seinen Gletschern ruhig genossen werden kann. Man sieht den zugespitzten Gipfel des Großglockners, häufig von Wolken umzogen, den Habicht in Gschnitz, die graue Kalkkuppe des Solsteins über der Landeshauptstadt und im Norden jenseits verwitterter Hörner das undurchsichtige dunkelblaue Meer des Flachlandes.

Von Hopfgarten aus gehen mancherlei Wege in den Pinzgau, an den Fuß eben jener Eisberge hinüber, welche auf der Salve der hervorragende Gegenstand unserer Betrachtung waren.

Trübselig und unwirtlich erschienen mir stets die Ansiedlungen des Brixentales. Diese Weiler Feichten, Hintermoosen, Vordermoosen mit ihren hölzernen Hütten, ihren wenig kräftigen Männern, ihren stumpfsinnigen Weibern, die, ihre Mistgabel in der Hand, mit Männerhosen angetan, jeden Wanderer wie einen durchziehenden Elefanten angaffen, bringen ihm ebensowenig muntere Eindrücke als die ungewöhnliche Gleichförmigkeit der breiteren Talmulde. Erst bei Kirchberg, von wo die Wasser wieder der großen Ache zurinnen und das Spartental von Süden sich öffnet, kommt wieder einige Abwechslung in die Linien der Landschaft. Zugleich zeigt sich in den Herbergen wieder jene Behäbigkeit, welche der Kitzbüheler Gegend zu einem gewissen Ruf verholfen hat.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 270 - 273.