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Innsbruck

Ehe wir nun unseren Weg weiterhin durch die Täler und über die Höhen fortsetzen, müssen wir einen Augenblick bei der Hauptstadt des Landes verweilen.

Von den Tiroler Städten hat Innsbruck das am meisten 'moderne' Aussehen. Man findet dort zwar Gebäude, welche das bürgerliche und behäbige Wesen des Mittelalters zur Schau tragen, andere, die ihrer Bauart nach als Wirtshäuser an irgendeiner Straße des Berglandes stehen könnten, und dann wieder Zinshäuserstraßen, deren Charakter unsrer Nützlichkeitsperiode wohltuend zusagt. Indessen wird zu Innsbruck das allzu moderne, glatte, aufklärerisch-nüchterne Aussehen der neuen Stadtteile durch manche mittelalterliche Staffage, insbesondere durch viele Kutten, denen man begegnet, angenehm abgeschwächt.

Die erste der Innsbrucker Sehenswürdigkeiten bleibt ohne Zweifel das Ferdinandeum, eine Sammlung der verschiedenartigsten Dinge, welche sich auf die Geschichte, die Kunst, die Natur des Berglandes bezieht. Vom antiken Amor, welchen man bei Schlitters im Zillertal im Boden fand, bis zur Kanone, welche Innsbrucker Studenten den Piemontesen abnahmen, von den Schnitzereien der Grödener Bauern bis zum farbenblendenden Selbstporträt der Anna Knittel, der berühmten Tochter des Lechtales, von der Rosendrossel und Tannenmeise bis zum Alpensegler und Steinadler, von der Jochviper bis zur Gemse erblickt man da gar viele Gegenstände beisammen, deren Anblick oft durch jahrelange Wanderungen im Lande nicht errungen wird.

Viele Belehrung bietet den Freunden der Pflanzenkunde der Botanische Garten. Dort findet sich manche Blüte, welche nur auf Höhen heimisch ist, die nicht jeder Fuß erklimmt.

Wenn man alles dies gesehen hat, dann mag man immerhin in die Hofkirche gehen und sich die metallenen Männer und Frauen um das Grabdenkmal des Kaisers Maximilian betrachten und die silberne Kapelle mit der Bildsäule der schönen Welser und den treuen Andreas Hofer, die marmorne Gestalt, an deren Fahne niemals der grüne Kranz fehlt. Auf das goldene Dachl hinzuweisen ist nicht nötig, weil dessen Anblick niemand entgeht.

Ich für meinen Teil habe immer die Berge und die Pflanzungen und Stromufer, in welche sie so gewaltig herabschauen, als die anziehendste Merkwürdigkeit Innsbrucks betrachtet. Es ist nicht überall zu sehen, daß man, aus den Straßen einer Stadt ansteigend, erst durch Gärten, dann durch Wälder, Wiesen und Alpentriften endlich zu beschneiten Höhen gelangt, von welchen aus man die fernsten Spitzen des Vaterlandes erblickt, und dem Strom, der, aus ihren tausend Gewässern sich sammelnd, erst in der unabsehbaren Weite des blauen Flachlandes dem Auge entschwindet.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 309 - 310.