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Das Leben der Holzknechte in der Gosau

Mein Federl auf'n Huat
Dös tuat si schön neig'n
Und wer koan Holzknecht nit kennt,
Dem will i oan jetzt zeig'n.

Altes Lied

Das Holzknechtsleben stellt eine kleine Welt eigener Sitten dar. Das Gebiet ist noch nicht für das lesende Publikum erschlossen: Die Reiseschriftsteller kommen, bei diesem Punkte angelangt, nie über allgemeine Redensarten hinaus. Im nachfolgenden habe ich mich bemüht, eine genaue Darstellung der Einzelheiten aus dem Treiben dieser Männer zu geben. Ich werde zeigen, wie sie arbeiten, essen, sich erholen.

Die Holzstube, auf dem Gebirge gelegen, ist für den Holzknecht dasselbe, was dem Soldaten die Kaserne. Dort eben wohnt er Monate lang, um sich den weiten Weg nach dem Tale zu ersparen, welchen er täglich zurücklegen müßte, wenn er von seinem Nachtlager nach dem 'Schlag' gehen wollte. Solches geschieht nur einmal wöchentlich: am Montag in aller Frühe, wo er von den Erholungen des Sonntags unten wieder in seine Berge zurückkehrt. An diesem Tage kann man dem Holzknecht begegnen, wie er in der Dämmerung den Bergpfad ansteigt, mit seinem ledernen 'Wochensack' beladen, in dem er das mitnimmt, was er die Woche über braucht, Mehl, Brot, Schmalz und wohl auch manchmal ein Stückchen 'Geselchtes'.

Mitten in der geräumigen 'Stube', an deren Wänden Bretter hinlaufen, die Schlafstätten der Knechte, erhebt sich ein langer Herd, auf welchem gewaltige Feuer prasseln, über denen Häfen mit siedendem Wasser stehen. Soviel Knechte in der Hütte wohnen (die Genossenschaft heißt ein 'Paß'), soviel Häfen sieden da. Das alles hat der 'Gäumel' getan, entweder ein ganz junger Bursche oder ein alter, ausgedienter Knecht, welcher der 'Paß' ihr Hauswesen führt, Holz spaltet, Feuer macht und ihnen das Wasser siedet.

Wenn der Knecht in die Holzstube tritt, nimmt er seinen Sitzhut ab, er würde mit ihm überall an die Decke stoßen, und bedeckt sein Haupt mit der landesüblichen Zipfelhaube. Der Anführer des 'Paß', der Meisterknecht oder Rottmeister, betet vor, und nun geht es an den flammenden Herd zum Bereiten der 'Nocken'.

Jeder hat, wie sein eigenes Geschirr, so seinen eigenen Platz am Herd. Zu diesem verfügt er sich und schüttet in eine tief ausgehöhlte hölzerne Schüssel, meist aus Zirbenholz, welche man mit dem Segment einer größeren Kanonenkugel vergleichen kann, eine gewisse Menge Mehl. Nun ergreift er den Hafen, in welchem das Wasser siedet, und gießt in die hölzerne Schüssel. Die Kunstfertigkeit beruht darin, daß mit einem einzigen Guß nicht mehr und nicht weniger heißes Wasser in die Schüssel stürzen darf, als notwendig ist, um aus dem darin befindlichen Mehl einen soliden Teig anzumachen, welcher zur Bildung von ungefähr acht Klößen, Nocken, hinreicht. Wer öfter als einmal Wasser in die Schüssel gießt, wird ausgelacht.

Jetzt ballt der Knecht mit seinem 'Muaßa', einem langen Holzstiel, dessen eines Ende zu einem tief ausgehöhlten Kochlöffel verarbeitet ist, während das andere Ende flach und breit ausgeht, aus dem Teig von Wasser, Salz und Mehl Kugeln und wirft sie in das heiße Wasser, daß sie bald zitternd in die Höhe tanzen. Es sind ihrer meist acht. Das andere Ende des 'Muaßa' würde er benützen, wenn er einen 'Schmarrn' umzurühren hätte.

Mittlerweile siedet in einer eisernen Pfanne Schmalz. Der Knecht gibt nun zum Bräunen die verhärteten Nocken in die Pfanne.

Es gewährt einen seltsamen Anblick, die Männer in langer Reihe so vor den Feuern stehen zu sehen. Jeder hält den langen Pfannenstiel an seinem äußersten Ende. Weil er wegen der Hitze nicht näher hingehen kann, schlägt er das Stielende oft an seinen rechten Schenkel, damit sich die Nocken in der Pfanne rühren und nicht an ihren Wänden anbrennen.

Sind die Nocken fertig geröstet, so werden die Pfannen vor die Hütte gestellt. Dort verkühlen sie. Hat der lange Bereitungsprozeß endlich durch Verspeisen seinen Abschluß gefunden, so wird noch das Wasser in dem Hafen benützt, in welchem die Nocken hart gesotten wurden. Sie schneiden Brot in die Brühe, in welcher Teigüberreste schwimmen, oder gießen vom übrigen Schmalz daran.

Dann wird zur Arbeit aufgebrochen.

Bei warmem Wetter gehen Sie hemdsärmelig hinaus, eine Weste ohne Ärmel, Lederhosen, grobe wollene Strümpfe und dicke, schwer genagelte Schuhe bilden dann ihre Bekleidung. Bei kühlem und stürmischem Wetter kommt eine kurze Wolljacke und ein Wettermantel dazu. Diesen, aus schwerem Wollstoff gefertigt, werfen sie in die Lohe, damit er 'lodern' wird, braun, lohfarbig, wasserdicht.

Zur gewöhnlichen Ausrüstung gehört das Griesbeil, ein schmales Beil mit rechtwinkelig daraufstehender eiserner Spitze und eine Krummsäge, Waldersagn, welche an einer über die Brust laufenden Schnur getragen wird. Eine krumme Holzleiste, in der Mitte so eingekerbt, daß die Zähne hineinpassen, dient ihr als Scheide. Die Arbeit wird fast stets paarweise in Angriff genommen.

Beim Fällen der Bäume im 'Schlag' hauen die beiden zuerst eine tiefe Kerbe (Spahn) in den Stamm. Dann setzen sie auf der anderen Seite ihre Säge an und sägen, bis der Baum abgeschnitten umstürzt.

Auf Vorsprüngen von Felswänden ist das eine schwere Anstrengung. Da müssen sie sich nicht selten schwere Steigeisen anlegen, damit sie am steilen Abhang nicht stürzen, und sich wohl vorsehen, daß der umfallende Baum keinen von ihnen in die Tiefe hinabschlägt.

Nachdem die Äste abgeschnitten sind, handelt es sich um die Verwendung des Stammes. Ist dieser zu Bauholz bestimmt, so bleibt er in seiner ganzen Länge liegen oder wird höchstens noch zugehackt, daß die viereckige Balkenform notdürftig hervortritt. Zur Zeit des Bedarfes schleift man den Stamm durch die Kraft von Menschen oder Zugtieren, bindet ihn auf einen Karren, der nur vorne Räder hat, oder zerrt ihn mit Seilen weiter oder läßt ihn auf einem Schlitten hinabgleiten, je nach Bodenbeschaffenheit und Jahreszeit.

Stämme, welche sich zum Bretterschneiden eignen, sind die gesuchtesten, weil aus ihnen am meisten Geld gelöst wird. Unsere Knechte nennen sie Blochholz. Sie schneiden die Stämme in drei Klafter lange Blöcke. Diese nun werden zunächst der Rinde entkleidet, damit sich während ihres Lagerns der Borkenkäfer nicht einniste. Dann bleiben sie liegen und warten auf den Winter, die glatte Schneebahn, auf welcher sie meist von Zugtieren ihrer Bestimmung entgegengeschleift werden.

Für das Brennholz werden zunächst aus den Stämmen Abschnitte von sechs Fuß Länge gesägt und gespalten. Ist die Lage zum Hinabbringen günstig, spaltet (kliebt) man es wohl noch kleiner an den 'Klubplätzen'.

Sind die Arbeitsplätze weit von den Holzstuben entfernt, hoch oben im Gebirge, so schlagen die Knechte gleich auf dem unwirtlichen Gestein ihre Wohnung auf, so gut es eben geht. Da werden zwei Balken (Schrägen) in die Erde gerannt, Querhölzer darübergelegt und mit Rinden ein Dach gedeckt. Auch an den Seiten werden Rinden angebracht und das Ganze so behaglich eingerichtet, als es die Art und Weise der Leute nur immer anstreben kann. Solche Hütten, die man als Kolonialansiedelungen aus Holzstuben betrachten kann, nennen sie Sölden.

Ist die Luft draußen mild, so wird unter dem 'Schepfen', einem Vordach, zu Abend gespeist. Dort rauscht der Brunnen und stehen behagliche Bänke. Das Getränk bei dieser Unterhaltung ist meist lauteres Quellwasser. Indessen gibt auch der eine oder andere manchmal seinen Branntwein herum, und dann wird ja 'tabakelt' (in Gesellschaft geraucht).

Ist die Stimmung recht heiter geworden, so ertönt wohl auch die anspruchslose Musik des 'Fotzrippler' oder 'Fotzhobel' (Fotz heißt Mund, daher Mundharmonika) und dazu Almenlieder und Jauchzer. Während aber die Älteren bereits gähnen und schon ihr Stroh aufbetten und den Wettermantel herablangen, der ihnen als Zudecke dienen soll, sinnen die jüngeren Knechte auf Abenteuer. Jeder weiß seine Almhütte, deren Bewohnerin längst auf Besuch wartet. Da schnitzt er Spähne zum Feueranmachen, zackt sie am Rande schön aus und nimmt einen ganzen 'Buschen' oder 'Burden' davon mit, um ihn seiner Angebeteten als Geschenk zu Füßen zu legen. Die Almerinnen schauen stolz auf ihren Spähnereichtum, weil, je größer der Spahnhaufen, desto größer die Anzahl ihrer Verehrer ist. Aus Erkenntlichkeit wird für den Besuch ein Schmarrn gekocht. Unter scherzhaftem Reden und Singen vergeht die halbe Nacht, und oft steht die lichte Sonne schon wieder auf dem östlichen Gebirg, wenn sie sich trennen, um an ihre Arbeiten zu gehen.

So verrinnt die Woche, und es kommt der Samstag heran, an welchem jeder sich der Rückkehr ins Tal und zu den Seinen freut. Gleich nach dem Essen wird der Rucksack gepackt, und dann geht's hinab, der Ruhe und dem -Wirtshaus zu. Was einer findet - Beeren, schöne Schwämme, seltene Alpenblumen - nimmt er aus der Höhe mit hinab, und fast alle tragen einen 'Buschen' Holzspähne bei sich, die sie unten verschenken.

So ist einleuchtend, daß Menschen, welche fast das ganze Jahr über in solcher Luft, bei solcher Arbeit, unter solchen Gefahren leben, gesund und mutig werden müssen. Und es ist in der Tat ein derbes, wackeres Geschlecht. Ich bin oft Stunden lang mit einer der braunen Gestalten durch die Bergwälder gegangen und in die steilen Schläge hinaufgeklettert und habe stets gefunden, daß der Schweiß ihres mühseligen Daseins am echten Menschen nichts verkümmert hat. Ihre Unerschrockenheit und Tapferkeit sind unbeschreiblich. Beim 'Tabakeln' kommen gesprochene Epopöen zum Vorschein, welchen nur der kombinierende Dichter fehlt. Sie sind die wahren 'travailleurs des Alpes' und aus ihrem Treiben möchte ein Roman zusammengeschmiedet werden, von dessen Wirksamkeit sich um so mehr erwarten ließe, je mehr der Poet den Gegenstand - eine im einzelnen fast ungeahnte Welt voll Herrlichkeit und Kraft - bloß abschriebe.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 65 - 70.