SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Das Österreichische Seenbuch

   
 

Dämmerung am Hintersee

Von Hof zweigt sich die von Salzburg herankommende Straße gegen den Hintersee ab, der im Norden vor den höchsten Rücken des Berglandes liegt, welches sich zwischen der Salzach im Westen und dem Wolfgangsee im Osten hinzieht. Es war ein Tag, Winter der geringen Wärme, Frühling der hoch am Himmel hängenden Sonne nach. Schnee überlagerte aufs neue die voreilig entfalteten Blüten, und winzige Flocken schwebten wie Staubkörner in der grell-klaren, von eisigem trockenem Ost bewegten Luft. Krähen lärmten über die weiten Schneefelder hin im Abendglanz, und die Glocken des im tiefen Tal versteckten Dorfes Ebenau schallten.

Das weite Rund der Gipfel, vom Gais- bis zum Faistenauer Schafberg und anderen mehr im verdunkelten Osten gelegenen Rücken war ein veilchenblauroter Gürtel. Von einem Giebel, hinter welchem die Sonne versank, züngelte ein ungeheurer Streifen orangenfarbenen Lichts gegen den Scheitelpunkt des unbarmherzigen Himmels. Über manchem der östlicheren Berge türmte sich, während sein Giebel dunkler wurde, wie zum Spiel ein Wolkenberg auf, an Gestalt ihm wundersam ähnlich. Gelbe Lichter verbleichen auf den Schindeldächern der Hütten. Die Alm, ein rascher Bach, welcher aus dem See nach der Salzach fließt, schien mit jeder Krümmung im beschneiten Walde in rubinfarbenen Kellern voll unsäglicher Pracht zu verschwinden und in den Schoß der ewigen Abendröte zurückzukehren.

Als wir in der Abenddämmerung den See erreichten, wallte die Flut in niedrigen, breiten Wogen. Diese zerrten das Bild des gegenüberliegenden, aus dem See aufragenden Berges in lange Stücke auseinander.

Weit draußen leuchtete eine silberne Kugel auf dem Wasser schwimmend; es war ein Ballen Eis, der von der Unruhe der schlagenden Flut sich um ein vereinzeltes Rohr angelegt hatte. Im morschen Ufereis verzweigten sich grüne Risse, den Armen eines Polypen oder Seesternes vergleichbar. Wo die freie Flut, grün wie der Fichtenstrand, in diesen überzugehen schien, da flogen schnatternd Wildenten in die Höhe - die gefiederten Jäger des Fischgesindels. Hunderte zappelnder, silbern schillernder Leiber werden von ihnen aus dem Wellenschlag des Strandes herausgeschnellt.

Das Fischen! Es geht mit der Erbeutung dieser Tiere am Hintersee nicht einträglicher als an anderen Gewässern der Salzburger Alpen. Der Saiblinge und Forellen, seiner einzigen Bewohner, sind wenige - die, welche ihnen nachstellen, kennen keine Zeit der Schonung.

Vom Königs- und Obersee wurden Saiblinge in die stillen Wasser des Hintersees versetzt. Sie zeichnen sich noch jetzt durch ihre Absonderung von den alten Insassen als fremde Aristokraten aus. Die alten Insassen müssen an Wertschätzung ihnen weichen, weniger wegen der ästhetisch nicht so wirksamen Farbe als des einleuchtenderen Grundes halber, daß ihrer bis zu sechs auf ein Viertelpfund gehen. Sie werden wegen ihrer Farbe 'rostig' genannt und so gering geschätzt, als es spekulativen Fischern gegenüber einem im Preise so hoch gehaltenen Leckerbissen möglich ist.

Die Menschen sind indessen nicht die einzigen Feinde der kaltblütigen Salmonen. In Bächen und am seichten Ufer lauert ihnen ihr grimmigster Widersacher, der Fischotter, auf. Wäre es Tag, so würden wir den Strand entlang kleine, runde, moorige Inselchen, Grasbüscheln ähnlich, aus dem Wasser hervorragen sehen. Dort pflegen sie ihre Siesta zu halten, wenn ihre Geschicklichkeit ihnen den Magen bis zum Überdruß angefüllt hat.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 84 - 88.