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Herbststimmung am Wörthersee

Die Nebel hängen über unseren Wörthersee herein, als wollten sie mit Gewalt den hartnäckigen Sommerfrischlern die Polizeistunde der schönen Jahreszeit klarmachen. Man packt deshalb auch partienweise zusammen und geht von dannen, uneingedenk der alten Erfahrung, daß noch in jedem Jahre um die Tage von Unser lieben Frauen Geburt herum ein so ungestümer Vortrab unseres Bärenwinters sich eingestellt hat, noch immer aber beschämt wieder in die wilden Tauern hat zurückweichen müssen.

Und wie es in manchem heiteren Gaststübchen erst recht gemütlich wird, wenn die mahnende Polizei abgezogen, so freuen wir uns schon jetzt auf die goldenen Herbsttage. Dann sind wir wieder Herren unserer Gestade.

Mit dem letzten Sonntag ist der weiße Dampfer von unserem See verschwunden. Wäre der Nebel und die Kühlung nicht, so gälte schon das für manchen als der tatsächliche Schluß der 'Saison'. Wir werden das (meist verspätete) Pfeifen also erst wieder vernehmen, wenn die Uferwälder abermals von beflügelten Sängern belebt sind.

Jetzt dünkt uns der ganze See schier wie verlassen. Verstummen werden die Klagen über die Kühnheit der Schwimmer, die sich seinem Bugspriet entgegendrängten, und Pudicitia, vom zart empfindenden 'Einsender' angerufen, kann sich in den zu erhoffenden Strahlen der Herbstsonne wieder langsam entschleiern.

Der Sturm fährt draußen im (nicht Ur-, sondern geldmäßig verwirtschafteten und ausgeplünderten) Wald durch die Wipfel und will mit seinem wüsten Geheul eine Ahnung nächtlicher Winterschrecken über uns bringen.

Am nächsten Morgen glänzt Aurora uns von der Stadt herauf entgegen, und bald wird sie, kupferig aufdämmernd, über die bleichen Kalkberge der Koschuta und des Grintoup her entgegenkommen - uns, das heißt den wenigen, die um diese Stunde sich den vaterländischen Himmel betrachten.

Aurora! Das bedeutet ja heiteren Himmel, Sonnenschein, Glanz des Mittagslichtes im eilenden Bach und auf den Blättern der Uferbäume! Trug - in wenigen Stunden ist der graue Nebel wieder da. Ein löschpapierener Deckel schiebt sich abermals zwischen den blauen Himmel, an dem jetzt die Septembersonne so schön strahlen muß, und uns, die wir mit all unserer Weisheit gar nichts tun können.

Raum und Zeit wird überwunden werden, aber über dieses langweilige Gebrodel ist niemand Herr, und es gibt keine irdische Macht, die uns ein blaues Loch in den schieferigen Vorhang hineinschlüge.

Abermalige Verwandlung. Die Schmutzfarben des nachdenklichen Herbsttages verschwinden, die Maiskolben vor meinem Hause glänzen wieder goldig, die Bohnenblüten brennen, die Herbstzeitlosen am Rain stehen wieder im sanften, blaßroten samtigen Gewande da, und der See mahnt mit seinem Kornblumenblau an die schönsten Tage der zudringlichen Schwimmer vor der unschuldweißen Dampffähre.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 175 - 178.