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Haldensee

Von Schattwald bis Weißenbach am Lech hinab ist eine der anziehendsten Landschaften in unseren nördlichen Bergen. Bald sind es die gewaltigen Pyramiden der 'Roten Flühe', die zum ersten Mal beim Weiler Katzensteig sichtbar werden und sehr viele Ähnlichkeit mit den Türmen der Dolomiten, den 'drei Zinnen von Lavaredo' in den Venetianer Bergen haben, und der 'Gimpel-Berg', bald die Wasserrinnen, die weiß das Gestein herab durchfurchen, irgendein rotes Feldkreuz sich im Tümpel des Baches spiegelnd und das allgewaltige Sausen des Flusses, der durch Kalk sich talwärts seinen Weg bricht.

Von einem Mann, der an einem dieser graublauen raschen Bächlein nach Forellen fischte, wurde ich zum weißen Kreuz in Nesselwängle gewiesen, welches eine vorzügliche Herberge und den Vorüberwandernden zu empfehlen ist. Von dort gelangte ich bald zum Haldensee, der gerade vor den grauen und sehr steilen Wänden des Gimpelberges eingebettet liegt. Von diesem schönen See ist kein Abfluß wahrzunehmen. Ringsum umgibt ihn Wald, von grünen Furchen der Holzschläge steil durchzogen, und auch auf den Rasenbrustwehren, welche die Straße gegen ihn abgrenzen, gedeihen junge Tannen. Damals wurde zumeist das Gehör von diesem Alpenbild in Anspruch genommen: denn von überall her toste es, aus den Schneefeldern über dem Wald quirlten die Wasserstürze gerade in sein Becken herab.

Nachdem ich das lange, auf einen mit gelben Flechten rostfleckig gesprenkelten Straßenstein gelehnt, betrachtet hatte, machte ich mich wieder auf und gelangte bald in die jähe Schlucht, durch welche sich die Straße mit dem Fluß gegen Weißenbach und den Lech hinabsenkt. Da sieht man zur Linken das brüchige Gestein wie Weinbergterrassen abgestaffelt zum Schutz der Straße, damit das lockere Gestein nicht von Gewitterregen auf dieselbe hinabgeschwemmt werde. Oft sieht man in den vom Fluß durchtobten Tobel hinab und auf die Holzknechte, die das zu flößende Holz mit Stangen von Felsenhemmnissen frei machen, aber auch in die Ferne und auf die blauen Wälle des Lechtales.

Auf erhabenen Felsblöcken über dem Wasserabgrund hängt der bleiche blutende Christ; Maikäfer schwirren um die eben sich entfaltenden Blätter des Vogelbeerbaums, die Männer rufen aus der Tiefe, den Lärm des Wassers überhallend.

Nach diesen Bildern kamen die breiten Kiesauen des Lechs, die Straße erreichte das breite Flußtal, in welchem das ärmliche Dörflein Weißenbach liegt, die erste Post, wenn man von Reutte dem Fluß aufwärts entgegengeht.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 340 - 341.