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Gosau - Schmiede

Wir sitzen in der Zechstube unter wetterharten Burschen und freuen uns bald ihrer Gespräche über die Jagd auf den Felsenwüsten droben, bald der ungewohnten engen Holzwände im niedrigen Kämmerlein - es schickt sich alles so trefflich zueinander. Freilich klagt dort ein Steinbrecher über den kärglichen Verdienst und jammert, daß er in seinem Leben nie so viel Geld aufbringen wird, um drüben in Amerika eine bessere Heimat finden zu können; die Steinbrecher, sagt er, die hinübergegangen sind, bekommen viel mehr Geld. Doch unser Schmied verscheucht den Mißton. Er weiß viel zu erzählen: ist es doch bekannt, daß er in den Büchern überall als ein erfahrener Führer gerühmt wird. Er berichtet von seinen Bergersteigungen mit unserem unvergeßlichen Schaubach wie mit dem gewissenhaften Bädecker. Er hat in der Gesellschaft so gelehrter Männer allerlei gelernt - so sich im Zeichnen versucht und getrachtet, sich die Umrisse von Versteinerungen einzuprägen. Er besitzt Reisehandbücher und Werke über das Salzburgerland; er hält sich eine Zeitung - erfreulich und überraschend in der hölzernen Hütte. Es scheint in der Tat, als ob die geistige Rührigkeit eines Volkes auf einem Gebiet einen vollständigen Mangel an Strebsamkeit auf anderen, besonders verwandten, ausschlöße. Bekanntlich herrscht im Volk von Salzburg und einzelnen anstoßenden Gebieten ein überwiegendes metaphysisches Bedürfnis, das sich in allerlei seiner Bewegungen gezeigt hat, in der Sucht zum Sektiererwesen, Pietismus, Protestantismus. Der Vorurteilsfreie wird sich freilich um das Ziel solcher Bestrebungen nicht viel kümmern, aber er kann sich nicht verhehlen, daß schon etwas gewonnen ist, wenn überhaupt nur einmal die geistige Tätigkeit sich wirklich rührt. Selbstverständlich können die Leute keine Weltweisen sein - daß sie aber überhaupt vergleichen, eigene Urteile in Dingen zu fällen wagen, in welchen es eine Autorität gibt, welche noch mehr als geistliche Waffen zur Verfügung hat, daß sie Bücher haben und lesen, daß sich Selbstbewußtsein und Nüchternheit steigern, das sind Vorteile, über die ich nicht hinwegsehen will.

Zu den Gosau-Seen führt ein leicht zu findender Weg. Zuerst gehen wir durch Nadelwald, wo ihn eine fortlaufende Prügelbahn bezeichnet. Der Reif, welcher draußen das Tal bedeckt, ist über den dichten Stämmen zerflossen. Die Donnerkogel erscheinen hier über den Bäumen in einer riesigen, unheimlichen Bildung. Wir sind es bald müde, sie zu betrachten. Endlich eine tiefgrüne Wasserfläche und im nämlichen Augenblicke der ernste Gletscher in der ruhigen Luft und umgestürzt im ruhigen See. Dessen Klarheit ist so groß, daß es schwerfällt zu erkennen, wo sich die Grenzlinie des auf- und abwärtsragenden Bildes befindet. Ja, es ist ein großer, herrlicher Anblick. Hier wohnt leidenschaftslose Ruhe. Keine Schwingung bewegt den starren Stoff. Eine selten geahnte Kraft ist es, die den oft bekümmerten Sinn plötzlich in sonnigere Höhen trägt. Es ist, als ob jene Gewalt, welche die Schlammschichten des Urmeers in die reinen Lüfte emportürmte, vergeistigt in uns nachwirkte. Niemand wird zu sagen vermögen, was er sich denkt, während sein Auge in das unbewegliche Eis starrt, aber später wird er Rechenschaft darüber geben können, was er sich nicht gedacht hat. Solche Augenblicke sind unfruchtbar an bestimmt umschriebenen und mittelbaren Ideen, unfruchtbar wie jene Scheitel über dem Firn an lebendigen Gebilden; aber sie sind, gleich jenen, in ein anderes Licht getaucht, als das Schaffen in der Niederung, wir sind von etwas erlöst, was uns sonst anhängt. Tönen allein ist es gegeben, gleich wunderbar auf uns zu wirken.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 58 - 60.