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Gestalten der Landstraße

Auf der Landstraße in Richtung auf den Piburger See hatte ich einen Begleiter bekommen. Dieser Bursche, aus dem Pitztal gebürtig, hatte während des Sommers 'draußen' einen Handel mit Spielwaren getrieben und oblag nun der angenehmen Beschäftigung eines 'Wintergrafen', wie man diejenigen nennt, deren Herrlichkeit mit dem letzten Guldenzettel verweht, den sie von ihren Sommerreisen mit nach Hause bringen. Die Monate Februar und März sind den Wintergrafen schon gefährlich, weil es mit den Schätzen des Sommers zur Neige geht. In seiner Jugend war er zu Imst Kellner gewesen, handelte dann mit Geißkitzen hinab nach Innsbruck, und in noch späterer Zeit schleppte er die 'Herrgötter' auf einer Kraxe über die Jöcher, um bei den Bauern Hausierhandel zu treiben. Er war ein schlauer Bursche und wußte auch guten Bescheid über die Anforderungen, welche der Kunstgeschmack der Bauern an seine 'Herrgötter' stellt. Dies zu erläutern stelle ich meine eigenen Erfahrungen neben die seinigen.

Als ich eines Tages mit einem befreundeten Maler durch das Etschland wallfahrtete und dieser in den braunen Bauernhütten die wunderlichen Gestalten und Kreuzbilder sah, die Penaten des Hauses, so wünschte er sehnlich, diese oder jene über alle Maßen seltsame, von Rauch und Fliegen geschwärzte Figur mit nach Hause zu nehmen. Dieser Wunsch aber begegnete den größten Schwierigkeiten. Der Bauer würde es für eine Sünde halten, ein solches Bild herzuschenken und es zu verkaufen, in dessen Angesicht er vielleicht geboren wurde und das sein Vater in seiner Todesstunde in der ersterbenden Hand hielt.

Da kam uns der Zufall zu Hilfe. Ein welscher Herrgotthändler kam eben des Weges mit nagelneuen Heilanden und Kreuzbildern. Da kam mir der Gedanke, ob sich auf dem Wege des Tausches nicht erreichen lasse, was gegen bares Geld unmöglich schien. Die Vorliebe des Bauern für Buntes, Glänzendes und Neues schien uns von guter Vorbedeutung. Aber wir täuschten uns.

Nur in einem einzigen Falle brachten wir es so weit, daß uns ein Bauer unter den vielen Bildern, welche er besaß, ein einziges gegen ein anständig gearbeitetes Kreuzbild des Welschen gab. Gegen die neuen Bilder kamen Einwendungen, die für die Sinnesart der Bauern bezeichnend sind.

Dem einen war der neue Christus, nachdem er ihn eine Viertelstunde lang bedächtig in der Hand gewogen, nicht 'schwar' (schwer) genug, der andere meinte, ein Christus ohne 'Inri' tauge nichts. Diesem war er zuwenig mit Blut bedeckt, und jener sagte insbesondere, die Beine seien nicht 'genug aufgeschlagen^ womit er die großen Wunden meinte, welche bei echten Schöpfungen gleich unter dem Knie angebracht sind. Auch mit der Behauptung, dieses und jenes Bild sei schon zum 'Versehen' gebraucht worden, suchte man unseren Lockungen sich zu entziehen. Einen 'Heiligen Geist' aber, jene hölzerne Taube, die an einem Faden über dem Eßtisch hängt, zu bekommen, war vollends ein Ding der Unmöglichkeit.

Ganz dieselben Kanones christlicher Kunst entwickelte mir nun hier mein Pitztaler. Doch tat er es mit dem Bewußtsein eines Menschen, welcher die Torheiten anderer zu überschauen glaubt und nicht, ohne fortwährend beizufügen: 'So wollen es die Bauern!'

Nicht unerwähnt will ich lassen, daß sowohl dieser Mensch als eine große Anzahl von Bauern und Dirnen, welche uns entgegenkamen, sich durch Gesichtszüge bemerklich machten, welche in Verbindung mit den dunklen Augen es ohne Zweifel lassen, daß hier die deutsche Sprache von Leuten geredet wird, deren eigentliches Wesen romanisch ist.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 313 - 315.