SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Das Österreichische Seenbuch

   
 

Im Gasthaus zu Unterach

Wir nehmen an einem gastlichen Tisch in Unterach Platz, an welchem Bauern und Jäger behaglich bei der Kerze plaudern. Am andern Tisch sitzt ein Junge von ungefähr vierzehn Jahren, welcher weint. Das 'Kaibl, das er heut hat treiben müss'n, hat ihn so 'zerrt'. Aus Verdruß darüber und aus Scham vor denjenigen, die seine ungeschickte Schwäche mit angesehen haben, vergießt er helle Tränen. Es gibt doch recht viele sonderbare Schmerzen auf dieser Welt. "O, das Kaibl, das Kaibl", schluchzt er fortwährend. Ein anderer zeigt seinem Nachbarn edle Kastanien, die auf seinen eigenen Bäumen gewachsen sind. In diesem geborgenen Winkel gedeiht die süße Frucht. Von den Bauern erzählt einer, der Augenzeuge gewesen sein will, eine Geschichte, die unsereinen wohl seltsam anmutet, die aber in seinem Zuhörerkreis nicht die mindeste Überraschung hervorruft.

In einem der größeren Orte am See erhängte sich ein armer Gewerbetreibender. Nachdem die Leiche aufgefunden und seziert worden war, handelte es sich darum, sie zu beerdigen. Der Geistliche wies das Ansinnen zurück, dies auf dem Kirchhof, ja selbst in der Nähe geschehen zu lassen. Indessen zögerte die Verwesung nicht, und bald waren es neben Pietät und Sitte noch andere Beweggründe, welche zur schleunigen Beerdigung des Leichnams drängten. Vorstellung bei den geistlichen Würdenträgern führten zu keinem Ergebnis. Die Angelegenheit wurde dringend, und so blieb dem Gemeindevorsteher nichts übrig, als sich an den Amtmann seines Bezirks um Hilfe zu wenden - denn auch von den Bauern wollte die Leiche keiner auf seinem Grunde verscharrt wissen. Der Amtmann bedauerte den Vorfall sehr, ersah aber aus den gesetzlichen Bestimmungen des Konkordats, daß er hier kein Recht zu gewaltsamem Einschreiten habe. Nun blieb nichts anderes übrig, als den Toten ins Wasser zu werfen. Die Fischer aber erhoben in Masse Einsprache und behaupteten, kein Mensch würde ihnen mehr Fische abkaufen, wenn es ruchbar beworden sei, daß man ein so großes Aas hineingeworfen habe. So wanderte also die Leiche wieder vom Seegestade heimwärts. Jetzt - nachdem der Geruch der Verwesung stark zu belästigen anfing, befahl der Vorsteher seinen zwei Knechten, ihn in seinem eigenen, ihm, dem Vorsteher, gehörigen Walde einzugraben. Die Knechte taten es, und die Leiche ruhte im Boden. Nach wenigen Tagen aber sah ein nachts durch den Wald Gehender den Toten als Gespenst zwischen den Bäumen herumwandeln. Das erregte allgemeinen Aufruhr, obwohl es nicht auffallen konnte, denn schon vor diesem letzten Auskunftsmittel war ein Vorschlag des Vorstehers, den Toten auf dem ehemaligen 'Heren-Richt-platze' zu beerdigen, von den Bauern mit dem Bemerken zurückgewiesen worden, 'das könne nicht sein, dort müsse er umgehen!' Jetzt aber bemächtigte sich der Gemüter allgemeine Erbitterung über das Gespenst - eine Predigt goß Öl ins Feuer. So kam man überein, an den Bezirksamtmann eine Deputation abzusenden, welche fordern sollte, daß der Leichnam aus dem Gehölz wieder ausgegraben werde, weil das Gespenst die Vorübergehenden in Schrecken setze. Der geistliche Würdenträger führte das Wort. Dem Herrn Bezirksamtmann aber riß der Geduldsfaden, und er wies der Abordnung die Tür. Die Protestanten der Umgegend, meint einer, trügen seit der Schlacht von Königgrätz den Kopf gar zu hoch. Sein Nachbar lobt die Tiroler, weil sie von Jeher solchen die Festsetzung in ihrem Lande verwehrt. Jetzt könne man sehen, fuhr er fort, wie gescheit die Tiroler gewesen seien - denn wären Protestanten im Lande gewesen, sie hätten während des Krieges sämtlich für die Preußen spioniert. Daß die Tiroler gescheite und vorsichtige Leute sind, kann ich dem Redner aus eigener Erfahrung nur bestätigen - wurde ich doch selbst im verhängnisvollen Sommer in einem versteckten Tal, in welches nicht einmal eine Fahrstraße führt, schon deshalb dort verhaftet, weil ich unter dem Panzer der offenen Weste ein rotes Hemd trug und nach der Behauptung meines eigenen Wirts >schon so lutherisch dreinschauten.

Ein Knecht ereifert sich drüben im Gespräch und schimpft über das viele Beten und Plappern, während die Dirnen dabei an Dinge dächten, die er unverblümt in kerniger Schilderung auf den Tisch des Hauses niederlegte, ich aber dem Ahnungsvermögen des Lesers überlassen muß. Seine freigeistige Anschauung findet indessen keinen Anklang. Im Gegenteil, ein biederer Bergbewohner sagt: "Weißt, was bist?", und antwortet nach kurzer Pause: "A Haderlump bist, dös sag' der i!"

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 51 - 53.