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Fuschlsee

Wer die große Straße von Salzburg gegen Ischl hin wandert, muß allmählich eine Höhe von über achthundert Fuß ansteigen. Durch waldige Schluchten am Gaisberg und dem nördlich von ihr auslaufenden Felszinken hin hebt sich der Weg nach und nach auf die Hochfläche von Hof, von wo wir ziemlich weit in das Rund der Ferne zu schauen vermögen.

Der Buchberg am Trumsee und die Kuppen an den Nordostufern des Mondsees fallen gleichermaßen in den Gesichtskreis.

In der Entfernung weniger Schritte eröffnet sich die Mulde des Fuschlsees, mit der grünen Flut und den Bergen des Hintergrundes ein unverhofftes Alpenbild. Durch eine günstige Gruppierung der Bergrücken und über das frei hingegossene Gewässer hin kann ein weitreichender Blick in das Innere und den Zusammenhang mehrerer uns schon wohlbekannter Gebirge geworfen werden. Den Schober, das Höllkar, den Drachenstein, welche mit ihren Felsen an den einzigen Mondsee heranreichen, überschauen wir da von Süden her. Von allen Seiten umringen Berge und Felsen den Fuschlsee. Rechts von uns erhebt sich der Fibling mit einer 'Oetz', einem abgetriebenen Wald, auf seinem Abhang. Jenseits dieser liegt der kleine Fibling-See in einer Mulde des Giebels. Die freie, nur mit Stümpfen bedeckte, abschüssige Fläche wird noch von dem darauf zusammengewehten Schnee überlagert, wenn in den Wäldern nebenan schon Frühling und Sommer eingezogen sind.

Wolken, Lichtsäulen, Schatten und Bergspiegelungen bringen in diesem Gewässer keine mehr überraschenden Wirkungen hervor als die Abstufungen des Wassergrüns, die von dem ungleichen Grunde erzeugt werden. Die Tiefe wechselt in wenigen Seen an so zahlreichen Stellen und in so auffallender Weise. Von der lichten Farbe, mit welcher sich die Buchenknospen in der Aprilsonne öffnen, bis zum sibirischen Malachit sind alle erdenkbaren Erscheinungsformen dieser Farbe zu sehen. Vom Dorfe Fuschl aus besehen, scheint der See in ein Hügelland zu verrinnen.

Die Öde dieser Ufer erscheint wieder in der Ärmlichkeit, welcher wir hier allenthalben begegnen. Nur sehr bescheidene und unverwöhnte Reisende mögen es sich beikommen lassen, in dem Orte zu verweilen, dessen Seeluft und Waldschatten ein unvergleichliches Standquartier für die Mitte des Sommers bieten würden. Einsame Gemüter, welche kühle Hundstage erleben wollen und im Besitze eines energischen Magens sind, der Dinge überwältigt, welche den meisten ungenießbar erscheinen, mögen es immerhin mit dem Fuschlsee versuchen.

Dort oben gegen die Felsen des Schober hinauf steht neben einem kümmerlichen Haus jener immergrüne glänzende Baum, welchen eine sonderbare Laune des Lebens in unserem winterkahlen, naßkalten Lande wohl gedeihen läßt. Die Leute nennen ihn 'Schradl'. Es ist die Stechpalme (Ilex aquifolium) mit stacheligen Blättern und dunkelroten Beeren, deren sommerliche Herrlichkeit dich wundersam anleuchtet, wenn du im kothigen Schnee, von Flocken umstürmt, an sie heranwatest. Arme Menschen stehen um dich herum, betrachten dich neugierig und wollen dir den Baum verkaufen der 'schon dasteht, solange sie denken', und eine Zierde ihrer Hütten bildet, mit seinem grünen Leben, das in keinem Winter erstarrt. Auf der Nordseite des Sees hält sich ein Fußpfad hart am Wasser, dessen Unterlage bald die sumpfige Uferwiese, bald, ansteigend, der Fels bildet, welcher sich in steilen Wänden in den See neigt. Aber die Flut rollt nicht, wie in so vielen Seen, über einen Abgrund, sondern die Felswand stößt, wie das Rasenufer, an eine seichte Kiesfläche, über welche das helle Wasser knirschend hin und zurück geschlagen wird. Blühendes Heidekraut umzieht die Stümpfe, die von einem Wald Kunde geben, den die Bauern vernichtet haben.

Dort scheint Schnee am Gestade zu liegen - es sind nur die großen Kelche der Nießwurz. Das Wasser ist dort so grün wie die Honiggefäße ihrer Blüten. Ein anderer weißer Glanz zieht sich tief in den See hinab - es ist der Widerschein des spitzigen mit Blech beschlagenen Kirchturms. Er steht gerade der Sonne des Unterganges gegenüber. Wenn an purpurroten Sommerabenden ihr Schein sein Kreuz mit den letzten Strahlen anzündet, so lichtet im See von ihm sich eine unabsehbare Lohe hinab, welche die bewundernden Augen blendet.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 78 - 80.