SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Das Österreichische Seenbuch

   
 

Über die Fern-Seen, den Mitter- und Weißensee, nach Imst

Von der nördlichen Umwallung des Inntales, welche durch die oft geschilderten Kalkalpen gebildet wird, führen mehrere Wege zum Fluß hinab, drei Fahrstraßen und zahllose Übergänge, die nur der Hirt, der Jäger oder der Bergfreund aufsucht.

Die drei Fahrstraßen sind: diejenige, welche vom Tegernsee ins Achental geleitet und bei Jenbach herabkommt; die mehr erwähnte von Mittenwald in Bayern nach Zirl und sodann die von Reutte oder Garmisch über Lermoos und an den Fern-Seen vorüber, über den Fernpaß nach Nassereith angelegt ist, von wo aus man nach Imst oder Miemingen gelangen mag.

Allen drei Straßen kommt große landschaftliche Schönheit zu, und ich darf nur die Erinnerung an den blauen Achensee wachrufen. Auf letzterer Route begeben wir uns diesmal ins Inntal.

Die Zugspitze, der Schneefernerkopf, oder eigentlich die von ihnen abstürzenden Wände sind von Lermoos, Ehrwald und Bieberwier aus mindestens ebensogut zu betrachten als von den anderen Talböden, zu welchen sie abfallen. Insbesondere das Wiederglänzen des Abendrotes an den nackten Karen dürfte hier besondere Wirkung hervorbringen.

Den Glanzpunkt dieser nach dem Inntal führenden Fahrstraße aber machen die Seen aus, von welchen die größeren auf der Nord-, die kleineren auf der Inntaler Seite des Passes eingebettet liegen.

Zuerst gelangt man an den Mitter- und den Weißensee, der mancherlei kleinen hellen Tümpel nicht zu gedenken, die sich nach langwierigem Regen in moosigen Vertiefungen des Waldes breitmachen. Es ist schwer, von dem wundervollen Grün eine Vorstellung zu geben, welches dem Wanderer aus den Seetiefen entgegenstrahlt.

Wenn man an einem warmen Frühsommermorgen hier vorübergeht, so wird man schwerlich der Versuchung widerstehen, in einem dieser am Gestade von mächtigen Fichten und Lärchen überschatteten Gewässer zu baden. Kommt man dagegen an einem klaren Abend von der entgegengesetzten Richtung her, so wird ein unbeschreibliches Widerglühen der von roten Strahlen getroffenen Gipfel der Sonnenspitze und der Silberleiten aus der Flut heraus den Beschauer entzücken.

Im Winter sind die Seen des Fern nicht minder schön zu betrachten. Im goldenen Winterlicht gleißen die Becken unter der Sigmundsburg, die schneelosen, aber gefrornen Abhänge erwärmen sich allmählich, und leise Nebel zittern von ihnen auf durch die klare Luft. Durch das dünne Eis scheint es so tiefgrün heraus wie aus der ungebundenen Welle. Die grüne Fläche ist frei oder bedeckt, je nachdem sie von den Strahlen der Sonne erreicht oder vom Schatten der Fichten überdeckt wird, in deren dichte Bestände sie sich hier und dort hineinkrümmt.

Es ist, als ob menschliche Kunst durch Zusammenstellung aller Schönheiten, die Berg, Wald und Wasser in anmutigem Nebeneinander zu bieten vermögen, hier einen Alpenpark ohnegleichen geschaffen hätte.

Auf der Höhe angelangt, werden wir uns ungern von dem Anblicke der Seeflächen trennen. Noch einen Blick auf das grüne Wipfelmeer, auf die Fichtenwölbungen, und dann hinab, durch das öde Gurgl-Tal den sonnigen Geländen des Inn entgegen!

Die neue Straße über den Fernpaß, welche die Steigung in mehreren gewaltigen Schlangenlinien bewältigt, ist eine Musteranlage, wir ziehen es aber doch vor, die verfallene alte Straße zu gehen. Sie ist kürzer, und man überschaut von ihr die beiden Seen, welche auch auf dieser Seite den Paß zieren, besser.

Es tut einem bei dem Bild, welches vor uns liegt, die Wahl weh, welche Seite des Passes für die schönere zu halten sei. Waren es drüben die vielfarbigen Dolomite mit ihren Schneeflecken, die Spiegelungen dunkler Zacken und heller Wolken im Wasser, welches die Gegenstände nur in den ihm selbst eigenen Farben, Blaugrün, Malachitgrün, wo tief, Gelbgrün, wo seicht, entgegenstrahlte: so sind es hier von drohenden Wolken überlagerte Jöcher, jenseits welcher der Lech fließt, die von kunstfertigen Gestrüppanpflanzungen und eingeschlagenen Pflöcken gegen Lawinen und durch ein festes Bett gegen den Wildbach geschützte neue Straße; der grüne Fernsteinsee mit gelben Inseln, der weiße Schaumbach, der jäh hineinstürzt, die alte Straße, auf welcher wir hoch über der Talsohle gehen, an vielen Stellen zerbröckelt und zur Hälfte hinabgestürzt, so daß der Zeitpunkt als nahe vorausgesehen werden kann, an welchem niemand mehr über sie hinzuschreiten vermag, und schließlich mitten im See über seinen blaugrünen Buchten hoch auf waldiger Kuppe die alte Sigmundsburg, vielleicht die am meisten malerisch gelegene von allen Trümmern des Berglandes, und schließlich die herrliche Veste Fernstein selbst, die einst den Paß sperrte.

Von dieser alten Klause Fernstein, unter deren Torbogen sich einst die Straße hindurchzog, ist nicht mehr alles übrig. Wir sehen, wenn wir von der Paßhöhe auf der halb in die Tiefe gestürzten alten Straße hingehen (von welcher die Landschaft viel besser überschaut wird als von der neuen aus), ein Trümmerwerk, einen Turm, einen Bogen, abgebröckeltes Gemäuer, Terrassen, die einst der Verteidigung dienten und in welchen jetzt Gemüse grünen. An Nassereith vorbei erreichen wir auf dieser Route den alten Markt Imst, den Deutschen durch Scharen von Vogelhändlern bekannt, welche vor Jahren von hier aus alle Länder durchzogen und wohlabgerichtete Drosseln und Kanarienvögel herumtrugen. Die Imster hatten den Ruf, den Vögeln allerlei Melodien beizubringen, deren Namen so vielfältig waren wie die 'Weisen' der weiland Meistersänger. Am meisten sprach man von dem 'Waldschall' der Imster Drosseln. Indessen wird ihnen von den Klügeren nachgeredet, daß späterhin gar häufig die Ware vom Namen gedeckt worden sei und daß die Händler, welche nach Norden reisten, ihren schwindenden Vorrat an gelehrten Schreiern stets wieder durch Aufkäufe an dem Ort ergänzten, an welchem sie sich eben befanden. So würde ihr Geschäft demjenigen zu vergleichen sein, welches die Zillertaler Handschuh- und Teferegger Teppichhändler getrieben, welche die Welt mit Erzeugnissen durchreisten, die an hundert Meilen weit von ihren heimischen Tälern entfernt hervorgebracht worden waren. Indessen ist es dem Imster Vogelhandel ergangen wie vielen anderen ähnlichen, einst auf bestimmte Orte beschränkten Betriebszweigen. Die große Abnahme der Singvögel in Tirol, mag ihren Teil dazu beigetragen haben, auch die höhere Kunst der Gesangslehrer mit diesem oder jenem fast ausgestorben sein. Der vorzügliche Grund aber wird, wie ich mir denke, in der wechselnden Laune der Welt liegen.

Eine andere wirkliche Merkwürdigkeit des jetzigen Imst, deren Wert auf geistigem Gebiete liegt, wird selbstverständlich weder erwähnt noch besucht. Ich meine den alten Luterotti, welcher vor vierzehn Jahren zu Innsbruck einen ansehnlichen Band 'Gedichte in Tiroler Mundart' herausgab, auf deren Titelblatt er in seiner bescheidenen Weise nicht einmal den Namen setzte. Welche Bedeutung diese Erzeugnisse für die Kenntnis der Sprache und der verborgensten Eigentümlichkeiten des Volkes haben, geht daraus vor, daß dies gründliche und gelehrte Wörterbuch der Tiroler Mundart die Sammlung gar häufig als authentische Quelle für dieses oder jenes Wort oder irgendeine Redewendung angibt und sie zitiert, wie ein Lexikograph des alemannischen Dialektes Hebel, einer des plattdeutschen die Werke von Fritz Reuter herbeiziehen müßte. Bei mancher Piece dieser merkwürdigen Dichtungen steht allerdings Luterotti nur zu Gevatter, andere sind von ihm unmittelbar der Überlieferung im Volksmunde nachgeschrieben, wie etwa:

Bald ma koan Raam hat,
Kann ma nit rüarn,
Wenn ma koan Knecht hat,
Bleibt oan koa' Diarn.

und ähnliche Ausflüsse populärer Weisheit; die meisten aber verdanken ihren Ursprung jener Mischung von selbsterworbener Kenntnis des Volksgeistes in den Bergen und dichterischer Begabung, welche bewirkt, daß seine Gedichte einen ganz anderen Eindruck machen wie so manche verifizierte Apercus über volkstümliche Redensarten und mühselig in Rhythmus gebrachte Anekdoten.

Der Tschirgant, welcher sich neben Imst zu einer ansehnlichen Höhe erhebt, ist einer jener zahlreichen Berge des Alpenlandes, von denen niemand sagen kann, wie er eigentlich aussieht. Von hier aus betrachtet, erscheint er als eine Wand, als eine Kuppe, als ein rundlicher Bergrücken; von Standpunkten aus, die weiter im Westen liegen, als eine so vollkommene Pyramide, wie nur je eine im Niltale stand, bevor ihr die Stürme und die Jahrtausende die Spitze abbrachen. Wie die Natur überhaupt in Gleichnissen lehrt, so sind es die Alpen insbesondere, aus deren Betrachtung manches Ergebnis für die Auffassung der Dinge im allgemeinen abgeleitet werden kann.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 351 - 356.