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Die Einsiedelei des heiligen Wolfgang

Ein von Merkwürdigkeiten gesäumter Weg führt uns nach den Einsiedeleien des heiligen Wolfgang.

Der warme Schirokko, Lauberwind genannt, weil seine Gewalt zu anderen Zeiten das Laub von den Bäumen streift, ist unser Begleiter. Wir überschreiten den Dillbach, der über moosbewachsene Blöcke schäumt. Weiden und träumerische Fichten umstehen das glucksende Wasser, das sich seeabwärts durchkämpft.

Wildverwachsene dunkle Fichten,
Leise klagt die Quelle fort:
'Herz, das ist der rechte Ort
Für dein schmerzliches Verzichten!'

Stumm zieht sich ihre lange Reihe am Wasser hin. Sie brüten nachdenklich im grüngrauen leichten Nebelschimmer des Frühlingsmittags. Der See ist ein großer Saphir, durch den Schnee der Berggipfel brechen im Tauwind mit jeder Viertelstunde neue schwarze Linien. Wald und Berge träufeln wollüstig wehmütige Zähren herab. Es kommt der Lenz - aber auch er ist ein Fortschritt zur Erstarrung des nächsten Winters.

Im einsamen Wald steht eine Tafel. Auf ihr ist der Heilige dargestellt, wie er auf einem Felsblock sitzt. Die Inschrift 'Und da auf diesem Stein hat St. Wolfgang gerastet' lehrt uns, daß es der glatte Stein am Fuße der Tafel war. In der Nische liegt ein mit Papier überklebtes Holz, auf welchem sich, mit Tinte geschrieben, ein heilkräftiges Gebet findet.

Auf schneidigem Geröll und beben, durch Prügel abgegrenzten Stufen hinan schreiten wir weiter hinauf zu den fabelhaften Erinnerungsstätten der Selbstabtötung; ein Bergbach unterbricht sie noch einmal mit seinen aufschäumenden Stürzen. Ein Pfad, steil wie die Askese der Weltüberwinder, führt endlich zur ersten Hütte.

Von hier, erzählt die unlautere Mythe, welche ein wenig an germanische Überlieferungen erinnert, warf der Einsiedler, des Lebens in seiner Schlucht überdrüssig, ein Beil in die blaue Ferne:

Gelobt sei Gott! Von diesem Felsenzacken,
So sprach Sankt Wolfgang, werf' ich eine Hacken,
Und wo ich wieder diese werde schauen
Will ich eigenhändig eine Kirche bauen.

Eine schwere Steinsäule steht vor dem Bilde mit dieser Inschrift, welche die Pilger mit großer Mühe zur Buße umzudrehen sich bemühen. Es mag eine harte Arbeit sein, diesen Block zu wälzen. Ein Teil davon liegt abgebrochen auf dem Boden, eine Folge solcher Kraftanstrengungen.

Wieder lichten sich die Nadelhölzer, und es erscheint eines jener Waldtäler, auf der einen Seite von lotrechten Felswänden abgesperrt. In ihm erhebt sich wieder eine Hütte, welche uns in ungefähr acht bis zehn Bildern die wunderbare Geschichte Wolfgangs vor Augen führt. Jedes Tableau ist von erklärenden Versen begleitet, wie:

Sankt Wolfgang flieht Regensburg das Stadtgetümmel Und sucht in strenger Einsamkeit den Himmel.

Unweit davon erweitert sich der Bergweg zu einer zweiten waldigen Mulde. Hier sprudelte unter dem Schlage seines Stabes auf das befehlende Wort des Einsiedlers eine Quelle aus dem Felsen. Draußen rieselt ein Bach oder eine Wasserader aus moosumfeuchteten Röhren. In den dumpfen Mauern aber, die über dem Felsen aufgebaut sind, liegt das Wasser in einem moderigen Becken. Notiztafeln bezeugen, daß es Blinde sehend macht.

Als das merkwürdigste Gebäude auf dieser Etappenstraße von Denkmälern der Büßer erscheint uns aber die große Kapelle, von der nur eine Wand gemauert ist, während die übrigen von den Felsen dargestellt werden. Die späteren Einsiedler, bis auf unser Jahrhundert herab, wohnten in einer Hütte wenige Schritte vor ihm. An ihrer Stelle haben die Nachkommen einen Heustadel errichtet.

In der Felsenkapelle selbst, deren Inneres auf hölzernen Stufen erstiegen wird, bedecken unzählige Namen die Wände. Hier geben sich die Wallfahrer von Böhmen, Bayern und Kärnten Stelldichein. Diese Kapelle ist eines der Hauptziele bäuerischer Sommerreisen.

Wir unterlassen es nicht, nach altem Brauche am Glockenstrange zu ziehen. Lange hallt es fort in der Einöde. Dann betrachten wir uns den engen Felsspalt, durch welchen niemand durchkriechen kann, der mit schweren Sünden beladen ist. Sein Eingang führt zu einer Vertiefung in der Höhle, in welcher der Heilige schlief. Die Pilgrime schleppen vom Tale schwere Steine zur Buße den Berg herauf und schichten sie dort in Haufen übereinander, wie die Hadschis vor Mekka. Der Zugang zum Heiligtum wäre längst von ihnen verrammelt, wenn nicht der Wirt vom Viehberg manchmal seine Knechte heraufschickte, sie abzuholen. Es sind viele Steine dabei, die sich zum Kalkbrennen eignen, und er erspart sich die Mühe, sie selbst einzusammeln.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 94 - 97.