SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Das Österreichische Seenbuch

   
 

Von Ehrwald zum Seeben- und Drachensee

Hoch in den Ehrwalder Gebirgen, dem Wetterstein-Zugspitz-Stock gerade gegenüber, liegen zwei Seen eingebettet, deren Gestade selten vom Fuß eines Sommerreisenden betreten werden. Man nennt den einen den Seeben-, den anderen den Drachensee. Man kann vom Gaistal oder auch von Ehrwald aus zu ihnen emporsteigen.

Aus der Schale der Seen fällt ein Wasserfall, der 'Seebensturz', ein langer Strahl, der tief sich in die Wände eingeschnitten hat und sie rückwärts durchsägen wird bis zum See, aus welchem er rinnt. Dann wird die Flut tief in ihrem Bette sinken.

Gestern war unheimlicher Schimmer in der Luft. Überirdische Lichtfäden zitterten um die Berge, Böses verkündend wie die Glanzrosen auf der jugendlichen Frische des Hektischen. Heute wühlt der Sirocco oben in den Dünsten, vielfarbige Schatten lagern in der schwülen Luft, Regen und Sturm stehen bevor. Dennoch wollen wir den Wanderstab nicht in der Ecke der Wirtsstube stehenlassen.

Bescheiden gehen wir am Rande 'des Mooses' zur Ehrwalder Alp. Das 'Moos', das zwischen Ehrwald und Lermoos liegt, soll vor undenklichen Zeiten ein Wald gewesen sein, was verschiedene Baumstämme beweisen, die beim Ausstechen von Gräben gefunden worden sind. Dann dürften die ringsum liegenden Hochtäler ihre Seen in den Kessel ausgeleert und einen einzigen See gebildet haben, der sich allmählich einen Abfluß durchs jetzige Loisachtal schuf und schließlich ganz verschwand, von seinem einstigen Dasein nur durch die noch bestehende Moorfläche Zeugnis gebend. Die Bewohner der Nachbarorte freilich erzählen eine ganz andere Genesis. Vor Zeiten, sagen sie, da war die Ebene zwischen Lermoos, Bieberwier und Ehrwald gar fruchtbar und schön, und von einem Acker wurde mehr des Getreides geerntet als jetzt vom ganzen Moos. Aber das war den Leuten von dazumal noch immer nicht genug, und fortwährend dachten die Ältesten und Weisesten nach, wie wohl der allgemeine Wohlstand noch zu heben wäre. Endlich hatte auch einer das Richtige herausgebracht und sprach zur schleunigst versammelten Gemeinde also: "Wir senken das Weizenkorn alljährlich in den Schoß der Erde, und siehe, es wächst auf und bringt hundertfältige Frucht, der winzige Apfelkern wird zum mächtigen Baum usw. usw. Darum habe ich in langen Nächten mir es zusammengedacht, daß auch des Eisens teuere Metall aus unserer Erde erwüchse, wenn wir gleich dem Samen die Nadeln unserer Weiber in sie versenkten."

Rauschender Beifall belohnte den Allweisen, und alsbald war groß und klein daran, 'Nadeln zu stupfen', und alles freute sich schon der kommenden Ernte. Aber Mond um Mond verging, und noch zeigte sich nicht das geringste Keimen an der Oberfläche. Wieder saßen die Ältesten und Weisen beisammen, um Rat zu halten, und wieder sprach der Allweise: "Meines Erachtens ist die Trockenheit am Mißwachs schuld." Und alle stimmten bei: "Es ist zu trocken." Nun ging's mit Spritzkannen und Wassergefäßen hinab zu den Äckern, und begossen wurde und wieder begossen, tagaus, tagein, bis keiner mehr im Sumpfe zu stehen vermochte. Eisen aber ist keines gewachsen, und die Nadeln rosten tief im Grunde und warten eines Altertumsforschers, der sie für wer weiß was ausgeben wird. Wer aber ungeschoren die Gegend zwischen dem Goubi-Joch und dem Wetterstein passieren will, der hüte sich, von den 'Nadelstupfern' zu sprechen! Am liebsten schaut man rechts hinauf in die Hochschale, den Riesenbecher mit dem ausgezackten Rand, der auf der Nordseite gegen uns her eingestürzt und abgebrochen ist, weshalb auch hier der Wasserfall abstürzt.

Dieser Wasserfall hat sich, wie erwähnt, einen tiefen Kamin in den Wall eingefressen. An den verwetterten Rändern stehen Fichten und umragen die kleinen vor sie hingesprühten Mulden, wie oben die hohen Steinsäulen um die großen Wasserbecken stehen.

Menschliche Bewegung ist in der Gegend der Ehrwalder Alpe wenig zu sehen. Hier und da mag wohl ein Pechler vorüberkommen, der eine zylinderförmige Masse Harz von roher Baumrinde umwickelt nach den Ehrwalder Pechhütten hinabzieht, oder ein schmutziger Senne, der seinen rußigen Käskessel zum Ausbessern ins Tal trägt. Auf dem breiten Boden der Ehrwalder Alpe steht eine Menge von Ställen für die Rinder und Kühe. Daneben fehlt das Feldkreuz und die kleine Kapelle nicht, auch nicht große Felsblöcke, hier und dort über die Flur hin verstreut. In die Zwischenräume mancher dieser Felsblöcke haben Lärchen ihre Wurzeln eingekeilt, und als Hintergrund des Bildes stehen die Wände da mit ihren Geröllhängen und winzigen Grasflecken, oben von Wolken und Regenschauern in den endlosen Raum hinein aufgelöst. Wie erwähnt, steigt der Weg von hier zur Seeben-Alpe durch ansehnlichen Wald an, der mitunter von Geröllströmen und Gräben jäh unterbrochen wird. Die Alphütte selbst steht wie immer in einem Schmutzsumpf, dessen Untiefen vom Dickicht der gelbblütigen 'Almpletschen' verdeckt werden.

Der Kuhhirt hat sich vor dem Regen zur Feuerstätte in die Hütte zurückgezogen, während der 'Schafler' draußen auf den Geröllhalden seinen Pflegebefohlenen nachgeht, um sie mit Salz zu versorgen und zu spähen, ob sich keiner von ihnen in den Klüften des Kalkes verloren habe.

Von der Seeben-Alpe ist es nicht mehr weit zum gleichnamigen See. Auf dem Wege dahin sieht man auf den Schuttfeldern noch manchen weißen Überrest alter Lawinen, der mit großem schwarzem Tor die Wasserader andeutet, welche durch ihn hindurchfließt. So wird es immer wilder gegen den Hochsee hin. Eine geraume Strecke, bevor der Seespiegel selbst erscheint, glitzert sein Abfluß, ehe er sich zum großen Sturze abbiegt, durch spärliche Fichten.

Der Seebensee ist ein tiefgrünes Becken, rings, gegen den Strand hin, von einem breiten hellgrün-gelben Band umgeben. So zeigen sich die Farben ja bei schier allen diesen Hochseen. Weiter gehören ins Bild die Legföhren des Ufers und einige um ihr Dasein kämpfende Lärchen, der weißliche Weg hart an der Flut, der Ausfluß, der sich trag durch morsche Baumstämme durchkämpft, Schneekare oben im Geschröff, Geröllrisse, sich in den Schnee hineinspiegelnd, und allgegenwärtiges Geklingel weidender Rinder.

Oben durch 'Kamine' herab haben sich im Frühjahr Lawinen in die Eisdecke des Sees hineingewälzt, welche sie sicherlich zerschlagen haben wie ein Steinwurf den Spiegel. Jetzt sind von diesen Lawinen nur mehr die Haufen des Schotters übrig.

Schaut man nach Norden, zur Lücke im Schalenrand, durch die wir hereingestiegen sind, so sieht man die Zugspitze und die Giebel der Wolkenungetüme, die deren Gestalt nachahmen, und vor dieser Wandelbewegung der Berge und Wolken Uferbäume, hart vor dem Hintergrund derselben ausgeschnitten.

Der Seebensee wimmelt von Forellen. Häufig sieht man die Jäger und Wildschützen, die in den Bergen nach Wild jagen, ihre Gewehre an den Scharen von Fischen versuchen, die über den gelbgrünen Boden der seichten Uferstellen hinhuschen.

Vom Seeben- zum Drachensee ist ein steiler Aufstieg. Mächtig sind die Umwallungen, die Felsterrassen, die Staffeln, in denen sich der Kalk erhebt.

Der Drachensee ist in steile Ufer tief eingebettet. An seinem Rande herumzugehen vermöchte nur ein verwegener Kletterer. Sein Wasser ist eisig kalt und schwarz von Ansehen. Während das Wolkenheer über ihn, vom Sturm gejagt, hinflieht, ringelt sich die finstere Fläche. Weitere Gesichtstäuschung: man sieht von der Umwallung dieses Gewässers aus den Seebensee in der Tiefe liegen. Dieser erscheint dann aber nicht mehr tiefgrün, sondern in der Mitte purpurn, vom grünen Bande seichter Ränder umgeben.

Im Regensturm und in der Wolkenflucht gibt es wundersame Farben auf den Höhen. An den grauen Wülsten kleben smaragd- wie malachitgrüne Flecke, winzige Grasinseln in der Verwitterung. Ein Bach summt leise von einem Schneefeld herab, kümmerliche Legföhren zittern; sonst ist alles laut- und regungslos um den See, in dessen von der Älplern gemiedenem verderblichem Wasser kein Fisch sich rührt. Vielleicht haben Abflüsse aus dem bleihaltigen Gebirge die Flut verderbt.

Links oben sieht man eine steile Geröllhalde, die sich in einen engen Spalt verliert. Durch diese hohe Kluft kann man ins Inntal hinüberklettern, das man, nicht ohne einige Mühsal, über jähe Schuttfelder hinab, in der Nähe des waldigen Obsteig erreicht.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 346 - 350.