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Dörcher Leben in Tirol

Der Karren, welcher da im Gebüsch an der Felswand steht, die das Kastell trägt, bezeichnet eine Spezialität Tirols.

Man betrachte sich den Mann mit dem hageren, grauen Gesichte, das verwitterte Weib in den kotigen Männerstiefeln, den bösen Hund, den Vogelkäfig am Karren, in welchem ein Kreuzschnabel sitzt, die Öffnung im zwilchenen Dach, aus welcher einige Kinderköpfe hervorschauen, die Besen, welche die Fracht und das Unterpolster bilden! Wo kommt das alles her? Was treiben diese Leute?

Im oberen Vintschgau, auf der Maiser Haide, im oberen Inntal ist die Armut groß. Ehrlich und wacker kämpft der größte Teil der dortigen Bevölkerung gegen die Ungunst des Bodens, aber all ihre Rechtschaffenheit und ihr Fleiß vermögen nichts. Versiegen endlich alle Quellen, so versuchen es die Ärmsten mit einem Hausierhandel, wobei sie Wetzsteine, Töpferwaren, Obst oder auch Besen wie hier zum Verkauf bringen. Die meisten von ihnen, das darf man wohl ohne Übertreibung sagen, suchen auch unter solchem Elend sich ordentlich durchzuschlagen. Wir wenden uns zu denjenigen unter den Dörchern, so heißen die herumziehenden Karrner im Volksmunde, welche mehr oder minder zu den Landstreichern gehören.

Vor Jahren geschah es, wie in älteren Büchern zu lesen steht, öfter, daß heiratslustige Paare dieser Sippe, welchen ihre Gemeinden die Bewilligung zur Ehe versagten, sich in der Gestalt von Wallfahrern nach Rom durchbettelten, wo sie für einige Silberzwanziger den Segen der Kirche erhielten. Bei ihrer Rückkehr wurden sie dann wegen solch unregelmäßigen Vorgehens mit einigen Wochen Gefängnis bestraft. Indessen war Tirol immer ein viel zu kirchlich gesinntes Land, als daß es hätte versucht werden können, die Gültigkeit des Sakramentes anzufechten. Die in solcher Weise hintergangenen Gemeinden rafften dann einige Gulden zusammen und kauften den Ehegatten ein Wägelchen und Geschirre von Ton, mit welchen sie Handel treiben sollten. Die Gegenleistung für diese Gunst bestand darin, daß sie sich feierlich und durch Handgelübde verbindlich machen mußten, sich nie mehr in ihrer Heimat sehen zu lassen. Das Einsperren hat nun aufgehört, auch die in Rom geschlossenen Heiraten vermindern sich von Tag zu Tag, aber der Wunsch der Gemeinden, sich jene Familien, welche an Ort und Stelle keinen Erwerb finden können, vom Halse zu schaffen, ist derselbe geblieben.

Wenn man sich im Dorfe Starkenbach oder noch mehr in Schönwies, welche beide Ansiedelungen etwa eine Stunde unter Landeck am Inn liegen, umschaut, so bemerkt man mehrere schmutzige Hütten mit erblindeten oder zerbrochenen Fensterscheiben, verwitterter Tür und zerfallenem Dach, vor welcher solche Karren stehen wie derjenige, den dieser Mann neben seinem Pferde hierhergezogen hat. Von dort geht eine große Anzahl der Dörcher aus, welche auf den Landstraßen Tirols zu sehen sind. Auch das Dorf Schmelz, nahe an der Wormser-Jochstraße gelegen, ist eine Brutstätte dieser Menschen, mit der ihr Wägelchen überspannt ist, keine Lagerstätte als den Erdboden oder die Lumpen, mit welchen sie den Wagen auspolstern und auf welchen sie, in Knäueln zusammengeballt, schlafen, keine anderen Freunde als die Hunde, mit welchen sie Handel treiben.

Werfen wir uns dagegen die Frage auf, welche Landstriche vorzüglich von ihnen besucht werden, so finden wir, daß die wohlhabendsten Täler von Tirol, Etschland und Pustertal, am meisten von ihnen zu erzählen wissen. Gegenden, in welchen es wenig 'gute' Bauern gibt, werden von ihnen gemieden. Ein ziemlich sicheres Mittel, sie fernzuhalten, ist auch die Erfindung, welche in neuester Zeit einige Gemeinden, besonders im Ötztal, gemacht haben. Dieselben besolden irgendeinen wackeren verabschiedeten Kaiserjäger, rüsten ihn mit Stutzen und Haubajonett aus und übertragen ihm die Pflicht, Bettler und Dörcher von Ansiedelungen fernzuhalten. Andere Hochtäler werden acht Monate des Jahres durch den Schnee verteidigt. Gar manche Ortschaft in wohlhabenderen Tälern ist ihnen jahraus, jahrein preisgegeben und muß ihre Anforderungen, deren Summe einer bedeutenden indirekten Steuer gleichkommt, rettungslos über sich ergehen lassen.

Wenn man nun einen Dörcher fragt, warum er gerade auf j diese so unbequeme und ermüdende Weise sein Leben zu fristen versuche, so erwidert er, daß er an der 'Rauharbeit' keinen Gefallen finde, sondern daß ihm das Herumziehen die größte 'Freud' mache.

Aso hob mar d'Leut krod für Norrn,
Und löb'n frei lustig, frisch au,
Dar Spitzala laaft nöbmann Korrn,
Dar Krumbschnobl hongt hint'n drau.
Dar Korrn dear ist ünsar Hütt'n,
Unsar Vieh ist dar Vogel und Hund,
Mar bleib'n bon find'n und bitt'n
Jo olli wiad Höcht'n so gsund.

Von solchen Freuden will nun der freilich wenig einsehen, der einem solchen Karren begegnet, an welchem der Mann und das Weib angespannt sich in der Sonnenhitze keuchend dahinschleppen. Auch das Abrichten der Kinder, daß sie lernen, wie man einen Hund mit der Schlinge, Hühner mit der Angel, Fische mit der Hand fängt, und an welchen Kennzeichen man denjenigen, welcher etwas herschenkt, von dem mürrischen Geizhals unterscheidet, ist keine geringe Mühsal.

Die gemeinschaftliche Geburtsstätte der Kinder stellt der Karren dar. Der Gemeinden aber, deren Angehörige sie sich zu sein rühmen, sind eben so viele, als wir da Köpfe vor uns sehen. Unter anderen Bräuchen, welche die Dörcher mit den Zigeunern gemein haben, bezieht sich einer auf die Behandlung der Kinder und fällt Vorübergehenden besonders auf. Mütter säugen ihre Kinder gar oft bis in deren sechstes und achtes Jahr, und es gehört keineswegs zu den Seltenheiten, einen Buben die Tabakspfeife seines Vaters weglegen zu sehen, um an der Brust der Mutter zu trinken.

Der Geschirrhandel ist dem Dörcher das, was so vielen slawischen Spielleuten ihr Musikinstrument - ein Vorwand zu ungescheutem Bettel. Es ist fast unmöglich, auf dem Wege dieses Handels einige Kreuzer zu verdienen. Die Knauserei und Feilschsucht der Bauern sowie die Zerbrechlichkeit der Ware verschlingen den kärglichen Gewinn, der vielleicht einmal bei einer ausnahmsweise günstigen Gelegenheit erwachsen ist.

Wenn es der Patriarch des Stammes zu einem Pferd oder Esel gebracht hat, so ist es erlaubt, an einen Glücksfall besonderer Art zu denken. Vielleicht hat diese Familie beim 'Kaudern' (Hausieren) mit Schleifsteinen usw. einige Wochen lang gute Kunden gehabt. Vielleicht gelang es ihr, irgendwo einen Hund von auffallender Schönheit zu stehlen und dafür einen Liebhaber zu finden. Das Kostüm der Dörcher ist in der Regel ein mannigfaltiges- Die Buben haben oft eine abgegriffene Soldatenmütze als Kopfbedeckung und manchmal Hosen, welche aus dem Fell eines Hundes verfertigt sind. Solche ziehen ihren Trägern stets eine gewisse Aufmerksamkeit von seiten aller Hunde zu. Bezüglich der weiblichen Gewänder kann nur gesagt werden, daß sie aus verschiedenen Tälern zwischen Drau und Rhein zusammengebettelt worden sind, und wenn sie neu wären, gewissermaßen eine Musterkarte von Trachten darstellen würden. Ich erinnere mich an einen Fall, in welchem das Glück in Form einer verlorenen Geldsumme auf der Straße lag. Die mitgenommene Tasche mit Banknoten hätte den Dörchern ohne Zweifel viele Annehmlichkeiten bereitet, wenn sie in ihrem Jubel nicht so voreilig gewesen wären, einen prächtigen Rappen zu kaufen und ihn vor ihren Karren zu spannen. Das Auge des Gesetzes erstaunte über solche Eitelkeit, und die verantwortlichen Mitglieder ernteten keine andere Wohltat von dem verhängnisvollen Augenzwinkern der Fortuna, als daß sie mehrere Jahre hindurch aller Fürsorge für den Karren enthoben wurden.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 260 - 264.