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Der Burggraben

Die Felsgebirge, welche, sich gegen Norden allmählich abflachend, das östliche Ufer des Attersees einnehmen, sind, wie man bei näherem Hinschauen bemerkt, durch enge Täler, 'Gräben', zerklüftet und stellen so verschiedene, getrennte Berge dar. Diese Täler sind meist durch Wasserdurchbrüche gebildet, von denen jetzt noch kleine Achen, im Herbst Wasserfäden, in ungeheuren Felsblockbetten als Überbleibsel zu sehen sind.

Einer der sehenswürdigsten dieser Gräben ist der Burggraben, der sich von unserem Ende des Sees südöstlich um die Ausläufer des Schafbergs in bewaldete Felsen hineinzieht. Die Klüfte, welche auf große Seespiegel ausmünden, sind meist nicht ohne Anziehungskraft für den Freund dieser großen Gestaltungen des Kalks.

Während unsere Füße den Kies treten, den die Flutungen von Jahrtausenden weiß und fein gerieben haben, erblicken die Augen den hohen Graten, dessen stämmige Tannen jetzt durch dünne Wolken ihrem Schauen begegnen. Unter solchen Eindrücken also wird die Mündung des Burggrabens erreicht. Jähe Felsen bilden seine unteren Wände, zwischen denen der Bach rauscht, - deshalb muß sich, über diese hinweg, der schmale Steig nach der Höhe ziehen. Es ist ein Triftwasser; darum entdeckt der Blick in der Tiefe einen mächtigen Rechen, an dem die Scheiter aufgefangen werden.

An dieser Mündung der Schlucht sehen wir gewaltige Wände links und rechts, zwischen denen in verfinstertem Schlund die Ache heraus rauscht - Wolken und Fichten oben an den abgerissenen Rändern. Es ist eine Klamm, an deren einer Wand wir nun fortklettern sollen. Was da möglich ist, zeigen gleich am Eingang verschiedene Marterln.

Jetzt heißt es an der Wand oben hinkriechen und vor sich den Pfad betrachten, der sich immer höher und höher über den Abgrund hinanwindet. Das ist nicht jedermanns Sache, und ich stehe nicht an zu behaupten, daß ich ohne die Begleitung eines sicheren Führers auf halbem Wege wieder umgekehrt wäre. Bei einer Brücke, die in geringer Höhe die beiden Bergseiten verbindet, endigt dieser Teil des Pfades, und beginnt ein bequemeres Steigen durch Busch und Wald. Jetzt kann man mit Behaglichkeit in die lasurnen Tümpel schauen, welche hier und da die Ache bildet, in das Wirrsal der Steinblöcke und Fichten und die mächtigen Wände hinan. Bald reicht eine abschüssige Holzrutschbahn, eine 'Riß', vom bewaldeten Kofel gegen die Ache her. Die Scheiter, in welchen noch der Schwung des Herabrutschens treibt, fliegen polternd in die Wellen hinab. So windet sich der Weg im Schatten jungen Waldes nach einer Hochebene. An deren Rand angelangt, sehen wir in der Tiefe die Seebucht.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 47 - 48.