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Die Bajuwaren

Mit diesen 'Bajuwaren' aber hat es folgende Bewandtnis. Gegen Ende des fünften Jahrhunderts kamen Horden eines unbekannten Volkes aus nördlichen Gegenden südwärts gegen die Donau gezogen. Es nannte sich 'Bagiari', daß heißt: die Kämpfer. Seine Sprache gehörte in die weit ausgebreitete Familie der deutschen Sprachen. Wo ihre früheren Wohnsitze gewesen, wie lange sie, gleich anderen teutonischen Völkern, fechtend und verwüstend durch die Welt gezogen - das vermöchte nur der zu sagen, welchem durch ein Wunder der Einblick in die trübseligen, verworrenen Tage der unendlichen Völkerwanderung verliehen wäre. Doch deuten verschiedene Anzeichen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darauf hin, daß es der Kessel des Böhmerlandes war, in welchem die Bagiari vorher längere Zeit sich aufgehalten haben mußten. Der eine Teil blieb jenseits des großen Stromes und setzte sich in den Gegenden fest, welche heute die bayrische Oberpfalz, teilweise auch Niederbayern genannt werden, der andere Teil des wandernden Volkes zog weiter gegen Süden in das alte Rätien hinein, uns selbst die Kette der damals noch so unzugänglichen Alpen war ihm keine unübersteigbare Mauer. Bald reichte sein Schwert bis zu den Hochgebirgen an der unteren Etsch, westlich aber trennte es erst der Lech von den Alemannen.

Diesseits und jenseits des Juvarus (Salzach) stießen die Eindringlinge überall auf Arbeitsüberreste eines Volkes, welches schon seit langer, langer Zeit fortgezogen und nach dem fernen Westen, nach Gallien und an das Weltmeer gewandert war. Wurden sie, die Kelten, durch das Schwert anderer deutscher Horden ins Elend gejagt, oder hatten sie, von dem Wandertrieb, der damals wie ein Geist der Gährung über der Erde lag, angesteckt, freiwillig einen milderen Himmel aufgesucht - das bleibt den Nachforschungen der Geschichtsfreunde verborgen. Sicher ist aber, daß die Bagiari ein fast verlassenes, vielleicht verödetes Land vorfanden, daß sie von der untergegangenen Gesittung wenig in sich aufnehmen konnten und daß sie vielleicht von geringen Überbleibseln des verschwundenen Keltenvolkes die Namen der hauptsächlichsten Gewässer erfuhren, welche wir noch heute am Jun, der Traun, Emms, und vielleicht auch an unserem 'Matah-Seo' haften sehen.

Die Bagiari waren das, was wir heute in der Schule finstere Heiden nennen. Aus der nächsten besten deutschen Mythologie kann sich jeder einen annähernden Begriff von ihrem Glauben und ihren religiösen Übungen machen, denn der Fanatismus der Kleriker war mit Emsigkeit bemüht, die geringsten Spuren der alten teuflischen Heidenzeit zu vertilgen, so daß man Grimms Versuch, aus winzigen Überresten und durch Vergleichung mit der besser erhaltenen Götterlehre der deutschen Nordvölker eine Darstellung der deutschen Mythen zu formen, für ein Wunderwerk halten muß. Aber solches würde uns zu weit abführen und am Ende doch mit spärlichen Ergebnissen lohnen.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 149 - 150.