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Aufstieg auf den Schafberg

Der Schafberg mit seinem kühn geschwungenen Hörn, die auffallendste aller Höhen am Seegestade, ist so recht einer jener Gipfel, bei deren Anblick man sich denken muß: 'Da droben möchte ich stehen und ins weite Land hinausschauen!'

Der kalte, frostige Morgen eines dieser schon so kurzen Tage bietet freilich keinen gar zu sehr aufmunternden Anfang eines Marsches, der uns bis in die kühle Höhle von sechstausend Fuß bringen soll. Wir wandern das östliche Ufer entlang dem Berge zu, der noch in undeutlicher Dämmerung über die Flut emporsteigt. Bald erscheint in den Wellen der Glanz des aufgehenden Gestirnes - die niedrigen Strahlen blenden. Der Reif an den Uferweiden fängt an, sich in Tropfen zu lösen, Fische schnalzen im seichten Wasser auf, von der Drachenwand drüben tragen die übereinanderströmenden Luftschichten immer deutlicher das Rauschen ihrer Ache zu uns her.

In der Luft dieser späten Tage liegt eine empfindliche Unterscheidung zwischen Sonnenschein und Schatten. Unter den beschatteten Buchen weht Winter von den bereiften Blättern und aus dem weißen Unterholz, die Raben flattern krächzend über noch nicht entlaubte Wipfel; in den Baumschlag des Südabhanges dagegen fällt schon die Sonne warm und duftig, daß die Kronen ein buntes Wirrsal von goldgelben, roten und grünen Spiegelungen darstellen.

Da kommt etwas Seltsames in den Schatten herab: eine hagere braune Gestalt - ist es ein Mann, ist es ein Weib? Sie trägt einen kunstgerecht verschlungenen weißen Turban, eine hellgrüne Jacke, einen kurzen Weiberrock, der nur wenig über die Knie hinabreicht; die Füße sind dürr und stecken ohne Bekleidung in den Pantoffeln, die klappernd nachgeschleift werden. Sie singt mit schriller Stimme ein Lied, in welchem ich das Wort Jesus unterscheide. Für den Kenner des Landes ist es augenscheinlich, daß hier eine Verkörperung des einheimischen Kretinentums in starker Ausprägung an ihm vorüberwandelt. Sie ist aus der Ischler Gegend und pilgert alle 14 Tage unter frommen Gesängen nach der Mariahilf-Kapelle.

Vor uns in der Tiefe glitzert es - vor dem Kar der Hel hebt sich ein See aus dem Baumdunkel. Es ist ein sonderbares Gewässer, an dem niemand zum ersten Male vorübergehen wird, ohne sich an die Brüstung zu lehnen, die in seinen feuchten Abgrund niederschaut. Die schwarzgrüne Flut steckt in waldigen Felshängen gefangen - Landzungen mit gewaltigen Buchen unterbrechen ihr Rund. Der See ist einer von jenen Wesen, denen ein tieferes Auge die Zweideutigkeit der Natur am raschesten abforscht. Hier ragen die hohen Wipfel, von dem leisen Zittern der Fläche schwankend, verlangend gegen die tiefe Sonne im Wasserabgrund - von dort betrachtet erscheint dir in den Waldschatten eine tief eingesenkte lichtlose Pfütze.

An dem schmalen Rand, welchen der umgebende Wald gegen die Wellen hin frei läßt, grasen Pferde, aus diesem und jenem Dickicht hallen jubelnde Stimmen. Wo der Rasen breiter wird, steht hier und da eine Hütte im Schatten fruchttragender Bäume. Dort hängt ein Christus am Ufer, dessen Anblick mit Grausen erfüllt. Der weiße Leib ist mit Blut überlaufen, die Rippen stehen wie ein viereckiger Korb hervor. Herbstblumen, frisch gepflückt, hängen um sein Haupt, das sich kläglich gegen den glasigen Abgrund der Wasser neigt. Ihm gegenüber aber schaut ein Luftschloß in den See: eine weitausgedehnte Blumenterrasse trennt seine frisch getünchten Mauern vom dunklen Wald und vom dunkleren See. Dahinter hebt sich der Steig zum Berge, von wohlgepflegtem Wald beschattet. Die Lücken im Dunkel der Bäume gestatten dem Auge wieder ein vergnügtes Abmessen der zuwachsenden Höhe. Schon erblickt es, vom Mondsee durch eine Landenge getrennt, die glatte Fläche des Wolfgangsees. Dieser ist ein wunderbar anziehendes Gewässer. Wie dort am Rande des Himmels die grünen Matten der Berge blau erscheinen, so ist auch dieses Wasser zwischen seinen hohen Bergen von der Farbe der Luftwölbung überflogen. Nur hier und da, nahe an seinen gewaltigen Uferwänden, zeigt sich eine grasgrüne Spiegelung. Von den leicht zugänglichen und mit einem Gasthaus versehenen Berggipfeln kann man in den deutschen Alpen wohl nur die Hohe Salve bei Wörgl in Tirol in bezug auf die Schönheit ihrer Rundschau mit dieser Spitze vergleichen. Dennoch ist der Vergleich unzulässig: Das Charakteristische und Prächtige der Fernsicht von jenem Tiroler Berg bleibt die unabsehbare Eiskette der nah gerückten Tauern und der ihn gerade im Kreise umgebenden Felsenrücken. Hier aber sind die großen blauen Seespiegel gar schön, wie deren vom Chiemgau bis zum Traunstein wohl ein Dutzend überschaut werden, und manchen fesselt auch das Gewimmel der Linien und Umrisse im verschwimmenden Hügel- und Flachland. Die Gletscherwelt fällt nicht so sehr ins Auge: ihre glänzendsten Vertreter sind der Dachstein in der Steiermark und die Übergossene Alp im Pinzgau. Diese gleicht einer großen, blendenden, vom Südwind am Horizont heraufgehobenen Wolke.

Das Gasthaus auf dem Tiroler Berg besteht aus einer grauen Hütte, der es sowohl an soliden Nahrungsvorräten wie an Bequemlichkeit fehlt - hier aber erhebt sich ein großes gemauertes Gebäude, welches ebensogut an einer Heerstraße stehen könnte. Man betrachte zum Beispiel im großen Salon, den dort aufgehängten Speise-und Getränke-Tarif und die stattliche Anzahl gut gearbeiteter Matratzen, die, eben aus den Wohnzimmern herabgeholt, hier zum winterlichen Verschluß aufgestapelt werden. In dieser nicht unwichtigen Beziehung gleichen sich die beiden nur, wie etwa ein Wirtshaus einer Sennhütte gleicht.

Die Ermüdeten, welche hier oben zum Fenster hinausschauen, werden aufhören, sich auf ihre Anstrengungen allzuviel zugute zu tun, wenn sie zwei der Männer betrachten, welche eben vor dem Hause stehen. Beide sind dazu bestimmt, den Winter über dieses Haus zu hüten gegen Beschädigungen, die aus Mutwillen oder Neid hervorgehen. Da führen sie ein hartes und trübseliges Leben. Erkranken dürfen sie nicht, denn es kann die Unmöglichkeit eintreten, über die Schneewehen und Glatteishänge hinweg Hilfe zu suchen oder zu bringen. So können sie, wenn der Nebel den Berg umlagert, wie verschollen hier hausen und hören keines Menschen Stimme, bis das Brausen der Bergstürme sie erlöst. Es hat sich vor noch nicht langer Zeit der Fall ereignet, daß die Hüter während einer grimmigen Zeit heroben beinahe verkommen wären. Endlich bemerkten die Leute im >Batzenhäusl<, das unten am Krottensee liegt, ihre verzweifelten Bewegungen. In neuester Zeit hat übrigens der wackere Besitzer des Hospizes die verständige Einrichtung eines optischen Telegraphen getroffen. Eiserne Arme und Hebel, die auf einer Steinsäule nahe beim Hause angebracht sind, können zweiunddreißig Signale geben.

Mit ihnen befiehlt der Herr im Sommer den Seinigen, welche Lebensmittel oder Getränke sie ihm aus dem Tale hinaufbringen sollen. Im Winter bezeichnet jede Veränderung an der Stellung der eisernen Arme einen Hilfeschrei der Hüter.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë , München 1867, S. 30 - 34.