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Achensee

Der Ein- oder vielmehr Aufgang zum Achensee ist durch eng zusammentretende Berge versteckt, welche bei Jenbach den Nordwall des Inntales darstellen. Niemand denkt daran, daß jenseits dieser Schlucht ein weites Alpental mit einem der schönsten Seen der deutschen Berglande sich auftut. Nur die Bäche, welche zwischen Steinblöcken und über triefende Holzrinnen durch das weit zerstreute Dorf rauschen, lassen eine Fülle der Wasser hinter den Bergen ahnen. Diese Traufen und Sturzbäche, welche mancherlei Räder treiben und besonders bei den großen Eisenwerken ihre frische Kraft üben, geben dem Ort ein eigentümliches Leben. Es klopft, es pocht, es hämmert unter dem Fall der ungetrübten Wellen. Noch ein anderes Leben führen diese aus dem See mit in das friedliche Tirolerdorf; denn ihrem Fall entlang zieht sich die Menge der Reisenden hin, welche über den tiefen See in den Bergen vom bayerischen Hochland nach Tirol wallfahrten oder umgekehrt. Der See oben schickt mit seinen Fluten auch die Fremdlinge herab.

Tirol hat auch noch andere schöne breite Flußtäler, vor allem das Pustertal und das reiche Etschland von Meran bis zu der Klause von Verona. Sie bieten gar freundliche Perspektiven, den raschen Strom in der Mitte; überall schauen weiße Kirchtürme aus dem Grün, und ihr Feiergeläute klingt harmonisch zu dem Schellen der Herden. Der elegische, etwas einförmige Ton, welcher in das Bild dieser langgestreckten Täler gemischt ist, macht die wahre Tiroler Landschaft. Man spürt etwas von der Schwermut, welche eine abwechslungslose Erhabenheit leicht hervorbringt. Doch genug hiervon! Wenden wir uns dem nördlichen Gebirgsstock zu, der, an Gestaltungen unendlich mannigfaltiger, das Gewaltige gern neben das Liebliche und den starren Tod gern neben lebensvolle Farben stellt. Das Wasser vor allem hat sich hier als Bildner der Landschaft bewährt.

Immer lauter wird das Rauschen, je weiter wir auf der Straße, die sich steil in die Schlucht hinauf hebt, uns von der Sohle des Inntales entfernen. Wer sie im Winter begeht, muß auch jeden Augenblick den Holz- und Kohlenschlitten ausweichen, welche ohne Zugtier mit rasender Geschwindigkeit herabschießen. Auch der Postillon, der brave Toni, der die Post von Achenkirch nach Jenbach fährt, läßt dann auf der Berghöhe Pferd und Fuhrwerk stehen, nimmt seine Briefschaften zu sich, besteigt einen kleinen Handschlitten und saust mit diesem die schiefe Ebene hinab.

Links entwickeln sich, je höher wir hinaufkommen, immer mehr sichtbar die Wüsteneien auf dem Hochscheitel des Stanzerjochs. Zu unserer Rechten senken sich die Abhänge der Kirchenspitz gegen unsere Straße herab. Hart an ihrem Fuße, von unserem Wege aus unsichtbar, ruhen in der Kirche des Dörfchens Eben die Gebeine der frömmsten aller Dienstmägde, der heiligen Notburga. Vielleicht mehr als diese würde uns dort der Fernblick nach Süden anziehen; da könnten wir die eisigen Mauern sehen, welche Sommer und Winter durch unverwüstlich das grünende Zillertal umstarren. Von hier aus ließe sich schon eine Studie über die ungeheuren Eisrinden machen, welche man in den porösen kluftreichen Kalkalpen nicht kennt. Drüben auf dem kristallinischen Gestein dauern sie aus und senken sich oft genug als schreckliche Verderber bis ins Tal herab.

Neben an der Straße führen allerlei Holzwege auf die Joche, gleich in den dichtesten Schatten der Wälder, die, vom feuchten Dunst des hinabstürzenden Baches angesprüht, üppig grünen. Es sind meist riesige Tannen, die da am Wege stehen. Bald kommt eine Mühle, mit alten Bilderbogen beklebt und auf allen Seiten von perlenden Wassern umschäumt. Es ist der Weißenbach, der hier vom Joch dem Kasbach entgegengeeilt ist. Was letzteren betrifft, so kann man sagen, daß er plötzlich aus dem Boden kommt, wie die Wasserfälle am Walchensee. Er ist eben auch, wie jene, durch den höhlenreichen Kalkboden aus dem Seebecken durchgesickert.

Endlich, wo die ersten ärmlichen Häuser des Weilers Maurach stehen, haben wir die Höhe erreicht. Vor uns blinkt die südöstliche Bucht des Achensees. Wir sind von Jenbach fünfzehnhundert Fuß heraufgestiegen. Es ist dies gerade der schönste und durch seine Alpenufer am meisten malerische Teil des Sees. Links drüben schimmern die weißen Häuser der Pertisau, vor allen das stattliche 'Fürstenhaus'; über ihnen steigen zerrissene Kegel und Grate zu der luftigen Höhe von weit über achttausend Fuß hinauf.

Quelle: Das Österreichische Seenbuch, Heinrich Noë, München 1867, S. 285 - 287.