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III.  Wilder Mann, wilde Jäger, wilde Weiber


Einmal stand in Folgareit ein Mann (er hiess Struff) vor seiner Hausthüre, welche gegen einen Wald gekehrt war. Es war gerade am Einnachten, da hörte er den Lärm des wilden Mannes, welcher im Walde jagte und er rief aus Scherz:

"Wilder Mann, Glück und Hual,
Pring mir auch mein Thual!"

Dann ging er schlafen. Aber am folgenden Morgen fand er einen halben ganz geschundenen menschlichen Leib an der Hausthüre befestigt. Darüber ganz erschrocken wartete er, bis es wieder Nacht wurde; dann rief er:

"Wilder Mann, Hual,
Nimm dein Thual!"

Der wilde Mann antwortete mit Schmähungen, aber der Struff war im Hause und hatte es wol versperrt. Am nächsten Morgen war das Fleisch von der Hausthüre verschwunden. (Folgareit) ( Vgl. Zingerle Sagen Nr. 124, Schwarz S. 110.)

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Ein Mädchen war in einer Nacht gerade am Einschlafen, als sie unter ihrem Fenster vorbeiziehende Jäger und Hundegebelle hörte Es war eben eilf Uhr Nachts. Leichtsinnig, wie sie war, sprang sie vom Bette auf an's Fenster und rief die Vorübergehenden um einen Jagdtheil an. Ohne ein Wort zu sprechen reichte ihr Einer einen Hasen hinauf; sie nahm ihn, dankte und wünschte den Jägern gute Nacht, aber diese erwiederten nichts und zogen ihres Weges weiter. Das Mädchen legte den Hasen auf den Tisch und ging wieder in's Bette.  Doch am Morgen fand sie auf dem Tische statt des Hasen einen menschlichen Schenkel ("la gamba d'un cristiano" — eines "Christenmenschen", wie man auch im Deutschen sagen würde.) Ganz erschrocken eilte sie zum Geistlichen, erzählte ihm den Vorfall und bat ihn um Rath. Dieser rieth ihr, sich um eine schwarze Katze umzusehen, dieselbe zu sich zu nehmen und, wenn in der Nacht die Jäger wieder vorbeizögen, zu rufen: "Holt eure Jagd wieder!" Dann solle sie schnell in's Bette gehen, die Katze aber fest an sich drücken. Sie that so; die wilden Jäger drangen mit furchtbarem Lärm in's Zimmer und drohten ihr schrecklich, allein sie hielt die Katze fest und so mussten die Jäger endlich mit dem Schenkel wieder abziehen, ohne dass dem Mädchen ein Leid wiederfahren wäre. (Vallarsa).

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In einem Walde in Vallarsa hatten die Holzschläger sich eine Hütte (baito) gebaut. Wenn sie fort auf der Arbeit waren, kam immer der wilde Mann und stahl ihnen die Polenta. Einmal aber fingen sie ihn und um sich zu befreien, lehrte er sie, wie man den Käse bereite. Einer war unachtsam und der wilde Mann entkam zu frühe; sonst hätte er sie noch manche schöne Dinge gelehrt, besonders wie man aus Milch Wachs macht. (Vallarsa).

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Ein Fuhrmann hatte ein Weib genommen von unbekannter Herkunft, die ihm aber viel Geräthe zugebracht hatte, so dass sein Haus in recht gutem Stande war. Eines Abends fuhr er mit seinem Wagen durch einen Wald, als er plötzlich eine Stimme hinter sich rufen hörte: "Sag der Mao, dass Mamao gestorben sei!" Ganz verblüfft schaute er herum, sah aber nichts. Er kam nach Hause und erzählte es beim Essen seinem Weibe. Da nahm diese ein Stück Speise, drehte es rund und warf es mit voller Kraft an die Decke, indem sie rief: "So lang dies dort hängt, wird für das Haus alles gut gehen!" Hierauf verschwand sie vor den Augen des Mannes, welcher von ihr nie mehr das Mindeste sah oder hörte. (Vallarsa).

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Ein Mann hatte eine Frau unbekannter Herkunft. So oft sie Brot buck, musste er das Wasser mit der rechten Hand zugiessen — so hatte sie ihm strenge geboten. Einmal dachte er: "Ich will's doch mit der linken Hand auch einmal versuchen und sehen, was daraus wird.  "Er that es, da floh sie aus dem Hause. Nur alle Samstage kam sie noch, um die zwei Mädchen, welche sie hatte, zu kämmen. Einmal stellte sich der Mann hinter die Thüre und fasste sie beim Arme, als sie eintrat. Da sagte sie: "Wenn du im Stande bist, mich nur eine kurze Weile zu halten, so muss ich bleiben; sonst aber komm' ich nun und nimmermehr." Er strengte alle seine Kraft an sie festzuhalten, aber sie war viel stärker als er, riss sich los und ward nimmermehr gesehen. Von jenen zwei Mädchen aber stammt die Familie R.... ab. (Vallarsa).

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In  der Nahe eines Bauernhofes hörte man oft Hundegebelle, ohne dass man etwas zu entdecken vermochte. Eines Abends pflügte der Bauer noch auf dem Felde, da hörte er wieder von weitem das Hundegebelle und eine Stimme rief:  "Ochsenmann, lieber Ochsenmann (boaro, bel boaro), ich bitte dich, mach' einen Kreis mit deinem Stachelstocke (con tuoi  stombi)!" Er sah aber nichts und dachte: "Ei, warum soll ich auf solch leeres Geschrei achten?" Da rief die Stimme wieder: "Ochsenmann, lieber Ochsenmann, ich bitte dich, mach' einen Kreis mit deinem Stachelstocke!" "Das kann ich ja thun!" dachte er und zog mit seinem Stachelstocke einen grossen Kreis um den Pflug und die Ochsen her, und plötzlich sprang ein schönes Weib in den Kreis herein. "Ich danke dir", sagte sie, "du hast mich  gerettet; sag, was kann ich dir dafür geben?" Da sah er sie an und sagte: "Du gefällst mir, ich brauche eine gute Hausfrau, willst du die meinige sein?" Sie bejahte, fügte aber bei: "Ich stelle dir nur die Bedingung, dass du, so oft du mir, wenn es sich trifft, den Schweiss abtrocknest, dies immer mit der rechten Hand thuest, nie mit der linken." Er versprach es und heiratete sie. Sie bekamen mehrere Kinder und sie war eine wackere Hausfrau, welche alles in bester Ordnung hielt und mit welcher der Segen in das Haus gekommen war.   Einmal buck sie Brot und hatte die Hände im Teige, während ihre Stirne der Hitze wegen voll Schweiss war; da sagte sie zum Manne, welcher neben ihr stand: "Trockne mir die Stirne ab, aber mit der rechten Hand, ich bitte dich!" Er that es. Ein anderes Mal buck sie wieder und hatte den Schweiss auf der Stirne, da bat sie den Mann wieder: "Trockne mir den Schweiss ab, aber mit der rechten Hand, ich bitte dich!" Da dachte er: "Ich will doch selten, was es denn sein wird, wenn ich's einmal mit der Linken thue!" Gedacht, gethan, da entfloh sie, er konnte sie nicht halten und bereute seinen Leichtsinn. Als er am Abend des folgenden Tages vom Felde nach Hause kam, fand er alles in bester Ordnung und die Kinder waren sauber gewaschen und gekämmt. "Wer ist denn da gewesen?" fragte er. "Die Mutter!" antworteten die Kinder. Und so ging es auch an den folgenden Tagen. Da versteckte er sich einmal hinter die Thüre der Küche und dachte: "Ich will sie doch sehen!" Sie kam, wusch und kämmte die Kinder und ordnete alles; als sie aber wieder fort wollte, vertrat er ihr den Weg. Da rief sie: "Nun hast du mich genug gesehen und siehst mich nimmermehr!" Sie entsprang und er sah und hörte von ihr nie das Geringste wieder.  (Ronchithal bei Ala.)                     

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Ein junges unbekanntes Weib kam zu einem Bauer auf den Dienst. "Was willst du für einen Lohn?" fragte er. "Ich will einmal dienen, vom Lohne können wir schon später reden", sagte sie. Es war eine sehr verständige Magd. Oft wollte der Bauer mit seinen Leuten pflügen oder säen oder mähen oder die Reben aufbinden gehen, aber die Magd sagte: "Nein, nicht heute, sondern morgen, nicht zu dieser Stunde, sondern zu einer andern sollt ihr das thun und nicht so, sondern so müsst ihr es machen." Der Bauer folgte ihr in allen Stücken und es war nicht sein Schaden; denn er heimste die reichsten Ernten ein, hatte Glück in Allem und wurde in wenigen Jahren ein reicher Mann. Nun begab es sich, dass ein Fuhrmann, welcher immer in diesem Bauernhause einkehrte, spät abends ober dem Dorfe unter einem Felsen vorbei fuhr; da hörte er eine Stimme rufen: "Sag im Hause, wo du einkehrst, Pifferonz (Das deutsche "Bitt für uns" aus der Litanei, vom Volke parodirend dem vergessenen ursprünglichen Namen untergestellt, wie oben Mao (Katzengeschrei). Vgl. die weiter unten folgende Eguanen-Sage 1.) sei gestorben und Pifferonza sei schwer krank." Als er in das Haus kam, erzählte er, was ihm begegnet sei. Da stand die Magd auf und sagte traurig: "Nun muss ich gehen, denn es sind meine Aeltern!" Dem Bauer that es leid und er sagte: "Aber sag mir doch, was soll ich dir zum Lohne geben?" Sie aber erwiederte: "Wenig habt ihr mich gefragt und wenig hab' ich euch gelehrt; hättet ihr mich mehr gefragt, so hätt' ich euch mehr gelehrt!" Darauf sprang sie beim Fenster hinaus und ward nicht wieder geschen. (Ronchithal bei Ala.)

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Eine Häuserruine in Vallarsa heisst bei den Struffi; davon folgende Sage: Ein Mann, welcher dort wohnte, mähte einmal auf dem Felde. Da lief eine Frau zu ihm her, das war ein wildes Weib, die war von einem Jagdhunde verfolgt und rief dem Manne bittend zu: "Mach' mach' einen Kreis! mach' einen Kreis! (fa un "Kraus''')". Der Mann aber verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen, er blickte sie nur neugierig an, ohne eine Hand zu rühren. Da rief sie zürnend: "Bald wird in diesem Gehöfte kein Hahn mehr krähen und keine Henne mehr krächzen!" Sie wurde auf die andere Seite des Berges gejagt und dort vom Hunde zerrissen; hätte aber der Mann den Kreis gemacht, so wäre sie gerettet gewesen und hätte ihn glücklich gemacht. (Vallarsa.)


A n m e r k u n g.    Abbate Agostino dal Pozzo bemerkt in seinen "Memorie istoriche die setto comuni Vicentini (Vicenza 1820) S. 148 folgendes: "Auch bei unserm Volke ist noch eine Spur vorhanden, dass es einst Feen gab.  Das Volk nennt sie "die seilgen Waiblen" und sagt, dass man sie einst häufig und zwar immer weiss gekleidet sah. Das gemeine Volk und die Weiber wissen noch die Quellen, die Wiesen, die Höhlen und die Wälder zu zeigen, wo man sie ihre Wäsche machen, ihre weissen Linnen ausbreiten, Brod backen, Reigentänze aufführen und andere ähnliche weibliche Geschäfte verrichten sah. Die alten Weiber sind noch überzeugt, das Seufzen und Weinen der "Klaga" zu hören, wenn nämlich Jemand sterben soll und dieses Weinen und Klagen nennen sie "vortoedt", nämlich Vorbedeutung des Todes u. s. w." —

Quelle: Chrsitian Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 209
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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