SAGEN.at >> Informationen, Quellen, Links >>Dokumentation >> Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Christian Schneller, 1867

   
 

Sommer

19. In Folgareit wird der Vorabend des St. Georgstages von den Knaben mit Anzünden von Feuern und mit lärmenden Instrumenten gefeiert zum Zeichen, dass sie bis zum genannten Tage ihre Herden überall frei auftreiben dürfen. [Vgl. Zingerle, Gebräuche Nr. 719]

20. Ein uralter Volksglaube verwehrt in Wälschtirol im Monat Mai das Heiraten; doch kehrt man sich heute nicht mehr daran. [Schon Ovid (Fasti V.) sagt: "Mense malum Majo nubere vulgus ait". Muratori erzählt in einer Dissertation (59), es habe sich zu seiner Zeit in Ferrara und Modena Niemand im Mai zu heiraten getraut]
Man nennt den Mai den Monat der Esel; eben so gilt es für kein besonderes Glück in diesem Monat geboren zu sein.

21. Zuweilen wird  in den Dörfern ein Maibaum aufgestellt, welcher "l'albero della cuccagna"(d.i. Baum des Ueberflusses, Schlaraffenbaum) heisst; man bindet sich jedoch damit nicht gerade an den Monat Mai, sondern es ist eben eine Volksbelustigung an Kirchweihen. Es wird nämlich ein hoher Baum entästet, entrindet, wohl geglättet und mit Seife abgerieben; an die Hebelarme auf der Spitze hängt man Geld, Kleider, Weinflaschen, Würste u. a. m.  Wer den Baum ersteigen will, muss baarfuss und ohne irgend ein Hilfswerkzeug auf dem Platze erscheinen. Es dauert oft lange, bis einer so glücklich ist, die Spitze zu erreichen; denn oft gelingt die Ersteigung nur zum Theile und ermattet rutscht der Kletternde mit Pfeilesschnelle abwärts, wobei er manchmal auch die Nachkletternden mitreisst zu nicht geringer Belustigung der Zuschauer.  Endlich aber erreicht ein Glücklicher die Spitze. Triumphirend sezt er sich hin, löst seinen Preis ab, schwingt die Weinflasche und bringt dem Pfarrer, dem Gemeindevorsteher, dem Bestgeber oder wem er eben will, seine Evviva's aus. Die immer mehr schwindenden Wälder haben auch diesen Brauch  seltener gemacht.

22. Am Fronleichnamstage wird in Roveredo ein gut aussehender etwa vierjähriger Knabe als hl. Johannes nackt mit Wollvliess und Sandalen bekleidet, erhält einen langen Stab und führt im Zuge ein weisses sauber gewaschenes und mit Seidenbändern geschmücktes Schaf.

23. Früher — denn jetzt ist dieser Gebrauch in Verfall gerathen— waren beiTrient undPergine auch die bekannten Johannisfeuer üblich und wurden falò genannt. Bei Pergine herrschte auch der Glaube, in der St. Johannisnacht blühe das Farrenkraut, dessen mit dem Thau gepflückte Blüte die Kraft habe, Metalle zu verwandeln. [Vgl. Ab. Agost. dal Pozzo,  Memorie istoriche S. 219 u. ff.— Zingerle, Gebräuche Nr. 773]

24. In Folgareit herrschte einst der Glaube, dass die Hexen jene schädlichen Kräuter, welche sie zum Wettermachen brauchten, nur während des Feierabendläutens vor dem Feste des hl. Johannes des Täufers (23. Juni) sammeln könnten. Daher musste der Messner an jenem Tage sich heimlich in die Kirche schleichen und sobald es drei Uhr schlug, die kleinste Glocke nur zu wenigen Streichen anziehen. Don Bottea erzählt in seiner "Cronaca di Folgaria" (S. 187), wie im J. 1745 drei Geistliche diesen Glauben dadurch vernichteten, dass sie selbst lange läuteten. Es entstand ein Volksaufruhr, welcher nur durch die Erklärung des Pfarrers, dass er für jeden Schaden hafte, gedämpft wurde. Glücklicher Weise verging der Sommer ohne Hagel und die Ernte fiel reichlicher aus als in andern Jahren. [Vgl. Zingerle, Gebräuche Nr. 771]

25. Wenn es am Tage Petri und Pauli donnert und regnet, so gibt es in jenem Jahre keine Haselnüsse.                                                                                                                    (Sulzberg.)

26. Die Wachtel ist für den Ertrag des Roggens ein prophetischer Vogel. Nach altem Spruche ist jeder Ruf von ihr im Frühling einen "trono" d. i. zwölf alte Kreuzer werth [wert].                               (Vallarsa). 
[Vgl. ibid. Nr. 428, 429 ]                   
                                               
27. In Roveredo und der Umgegend herrscht der Gebrauch, dass die Handwerker am 1. August Nachmittags sich bei Wein und Festgelagen bis in die Nacht belustigen. Dazu erbitten sie sich von ihren Kunden Wein oder Geld; das nennt man „Feragosto" [Wol feriae Augusti", wie denn schon die Römer den ersten Jänner oder März und die calendae Augusti mit Trink- und Gastgelagen feierten. Denselben Gebrauch erwähnt auch Muratori als in Modena bestehend (dissert 59)]

Quelle: Chrsitian Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 236
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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