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IV.   Der Salvanel

Die Sagen vom Salvanel scheinen nur noch in Valsugana erhalten zu sein. Er ist nach dortiger Vorstellung ein Mann von rother Hautfarbe und wohnt in Höhlen mitten in Wäldern und soll dort zahlreiche Herden von fetten Schafen mit schöner Wolle haben. Bei Nacht pflegt er herumzuschweifen, um die Orte, wo andere Hirten die Milch aufbewahren, zu suchen und dieselbe zu trinken. So kam er einmal öfter in die Hütte eines Hirten und trank ihm alle Milch aus. Da dies sich mehrmals wiederholte, ward der Hirte zornig und da er sich dachte, der Dieb könne kein anderer sein, als der Salvanel, sann er auf ein Mittel ihn lebend zu fangen. Er füllte die Milchgeschirre mit Wein an und als der Salvanel wieder kam und die vermeintliche Milch kostete, war er ganz erstaunt über den ihm neuen Geschmack. Mit grossem Behagen trank er davon so viel, dass er berauscht neben den umgestürzten Milchgeschirren liegen blieb. Am Morgen kam der Hirte, fand den Dieb und band ihn sogleich, indem er sagte: "Hab' ich dich einmal, du Spitzbube, wart nur, jezt wirst du mit mir zu thun haben." Bei diesen Worten wurde der Salvanel munter und wollte entfliehen, aber vergebens, denn er war gebunden. Dann fragte er den Hirten, was das für eine Flüssigkeit sei, die er in der vergangenen Nacht getrunken und die ihn in einen so süssen Schlaf versezt habe. Der Hirte antwortete mit einer Lüge, es sei der Saft eines gewissen Dornstrauches (Wie es scheint, ist eine Rubus-Art gemeint.)

Darauf erwiederte der Salvanel: "So bitt' ich Gott, dass dieser Strauch, der einen so guten Saft gibt, wo er nur immer die Erde mit seinen auslaufenden Spitzen erreicht, dort Wurzeln schlage und daraus ein neuer erwachse." Und es ist wirklich der Fall, dass seit jener Zeit dieser Dornstrauch, wo seine Spitzen auf den Boden herabhängen, Wurzel schlägt und wächst. Hätte nun der Hirte damals die Wahrheit gesagt, so brauchte man jezt nicht so mühsam die alten Rebstöcke durch neue zu ersetzen, sondern selbe würden sich überall von selbst fortpflanzen. Nun fragte der Hirte den Salvanel, ob er denn nicht genug eigene Milch zu trinken habe. Der Salvanel antwortete, er brauche sie, um Käse zu machen; um aber seinen Durst zu löschen, trinke er die Milch anderer. Da fragte ihn der Hirte, wie er aus der Milch den Käse bereite. Der Salvanel lehrte ihn die Bereitung von Butter, Käse und Lab (poina, puina), worauf der Hirte den Gefangenen losband und in Freiheit sezte. Als der Salvanel vom Hirten schon eine kleine Strecke weg war, rief er ihm noch zu: "Hättest du mich noch ein wenig festgehalten, so hätte ich dich auch gelehrt aus Milchabguss Wachs zu machen." Wirklich herrscht unter den Bauern hie und da der Glaube, dass der Milchabguss das Wachs enthalte.
Der Salvanel liebt ungemein auch Mädchen von zwei bis zu drei Jahren, welche er raubt und in seine Höhle trägt. Dort nährt er sie sorgfältig und behält sie mit ungemeiner Liebe bei sich. Einmal raubte er einen Knaben und brachte ihn in seine Hütte; als er aber merkte, es sei ein Knäblein, trug er das Kind sogleich wieder auf die Stelle zurück, wo er es geraubt hatte, zur nicht geringen Freude der Mutter, die ihr Kind schon verloren geglaubt hatte. (Ronchi bei Borgo.)

Uebrigens ist vom Salvanel im übrigen Wälschtirol wenig, selbst nicht einmal der Name bekannt. In Folgareit kennt man wenigstens den Namen; denn es wird dort erzählt, dass derjenige, welcher in die Fusstapfen des Salvanel (sul "fot") gerathe, übel daran sei, indem er kreuz und quer in die Irre geführt werde. Nur wenn man die Schuhe nach rückwärts wende und so fortgehe, komme man wieder zu sich und finde den Heimweg.
Wenn ein Baum absteht und auf einer Seite des Stammes an einer schon von der Fäulniss ergriffenen Stelle ein wässeriger Saft abfliesst, so sagen im wälschen Etschthale die Bauern, er habe den "salvanel." Besonders gilt dies von den Maulbeerbäumen. Ausserdem bezeichnet die wälsche Volkssprache mit dem Worte "salvanel" auch den Widerschein oder Abglanz eines Spiegels.

Quelle: Chrsitian Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 213
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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