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VII.  Der Mann im Monde

Kinder, seht ihr jenen Mann im Monde? Ich will euch die Geschichte davon erzählen. Einmal war ein grosser Dieb, der ging immer bei der Nacht aufs Stehlen aus. Unter andern kam er einmal in der Nacht in ein Haus, aber er fand nichts anderes zu stehlen, als zwei Wassereimer (canzedriö). Aber das war ein hartgesottener Dieb, er nahm sie und ging. Als er auf die Strasse gekommen war und nach Hause ging, kam ihm vor, es gehe ein Mann hinter ihm her. Er fing an zu laufen, aber der Mann hinter ihm lief eben so schnell wie er. Als er aber merkte, der Mann hole ihn doch nicht ein, wagte er es umzuschauen und sah, dass es sein Schatten war. Da wurde er auf den Mond, der gerade voll war, recht zornig und sagte: Wart, verfluchter Mond, du sollst es mir diesmal büssen!" Nun ging er zu einem Brunnen, füllte den Eimer mit Wasser und schüttete es gegen den Mond hinauf. Aber in demselben Augenblicke flog er mit beiden Eimern in den Mond. Schaut nur recht, ihr müsst ihn sehen, wie er darin steht. (Diese Wassereimer von Kupfer, welche in Wälschtirol unter dem Namen cacidrei" allgemein in Gebrauch und mit umlegbaren Eisenreifen versehen sind, werden an einem gebogenen Stocke (zerla" , ital. gerla, lat. gerula) einer vorn und einer rückwärts getragen.)

Jezt wüsst' ich noch ein anderes Geschichtchen, aber ich weiss nicht, welches das wahre ist, das erste oder das zweite. Es war einmal ein anderer grosser Schurke (un auter gran peccator"), welcher aus Bosheit immer mit einer grossen Gabel herumging, um sie den Schafen (allö föido") in den Hals zu stechen. Eine Nacht that er es wieder, aber der Mond, welcher es sah, fasste ihn und zog ihn sammt. seiner Gabel in sein Gesicht" hinauf. — (Fassa.)

Ein Knabe ging einmal bei Mondschein in ein Feld, um Kohl (verze") zu stehlen; aber während er gerade daran war seine Butte zu füllen, kam eine Alte und sagte: Wenn du nicht weggehst, so lass' ich den Mond herabkommen, dass er dich fresse." Der Knabe lief weg; aber in der folgenden Nacht kehrte er wieder und es erging ihm wie das erste Mal. Da befahl ihm seine Mutter, auf die Alte nicht zu achten; er nahm daher in der dritten Nacht eine noch grössere Butte und ging. Da kam die Alte wieder und wiederholte ihre Drohung, aber der Knabe trozte ihr und schmähte sie. Nun rief sie den Mond, der kam zornig herab und zog den Knaben sammt der Butte mit sich hinauf. (Predazzo.)

Ein Mann ging Pfirsiche stehlen. Aber er bemerkte, dass der Mond zu hell scheine. Er ward zornig und schalt ihn; um jedoch nicht gesehen zu werden, fasste er mit seiner Gabel das auf einer Mauer liegende Dorngestrüppe und hielt es hinter sich, um sich zu decken. Aber zur Strafe wurde er sammt Gabel und Dornen augenblicklich in den Mond versezt. (Arco.)

So variirt die Sage allerorts. In Mori, Roveredo und Pergine stiehlt der Mann Kohl ("verze" oder "capussi"), in Vallarsa Rüben ("una benna di rave"), in Valsugana Fische oder Käse, im obern Nonsberg Weintrauben, in Rendena sogar Mist u. s. w. Der Zug vom Dorngestrüppe, das er dabei, um sich zu decken, mit der Gabel über sich hält, kommt, soweit nachgeforscht wurde, nur in der Gegend von Arco und Mori, dann auch in Vallarsa in den bezüglichen Sagen vor.

Quelle: Chrsitian Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 220
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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