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VII.   Einige Sagen von Heiligen 

1. St. Vigilius

Als der heil. Vigilius nach Judikarien gekommen war, um die Heiden zu bekehren, musste er sich vor den Einwohnern des Thales von Banale flüchten. So gelangte er bis zur Stelle, wo heute die Klamm der Vela liegt; damals aber waren die Felsen noch geschlossen und es war kein Durchgang offen. Da stemmte der Heilige Hand und Fuss an den Felsen und rief:

"Apriti o crozzo,
Che i Banai mi e addosso!"
(d. i. öffne dich o Felsen, denn die Banaler sind mir im Rücken").

Da öffnete sich der Felsen und der Heilige war gerettet. Die Spuren der Hand und des Fusses des Heiligen im Felsen sind aber noch bis heut zu Tage sichtbar.

Als der hl. Vigilius später in Rendena den Märtyrertod erlitt, warfen die Einwohner eines dortigen Dorfes, da sie keine Steine mehr hatten, Brotlaibe auf den Heiligen. Daher sagen die Bewohner der umliegenden Ortschaften, dass in jenem Dorfe das Brot beim Backen nicht mehr aufgehe, sondern fest und hart bleibe.
Andere erzählen über Buco di Vela auch so. Als der Leichnam des Heiligen nach Trient geführt wurde und der Zug damit bis Buco di Vela gekommen war, da öffneten sich die Felsen, damit die Träger leichter hindurch kommen könnten, und blieben offen bis auf den heutigen Tag.

2. St.Valentin

Bei Vezzano [Gardasee, Lago di Garda] ist ein Kirchlein des hl. Valentin, davon folgende Sage. In alten Zeiten zog hier einmal ein Feldhauptmann vorüber, welcher in einem eisernen Sarge den Leib des hl. Valentin mit sich führte. Da er aber in den Krieg ziehen musste, vergrub er den Sarg. Zur Winterszeit kamen einmal einige Knaben, welche in Vezzano studirten, auf den Platz und fanden Rosen, welche herrlich blühten und dufteten, während rings Schnee lag. Da grub man nach und fand den Sarg mit den Gebeinen des Heiligen. Darauf wurde über dem Platze ein Kirchlein erbaut. Die Leute glauben, dass Erde von einem Platze genommen und in Leinwandsäckchen bei sich getragen gegen gewisse Krankheiten helfe.

3. St. Julian

Im Rendenathal [Rendenatal, Val Rendena] war die Heimat des hl. Julian (San Zulian). Einmal hörte er zur Nachtzeit Lärm im Hause und glaubte, es seien Räuber. Er wollte sie vertreiben und erschlug sie; als es aber Tag wurde, sah er, dass er im Irrthume seine Aeltern getödtet habe. Da sprach er: "Nun will ich zur Busse Einsiedler werden und so weit vom Dorfe leben, bis ich weder die Hähne mehr krähen noch die Glocken mehr läuten höre". Und er ging weit vom Dorfe weg auf einen Berg; an einer Stelle machte er Halt, um sich dort nieder zu lassen, aber er hörte die Hähne des Dorfes noch krähen und die Glocken noch läuten. Da ging er noch weiter und als er die Hähne und die Glocken nicht mehr hörte, blieb er und führte ein bussfertiges Leben. Nach seinem Tode fand man über seinem Grabe im Winter blühende Rosen und baute dort eine Kapelle. Auch sind keine Schlangen dort und wenn man Erde vom Platze nimmt und auf Schlangen wirft, so sterben dieselben davon augenblicklich. Ein Kind hatte einmal einen Wurm verschluckt, der es fürchterlich peinigte, so dass das arme Kleine nicht einmal sterben konnte. Da trug man es auf jenen Berg und kaum war die Gränze seines Bereiches überschritten, so starb der Wurm und mit ihm auch das Kind.
Andere erzählen einfach nur, der hl. Julian sei auf einen Berg gegangen, um dort als Einsiedler zu leben. Da war eine schöne grüne Ebene voll Alpenhütten und Herden. Eines Tages kam St. Julian zu den Sennen und bat sie um ein wenig Milch; sie waren aber hartherzig und schlugen es ihm ab. Da wurde die Ebene in ein rauhes Feld voll Steinblöcke verwandelt, die Steinblöcke aber sind die versteinerten Herden jener Hirten. Es besteht der Glaube, dass, wenn man von denselben Stückchen abschlägt und bei sich trägt, Einen die Schlangen nicht beissen und man vor ihnen sicher ist.

Quelle: Chrsitian Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 221
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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