SAGEN.at >> Informationen, Quellen, Links >>Dokumentation >> Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Christian Schneller, 1867

   
 

Begräbnisse

48. In den Städten und an allen grössern Orten schicken, wenn Jemand begraben wird, alle jene Familien, an welche die Todesanzeige erfolgt, einen Dienstboten oder sonst Jemanden mit der Leichenfackel ("mandar le torcie") zur Begleitung des Leichenzuges vom Hause bis zur Kirche, wo die Einsegnung des Todten erfolgt. Dann werden die Fackeln ausgelöscht und die Träger begeben sich nach Hause. Nur beim Tode ausgezeichneter Personen begleiten die Verwandten und Bekannten den Leichenzug, jedoch ohne Fackeln und gehen auch bis zum Grabe mit.

49. Wenn in Vallarsa ein Hausvater stirbt, so müssen die zwei nächsten männlichen Verwandten mit ihren Wintermänteln hinter dem Sarge hergehen, selbst wenn es im heissesten Sommer wäre.

50. Die allrömische Sitte der Klagefrauen (praeficae) und ihrer Klagelieder (naeniae) kommt noch in dem durch seinen Bilderhandel bekannten Tesiner Thale vor. Je nachdem der Todte des einen oder des andern Geschlechtes war, folgt seiner Leiche ein Mann oder ein Weib, "pianzotti" (piangere, weinen) genannt. War z. B. die Todte ein schon verlebtes Mädchen, so ruft die Klagefrau: "Ach, armes Mädchen, du warst so gut, so lieb und musstest sterben. Du hattest so und so viele Paar Strümpfe, Hemden, Leintücher u. s. w.  N. N. liebte dich so sehr, er wollte dich heiraten, jezt weiss er sich vor Schmerz nicht zu fassen u. s. w." Man sagt den pianzotti nach, dass sie sich die Augen mit Zwiebeln reiben, um weinen zu können. [Vgl. Gabr. Rosa, dialetti e costumi, S. 160, ferner Ab. Agost. dal Pozzo, memorie istoriche, S. 235—236. Auch in Pergine kamen früher Klageweiber vor, vgl. F. St. dei Bartolamei, Cenni etc., S. 19 bis 20. Der Verfasser erzählt dabei auch von einer am Ende des l 7. Jahrhunderts in Levico gehaltenen Leichenrede, welche beginnt: "Sendo morta l'anima del qui presente defonto cadavere" u. s. w.  (da die Seele   des hier verstorbenen Leichnams todt ist). Die Stelle ist lächerlich, aber sie gibt einen verständlichen Wink. In Deutschtirol wird nämlich am Grabe mit einer ungefähr ähnlichen Eingangsformel  für die "abgeschiedene“ Seele gebetet, welche Formel der Priester mit lauter Stimme spricht.  Obige Stelle mag nun immerhin,  wie dei Bartolamei meint, "in den Annalen der kirchlichen Redekunst Epoche machen", aber man wird  des Milderungsgrundes nicht vergessen dürfen, dass sie ein — Uebersetzungsfehler ist.]

51. In Judikarien (Lomaso) gehen alle Angehörigen mit der Leiche; dann vereinigen sie sich bei einem Todtenmale, bei welchem der Verlust des Todten beweint und alle seine Vorzüge und Tugenden gepriesen werden.

Quelle: Chrsitian Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 241
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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