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II. Geschichtliche Bäume und Sagenbäume

Felix Dahn sagt einmal: "Mit Nichten darf man jener banalen Weisheit des Achselzuckens Konzessionen machen, welche allen Glauben als unerklärlich, weil sinnlos, weil einer logischen Grundlage entbehrend, bezeichnet! Im Gegenteil: Ohne Grund schafft das menschliche Vorstellungsvermögen gar kein Gebilde; eine causa sufficiens, wie man sich vor hundert Jahren ausgedrückt hätte, muß immer vorhanden sein zur Erzeugung eines Denkproduktes; und wo ein Aberglaube, eine Sitte, eine Übung auch lediglich ein Spiel der ästhetischen Phantasie ist, auch den hat die Phantasie nicht ohne Anhaltspunkte geschaffen. Die Aufgabe des Mythologen wird aber nicht sein, den Unsinn seiner Objekte zu proklamieren, sondern mit Liebe und Hingebung ihren Sinn zu ergründen."

Dies trifft insbesondere für viele durch Standort, Alter, Schönheit und Größe bemerkenswerte, des jetzt schon wohlorganisierten Naturschutzes *) besonders würdige Baumindividuen zu, an die sich historische Begebenheiten knüpfen und um die dann Singen und Sagen des Volkes seine freundlichen Ranken schlingt.

*) Es ist hier insbesondere an die vom Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. Hugo Conwentz in Berlin geleitete staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege gedacht. Die Bestrebungen, den Naturschutz zu verstaatlichen, gehen allerdings weit zurück. Der Wiener Botaniker A. Pokorny hat in seinem Aufsatze "Über Größe und Alter österreichischer Holzpflanzen", Schriften der Zoologisch-botanischen Gesellschaft, Wien 1865, geäußert: "Es unterliegt auch wohl keinem Zweifel, daß die Regierung, welche in so vorzüglicher Weise ihre Sorgfalt der Erhaltung alter Baudenkmale widmet, den ältesten vegetabilischen Denkmälern des Kaiserreiches, namentlich wenn sie an leicht zugänglichen Standorten sich befinden, ihren Schütz wird angedeihen lassen."

Julius Mosen sagt vom Sagenwald:

Im Wald, im Walde drinnen
Tönt es wohl wunderbar,
Durch Blätter und Zweige rinnen
verstohl'ne Lieder gar.

Und Alexander Graf von Württemberg faßt die Stimmungen, die ihm die Katharinenlinde vermittelt, in folgende Verse:

Auf einem hohen Berge steht
An dichtem Waldesrande
Die alte Linde winddurchweht,
Blickt aus auf ferne Lande.

Hatt' ich, umhaucht von Blütenduft,
Gelauscht dem lieben Baume,
Ward mir, als spräche aus der Luft
Ein Geist zu meinem Traume. -

Er kündete aus alter Zeit
Mir manche seltne Märe
Von kühnen Ahnen, so im Streit
Errungen Ritterehre.

Er zeigte mir am fernen Blau
Des Himmels dunkle Mauern,
Im Abendschimmer geistergrau
Die alten Burgen trauern.

Wo ist die schöne, frische Zeit,
Als tapfre Kriegsgenossen
Zu Tale zogen kampfbereit
Auf starken Ritterrossen?

Die Ritter und die Rosse sind
Gebleichte Totenbeine;
In Mauerrissen stöhnt der Wind,
Als ob er um sie weine.

An heiße Kämpfe mahnt die Glut
Der roten Felsennelke,
Sie schimmert hell wie frisches Blut
Durchs Mauergras, das welke.

Am kühlen Brombeerstrauche taut
Noch manches Blatt von Tränen,
Die einst vergoß die Ritterbraut
In bangem Liebessehnen.

Aus treuer Muttererde schoß
Des Epheus scheue Ranken
Als letzter Mauerhalt durch Moos
Und rauhe Dornen schwanken.

Die Lieblinge der alten Zeit,
Die schwarzen Trauerschlangen,
Sinnbilder dunkler Ewigkeit,
In die Ruinen drangen. -

Dabei ist kein Volk so arm, in seinem Empfinden so kalt, daß ihm die ragenden, rauschenden Bäume der Heimat, die mächtige Eiche, dieser Kriegsbaum der Germanen*), dessen Blätter auch im Weltkriege als Feldzeichen dienten, die traute Linde nicht beziehungsreich wären. Die Eiche war dem einherstürmenden Donnar (Thor), die Linde der Göttin des Friedens, der Liebe und Familie geweiht; von ihr sagte Luther: "sie ist ein Friede- und Freudebaum**)." Vehovar hat das vermittelnde, versöhnende, was diese beiden Bäume für die verschiedenen Nationen sind, in seinem Gedicht "Der Slawe an die Deutschen" schon 1840 - 1841 auszudrücken versucht.

Schau nicht so stolzen Blicks hernieder,
Du Deutscher, auf das Slawen-Land!
Und wähne nicht, es sei der Lieder,
Der Dichtung Glut dort unbekannt.

Zwar wölbt die Eiche ihre Schatten
Weit über großer Männer Grab
Und rauschet Sängers würdige Taten
Aufs biedre deutsche Land herab:

Doch mögst du drum die Lind' nicht schmähen,
Sie ist so arm und dürftig nicht;
Auch sie sah manche Tat geschehen,
Der Dichtung ihre Kränze flicht.

*) C. Rosenkranz, a. a. O., S. 76.
**) Ludwig Schellberger, Die Bedeutung der Linde für das deutsche Volk, Arnau I916.

***

Die größte Rolle spielt unter den Sagenbäumen Deutschlands die Linde:

Du bist im Dorf, die große Linde,
Die rauschend ihre Arme breitet
Und die dem Greise wie dem Kinde
Den engen Platz zu Welten weitet*)

*) Oskar Erich Meyer, Die Lieder des leisen Lebens. München 1910. Verlag Piper & Co.

Eine der ältesten Linden Deutschlands, die nach der von botanischer Seite allerdings nicht beglaubigten Angabe die Zeiten Karls des Großen gesehen hat, steht bei Neuenstadt am Kocher im Freistaat Württemberg auf der alten Gerichtsstätte. Unter ihrem mächtigen Dach, das in der Höhe von 2,30 bis 2,60 Meter beginnt und eine breite, dichte Laube bildet, haben bequem 1000 Personen Platz, so daß darunter noch häufig Kirchweih- und andere Feste abgehalten werden, wie ein hochbetagter Patriarch im Kreise der Seinen, so ruht der gewaltige, 2,6 Meter im Durchmesser aufweisende Stamm inmitten der jungen Linden, welche gepflanzt werden mußten, um die Laube zu erhalten und keine Lücken entstehen zu lassen, denn die Äste, riesigen Armen vergleichbar, von 0,75 bis 1 Meter Stärke, begannen sich zu krümmen und zu beugen vor Altersschwäche, so daß sie schon vor Jahrhunderten durch steinerne Säulen gestützt wurden. Adelige und klösterliche Herren ließen die Armstützen, deren Zahl mehr als 100 beträgt, errichten. Von einem Jahrzehnt zum anderen stellte sich leider die Notwendigkeit heraus, einzelne absterbende Äste zu kürzen. Unter diesem Baum soll Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand oft geweilt haben.

Die alte Linde von Neuenstadt, Sagenpflanzen
Die alte Linde von Neuenstadt am Kocher.
Nach Robert Caspary.

Robert Caspary (Die alte Linde zu Neuenstadt am Kocher in Württemberg, Württemb. naturw. Jahreshefte, 1868, S. 193 - 207) schätzte im Jahre 1867 das Alter des berühmten Baumes, der auch im deutschen Volksliede von 1504 vorkommt:

Vor der stat ain Lynde stat,
Die siben und sechzig seulen hat -

auf 600 bis 700 Jahre, "aber darüber hinaus gewiß nicht"*). Es ist bemerkenswert, wie zeitig diesem ehrwürdigen Zeugen verflossener Jahrhunderte gegenüber die Mahnung, ihn zu erhalten und zu schützen ("Naturschutz" von heute!) laut wurde. Aus dem 17. Jahrhundert stammt die später wieder aufgestellte Inschrifttafel:

Disi Lind stedt in Got.
Handt. wlcher do nein
Ged der ein seul Kriezt
oder schreibt ode: ein unf:
der hot ein Hand verlor.

*) Über das im allgemeinen überschätzte Alter der "tausendjährigen" Bäume vergl. u. a. von Kerner, Pflanzenleben, 2. Aufl., I. Bd., Leipzig 1896, S. 697. Immerhin ist es sicher, daß es Mammutbäume (Sequoia gigantea) gibt, die bei mehr wie 100 m Höhe und 12 m Durchmesser gegen 1500 Jahre alt werden. R. von Wettstein, Handbuch der systemat. Botanik, 2. Aufl., Wien 1911, S. 404.

Noch zu Ende des Weltkrieges lebte die berühmte "Urgroßtante der Bäume", die Linde von Staffelstein in Bayern (Oberfranken), die mit 24 m Umfang in Brusthöhe als stärkste von ganz Europa gilt, doch schon lange im Innern hohl ist. Die Höhlung ist weit genug, daß Marschall Berthier, der "Fürst von Wagram", als er in Bamberg residierte, hineinreiten und sein Pferd wenden konnte.

Auf dem Stuckenbergsanger am Unterharz standen sich einst zwei Heere im Streite gegenüber. Auf beiden Seiten wurde ausdauernd und tapfer gekämpft und lange schwankte die Entscheidung. Bis zum Abend blieb die Schlacht unentschieden, endlich mußte sie der Finsternis wegen unterbrochen werden. Da stieß der Feldherr der westlichen Krieger sein Schwert in den Boden und rief: "Wenn bis morgen früh das Schwert zu einem Baum wird, ist der Sieg unser!" Am Morgen sah man statt der Waffe eine Linde, deren Blätter im Winde rauschten. Die durch ihren Anblick begeisterten Krieger besiegten das östliche Heer und schlugen es in die Flucht*).

*) H. Pröhle, Harzsagen, Leipzig 1853.

An Stelle des Klosters Wischau erhebt sich eine Linde, die ein zum Tode verurteilter Mönch vor seiner Hinrichtung mit der Wurzel nach oben pflanzte, um seine Unschuld zu erweisen. Als Feinde ins Land einfielen und das Kloster zerstörten, blieb nur diese Wunderlinde am Orte zurück, wo die grausamen Mönche gehaust, die den Unschuldigen ums Leben gebracht hatten.

Als im Jahre 1464 Herzog Otto von Pommern gestorben war, versammelte Alber Glinden, Bürgermeister von Stettin, seine vertrauten unter der Linde zu Schildersdorf, um das Land durch Verrat an den Markgrafen von Brandenburg zu bringen und obwohl der Anschlag mißlang, grünte die Linde doch nicht weiter fort.

Die Kunigundenlinde im Hofe der alten Kaiserburg zu Nürnberg, die schon anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dem Absterben nahe war, soll von der frommen Kaiserin Kunigunde selbst gepflanzt worden sein. Jetzt gehört sie schon der Vergangenheit an.

Zu Nürnberg auf der Veste steht noch der Lindenbaum,
Gewaltig Stamm und Äste, füllt er des Hofes Raum
Und ist in Kern und Rinde vollkommen noch gesund,
Die Kunigundenlinde benannt durch Volkesmund -

sang einst von diesem Sagenbaum der Dichter. Albrecht Dürer erzählt aus dem Jahre 1455 von einem großen Tanz unter der großen Linde, die noch die Wiedererrichtung des neuen Deutschen Reiches erlebte und an deren Anblick Kaiser Friedrich als Kronprinz sich wiederholt erfreute. Abb. S. 37.

Auf dem Rathausplatz zu Freiburg in der Schweiz steht eine ehr-Erinnerungen [sic] knüpfen, nämlich einer mehrhundertjährigen Linde, unter der die Fehden der Zähringer getobt haben. Sie beschattete die um die Freiheit der Schweiz Fechtenden in der Schlacht von Murten am 22. Juni 1476*). Später wurde unter ihr das weniger blutige "Lindengericht" abgehalten, das die Streitigkeiten der Marktleute schlichtete.

*) Soll nach anderer Version erst zur Erinnerung an den Sieg von Murten gepflanzt worden sein, und zwar durch einen Lindenast, der von der Linde zu Münchweiler herstammte, unter der die Schweizer Kriegsrat gehalten hatten. Pieper, a. a. O., S. 94. Vgl. auch unser Kapitel V.

Das etwa 250 Einwohner zählende Dörfchen Zimmritz in Thüringen ist Hüter eines Baumes, an den sich kulturgeschichtliche Erinnerungen knüpfen, nämlich einer mehrhundertjährigen Linde, der Tetzellinde. Hier predigte anfangs des 16. Jahrhunderts Tetzel, der Leipziger Dominikaner und Ablaßkrämer, hier drängten sich die Ablaßkäufer zu dem Pater, dessen Spruch: "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt", eine historische Bedeutung gewonnen hat. Diese Tetzellinde diente später für die ganze Gegend als Pranger, an den die Überbleibsel von der Fehme und der Feldgerichtsbarkeit gestellt wurden. Im Besitze des Dorfes ist noch das einst an der Linde befestigt gewesene Halseisen. Auch Hexenverbrennungen fanden an der Linde statt.

Als Herzog Ulrich im Jahre 1534 Tübingen eroberte, warf er das Lindenreis, das er an der Mütze trug, mitten auf den Schloßplatz, wo es sogleich angepflanzt wurde; es wuchs daraus die hohe Tübinger Linde.

Die riesigen Linden unweit des mecklenburgischen Tores zu Wismar wurden von jung und alt "die preußische Barmherzigkeit" genannt. In einem Kriege, da Wismar hart von den Preußen bedrängt wurde, starben viele Leute in der Stadt an einer Krankheit, gegen welche nur Lindenblütentee half. Da baten die Bürger den Feind, der bereits die meisten Bäume der Umgebung niedergelegt hatte, um Schonung der gedachten Bäume; die Preußen waren barmherzig und willfahrten der Bitte*).

*) Pieper, a. a. O., S. 96.

In der französischen Ortschaft Bassanac im Departement Lozère trug der Marktplatz bis 1911 als Schmuck eine gewaltige alte Linde aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts, die Kaiser Franz I. einmal an einem Festtage gepflanzt hatte, um den Sieg von Marignano zu feiern. Nach einer italienischen Quelle ist dieser Baum - der vermutlich wegen Altersschwäche hat gefällt werden müssen - öffentlich versteigert worden und das ganze Ergebnis dieses historischen Baumes war die lächerlich geringe Summe von 16 Frank.

An die Spitallinde (auch Hospitallinde) von Freiberg in Sachsen, die über 1000 Jahre alt sein soll, lehnte sich im Jahre 1643 der schwerkranke schwedische General Torstenson und gab dort bei Belagerung der Stadt seine Befehle. Der am Grunde nahezu sieben Meter umfassende Baum heißt noch Schweden- oder Torstensonlinde.

Nach einer Sage liegt der Führer der aufständischen Bauern in Oberösterreich, Fadinger, in der Schanze in Neumarkt begraben. Er ist jedoch nicht gestorben, sondern in einen Zauberschlaf versunken. Mit ihm schlafen dort noch einige seiner Unterbefehlshaber und mehrere Zwerge. Alle Jahre einmal erwacht Fadinger von seinem todähnlichen Schlafe. Dann schickt er zur Nachtzeit einen Zwerg hinaus ins Freie, der nachsehen muß, ob die kleine Linde, die auf dem Schanzgrunde steht, schon die Größe der mächtigen, alten Linde erreicht hat, die unterhalb des Walles sich erhebt. Ist dies nicht der Fall, so kehrt der Zwerg gleich wieder zurück und erstattet Fadinger Bericht über das, was er gesehen. Wieder vergeht ein Jahr, bis die Schläfer neuerlich erwachen. Hat jedoch einmal die kleine Linde die große im Umfange und Wuchs erreicht, so steht Fadinger auf, kommt aus der Schanz hervor und wird Neumarkt zur Stadt erheben.

Eine ernste Erinnerung an den oberösterreichischen Bauernkrieg bildete bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Haushamer Linde, unter der am 16. Mai 1625 das berüchtigte Frankenburger Würfelspiel stattfand. 17 Verlierende wurden unter ihr gehenkt. Die ehrwürdige Dortmunder Femlinde, von der nur mehr ein Sprößling, dazu nicht auf dem alten Platze besteht, soll, als mit Krieg und kriegerischen Ereignissen nicht unmittelbar zusammenhängend, hier nur erwähnt sein*).

*) Vgl. auch das über die Tetzellinde Gesagte. Eine ausführlichere Besprechung widmet der Femlinde der Verfasser in den Mitteilungen der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, 1920.

alte Linde, Sagenpflanzen:
Die alte Linde im Burghofe zu Nürnberg.
Nach einer Abb. in der "Gartenlaube", 1894. (Vgl. Text S. 35)

In unserer Zeit ist die mächtige Linde vor dem Gasthaus zum Schwan in Rippach bei Lützen verbrannt, die so groß war, daß sie in ihrer Krone einen eingebauten Tanzplatz für zwanzig Paare trug. An diesem Baum zog Pappenheim vorüber, als er sich, nach Halle marschierend, vor dem Heere des Königs Gustav Adolf zurückzog. Friedrich der Große sah denselben Baum, als er nach der Schlacht bei Roßbach in Rippach übernachtete. Im Jahre 1813 hielt Napoleon I. Rast an der historischen Linde und sein Marschall Bessières ruhte schwerverwundet im Schatten des Baumes.

Im März 1876 hat der Sturm im Hennegau bei Lens die berühmte historische Condélinde zerschmettert, bei der der Feldherr am 20. August 1648 seinen Standpunkt nahm, um die Bewegungen des Feindes zu überwachen. Ein Marmorstein mit Inschrift von Boileau wurde zur Erinnerung daran aufgerichtet.

Im Bajmócjer Schloß stand eine auf mehr wie 600 Jahre geschätzte Linde von mehr wie 20 Meter Höhe und über 80 Meter Kronenumfang, unter der Franz Rákóczy mit seinen Getreuen Beratungen gepflogen haben soll.

Die Kaiserlinde bei Nasedlowitz war zwei Tage nach der Schlacht von Austerlitz, am 4. Dezember 1805, der Treffpunkt des Kaisers Franz und Napoleons, die hier in fast zweistündiger Unterredung den Waffenstillstand besprachen. Die Linde steht heute in Verwaltergarten und wird sorgsam gepflegt. Dr. von Seidl ließ zum Gedächtnis eine Marmortafel mit der Inschrift anbringen:

Unter der gegenüberstehenden Linde trafen zwei Tage nach der
Schlacht bei Austerlitz am 4. Dezember 1805 die beiden Kaiser Franz I.
und Napoleon persönlich zusammen und beendeten in fast zweistündiger
friedlicher Besprechung den zwischen ihnen geführten blutigen Krieg.

Eine alte sagenumwobene Linde von 2,25 Meter Durchmesser ist in unserer Zeit dem Schneesturm zum Opfer gefallen. Der Baum, der auf der Rittergutsflur Dobeneck (Amtshauptmannschaft Ölsnitz) gestanden hatte, war in der Mitte gebrochen. Unter dem Baume, der einen wunderschönen Überblick über das Elstertal bot, hat, so wird erzählt, Napoleon I. auf dem Anmarsch nach der Gegend bei Lützen im Jahre 1813 gelegentlich eines Biwaks Kaffee getrunken. Der Baum war seit vielen Jahren hohl, vier Männer hatten bequem Platz in ihm.

Bei Dürrfeld am Krappfeld (Kärnten) steht eine uralte Linde, hier wird in der letzten großen Schlacht der heilige Glauben über die Türken obsiegen. Drei der vornehmsten türkischen Feldherren wird man an die Linde knüpfen*).

*) Zur letzten aller Schlachten vgl. Kap. I, III, IV.

In Steiermark wird eine uralte Linde bei Graz als das Wahrzeichen des Ortes der letzten Schlacht bezeichnet. Eine sagenhafte Prophetin, welche bis auf die Griechenzeit zurückgeht, die Heidenjungfrau Sibylla, hat einst geweissagt, im letzten, schwersten Kampfe würden die Türken bis zu dem steinernen Brückel vor Graz kommen; dann aber würden sich die Christen ermannen und, von frischem Mute erfüllt, vom Grazer Schlosse herab wieder gegen den Feind vordringen. Die Türken, heißt es, würden dann endlich vertilgt werden bis auf en letzten Mann.

Die Kaiserlinde, Sagenpflanzen
Die Kaiserlinde bei Nasedlowitz.
Nach einer Photographie in der Wiener Landw. Zeitung.

Begeben wir uns mit Schwebel*) nach der Oberpfalz. Zieht dortzulande ein Wanderer auf der Heerstraße von Vohenstrauß in westlicher Richtung auf Wernberg zu, so befindet er sich auf dem Grate eines langgestreckten Bergrückens, welcher nach beiden Seiten hin ziemlich steil abfällt und rechts das liebliche Lauratal, links die romantischen Schluchten der Pfreimd bildet. Ein Blick über die Landstraße setzt uns in die kampfdurchtoste Vergangenheit unseres Volkes zurück; wir gewahren rings auf den Bergeshöhen als Krönung die trauernden Trümmer einst prangender Burgen; majestätisch vor allen leuchten uns die stolzen Mauern und Türme der alten Stammfeste der vormaligen Landgrafen von Leuchtenberg entgegen, und neben uns läuft die Spur einer alten Handelsstraße, auf welcher einst in den Zeiten regeren Verkehres die Landgrafen den Kaufleuten das Geleit zu geben pflegten. Dort auf der Höhe, hart an der Straße, steht zu linker Hand ein einsamer Baum, eine Steinlinde**). Vor ihr befindet sich ein kleiner Teich; hinter ihr ein Einödhof. Hier weht der Wind Sommer und Winter, Tag und Nacht gleich kalt; oft wird er zum heulenden Sturme, und grollender Donner mischt sich mit ihm. Nimmer ruhen die Blätter des Baumes; sie zittern fortwährend und teilen das Schaudern, welches den einsamen Wanderer überfällt. Darum heißt der Ort "beim kalten Baume". Der letztere selbst aber ragt an 80 Fuß auf und breitet seine Krone dankbar über das Wasser, welches ihn nährt und tränkt. In alter Zeit war der Baum ein Doppelbaum; jetzt steht nur noch die Hälfte von ihm. Der Stamm ist ausgefault; er bildet eine Nische, groß genug, um mehrere Menschen in sich aufzunehmen. Der Sage nach hat ihn die von der Aureole der Volkstradition umstrahlte Heidenjungfrau Sibylla Weis gepflanzt; sie hat ihm auch eine Weissagung gegeben; denn sie hat verkündet, daß, wenn einst einer seiner Äste stark genug sein werde, um einen geharnischten Ritter samt seinem Rosse zu tragen, die Feinde aus Ost und West in zahllosen Haufen hier zusammenkommen werden. Sie werden dann eine Schlacht schlagen, welche bis zur Mitternachtstunde währen wird. Ist sie vorüber, dann wird das Blut in so gewaltigen Strömen sich nach Norden hin ergießen, daß es die Mühle im Tale bei Lind treibt. Deshalb heißt jener "kalte Baum" wohl auch der "Schlachtenbaum". Andere nach nennen ihn hochfeierlich und mysteriös "den Baum, den niemand kennt"; es ist ein Dogma unter der Landbevölkerung, daß er bleiben muß, bis alles Bestehende zugrunde geht und das ewige Reich des Friedens beginnt. Man weiß auch, daß es die Türken sind, welche in der großen Schlacht beim kalten Baume besiegt werden sollen. Die Rosse der Heiden werden zerrissen und blutend den Boden bedecken, so weit das Auge reicht, und der Leichenduft wird eine Pest verbreiten, wie sie die Welt noch nimmer erlebt hat. Dieselbe entvölkert die schöne Pfalz an der Donau; Volk und Vieh fällt ihr bis auf das letzte Haupt zum Opfer. Endlich wird ein Hirt aus weiter Ferne heranziehen und in dem "kalten Baume" Wohnung nehmen; seine Nachkommenschaft wird dann das Land aufs neue bevölkern und dasselbe fortan in seligem Frieden und dauerndem Wohlstande besitzen. Als Vorzeichen der letzten Schlacht aber gilt es, daß um den kalten Baum drei Höfe entstehen. Ein Einödhof war, wie wir sagten, schon seit alter Zeit da; am Schlusse der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts soll sich bereits ein zweiter Bauer neben dem Wirte der Einöde niedergelassen haben.

*) Schwebel, Oskar, Tod und ewiges Leben im deutschen Volksglauben, Minden i. Westf., 1887, S. 362.
*) Steinlinde ist die kleinblättrige Linde, Winterlinde, Berglinde, Waldlinde, Spätlinde, Tilia cordata (= Tilia parvifolia, ulmifolia) im Gegensatz zur großblättrigen Linde, Sommerlinde, Mailinde, Frühlinde, Wasserlinde, Mooslinde, Tilia platyphylla (= T. grandifolia).

Woher aber der Name "der kalte Baum" gekommen sei, das weiß man noch anders zu deuten als aus den klimatischen Verhältnissen dieser sturmumwehten, unwirtlichen Höhe. Man erzählt nämlich hier auch die Sage von einer Landgräfin von Leuchtenberg, welche einem Pfalzgrafen von Sulzbach zuliebe ihre Kinder ermordete. Diese Gräfin nämlich, welche aus einer ersten Ehe zwei Kinder besaß, wurde von einer ungestümen Leidenschaft für den ritterlichen Sulzbacher ergriffen, welche dieser aber keineswegs erwiderte. In ihren Kindern sah die Unselige verblendet das Hindernis, welches zwischen ihr und dem Geliebten sich erhob. In ihrer Leidenschaft tötete sie ihre Kinder. Allein gerade durch den geliebten, heißgeliebten Sulzbacher Herrn wurde das verbrecherische, erbarmungslose Weib zur Rechenschaft gezogen. Auf jener Stätte, auf welcher jetzt der kalte Baum steht, durchstach der Pfalzgraf die Landgräfin mit dem Schwerte; dort grub er ihr das einsame Grab. Da, bei dem Schaufeln war's, daß ihm ein Samenkorn, welches er aus dem heiligen Lande mitgebracht hatte, unversehens in der Gräfin Gruft fiel, und so erwuchs aus dem kalten Herzen der Kindesmörderin der kalte Baum, der fremde Baum aus weiter Ferne, den niemand hierzulande kennt.

***

In der alten deutschen Blumensprache heißt es: "Wer Eichenblätter trägt, zeigt dadurch seine Festigkeit an und daß niemand seinen Willen brechen könne. Wem aber von seiner Liebsten empfohlen wird, Eichenlaub zu tragen, vor dem mag man sich hüten, mit diesem darf man sich keinen Scherz erlauben." Die in den Kriegen erbeuteten Waffen und Rüstungen wurden an Eichen aufgehängt. Wir verstehen nun, warum sich unsere Krieger auch heute noch, wenn sie in den Kampf ziehen, mit Eichenlaub schmücken. Ähnliche Kraft wurde auch den Äpfeln zugesprochen. Iduna besaß Äpfel, die von ihrer Dienerin Fylla in dem Schrein Esk herumgetragen und den Helden bei ihrem Eintritt in die Walhalla dargereicht wurden.

Eine alte Eiche in Alonville wurde von Wilhelm dem Eroberer gepflanzt.

Bis in unsere Zeit stand die Wallensteineiche bei Stralsund. Unter diesem Baum saß einst der Feldherr bei der Belagerung jener Stadt, als eine Kugel ihm ein Glas voll Wein vor dem Munde zerschlug. Hierin sah der abergläubische Mann ein Zeichen, daß er die Stadt nicht erobern werde und hob infolgedessen die Belagerung auf, mit der er die Zeit vom 13. Mai bis 24. Juli 1628 erfolglos verbracht hatte.

Die Wallensteineiche im Schloßparke zu Scheibenreut, die noch heute in voller Frische prangt, ist der einzige lebendige Zeuge des letzten Marsches, der der Todesmarsch des berühmten Friedländers sein sollte. Die alte Straße oberhalb des Schlosses und des Hofes Scheibenreut führt dicht an dieser Eiche vorüber. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, die Größenverhältnisse dieses Baumes zu erfahren. Die Schafthöhe ist 2,75 Meter; im Grunde genommen, übertreffen in dieser Beziehung andere wegen ihrer Größe und Höhe die berühmte Eiche. Der Umfang an der Wurzel beträgt 7,10 Meter, bei Beginn der Ästebildung 5,40 Meter. Sechs mächtige Äste, von denen jeder am Grunde den Mindestumfang von 2,50 bis 2,75 Meter hat, also hundertjährigen Bäumen gleichen, ragen hoch in die Luft und zeugen von der Kraftfülle des Baumes. Die Wallensteineiche überschattet eine Fläche von 384 Quadratmeter in der Linie Süd-Nord 16 Meter und Ost-West 24 Meter. Die Höhe ist 18 Meter. Das Alter unserer Wallensteineiche wird auf mehr wie 450 Jahre geschätzt. Sie war daher zur Zeit Wallensteins bereits ein ansehnlicher Baum. Das eigentliche Egerland hat wohl weiter keine derartige Eiche von solcher Größe und geschichtlicher Bedeutung aufzuweisen.

In Hauffs "Lichtenstein" wird der Hutteneiche gedacht:

Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,
Gar breit in den Ästen und hochgestalt;
Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn;
Dort hing der Herzog den Hutten dran.

Eine schöne alte Eichengruppe bei Bazin im Cskukárder Tale führt den Namen Rákóczys Eichen. Rákóczys Soldaten haben unter ihnen ihr Lager aufgeschlagen und die Gefallenen der Baziner Schlacht sind bei diesen Eichen bestattet.

Im Siebenjährigen Kriege ließ ein französischer General eine Wache zur "schönen Eiche" bei Harreshausen i. H. stellen, um sie vor Schädigung durch die vorüberziehenden Truppen zu bewahren. Er sandte auch Samen der "schönen Eiche" nach Frankreich, damit in seiner Heimat Anbauversuche unternommen würden.

Die Drei-Kaiser-Eiche steht in der Nähe von Kattowitz in Preußisch-Schlesien, wo Deutschland, Österreich und Rußland aneinandergrenzen und wo vor dem Weltkriege oft freundliche Nachbarbegegnungen stattgefunden haben.

Im März 1914 erschien einer Frau im Traume eine mächtige deutsche Reichseiche, die alte Männer, Frauen und Kinder, aber keine junge Männer umstanden und von der unaufhörlich Trauerflor herabwehte *).

*) Lomer, Der Traumspiegel, Bilder und Wahrheiten, ein Traumbuch auf wissenschaftlicher Grundlage, München, 1918.

Eiche, Sagenpflanzen
Eiche.
Nach einer Zeichnung von E. Heyn, in Roßmäßlers "Wald", 1861.

Nach Müllers "Siebenbürgischen Sagen" kündigt sich der Weltuntergang durch Völlerei der Menschen und ungewöhnliche Üppigkeit der Felder an. Niemand werde da sein zur Ernte, denn ein schrecklicher allgemeiner Krieg wird entstehen, bis ein großer Herrscher aus dem Morgenlande dem Kampfe ein Ende machen wird. Zum Schlusse werden die Übrigbleibenden im Schatten eines mächtigen Eichbaumes Platz haben. Mit Spuren aus der Türkenzeit ist hier die Messiaserwartung verbunden.

Platane , Sagenpflanzen
Platane Gottfried v. Bouillons bei Bujukdere.
Nach Photographie. (Vgl. Text S. 46.)

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Mit dem uralten Birnbaum von Chorinchen in der Mark Brandenburg ist die Vorstellung von der letzten Schlacht (siehe unten) mit Motiven der Faustsage verknüpft.

Graf Eberhard von Württemberg hat im Jahre 1468 einen Weißdornzweig vom heiligen Grabe mitgebracht und im Klostergarten zu Einsiedel angepflanzt, wo er sich allgemach so entwickelte, daß seine Äste auf vierundzwanzig Steinsäulen ruhten.

Der Herr war alt und blaß,
Das Reislein war ein Baum,
Darunter oftmals saß
Der Greis im tiefen Traum.

Die Wölbung hoch und breit
Mit sanftem Rauschen mahnt
Ihn an die alte Zeit
Und an das ferne Land.
(Uhland)

Ein Student aus Trenta hatte die Vision, daß dereinst von Westen Feindesscharen mit Bocksbärten in das Gebiet von Tolmein, talabwärts von Karfreit am Isonzo, einbrechen werden. Nach völliger Verwüstung würden sie alle Männer fortführen, sobald die Zurückbleibenden nach der letzten Schlacht im Schatten eines einzigen Nußbaumes Platz fänden. Dies war nach de Mailly (Wien) die Franzosenzeit um die Wende des 19. Jahrhunderts.

AIs die beiden Heere des Herzogs Albrecht von Preußen und Erichs des Jüngeren von Braunschweig 1563 untätig sich an den Ufern der Weichsel gegenüberlagen und sich die Zeit mit Nüssepflücken vertrieben, sprach man von einem Nußkrieg.

In Wittstock in der Mark wird eine altersmorsche Pappel mit dem schwedischen General Baner in Verbindung gebracht, der vom Baume aus die Schlacht geleitet hat.

An der Stelle, wo der deutsche Freiheitsheld Theodor Körner im Jahre 1813 fiel, an der Straße von Gadebusch nach Schwerin, stand Jahrzehnte hindurch die sogenannte Körner-Tanne. Als der Baum gefällt werden mußte, ließ die Besitzerin der Liegenschaft, Fräulein Grieffenhagen, aus dem Holze eine Reihe von Körner-Andenken machen, die sich nunmehr im Körner-Museum in Dresden befinden.

Alte Platane, Sagenpflanzen
Alte Platane von Cannosa, Dalmatien. (Vgl. Text S. 46.)

Die historische Ulme von Gisora in Frankreich, Departement de l'Eure, die kaum acht Männer umspannen konnten, wurde unter Philipp II. Regierung im Kriege gegen Heinrich II. von den erbitterten französischen Soldaten umgehauen.

Zu den uralten Ulmen oder Rüstern gehört auch jene vor dem Städtchen Göllheim in der Pfalz. Sie beschattet das Denkmal Adolfs von Nassau. Ob der Baum anno 1298, zur Zeit der Schlacht, in der am 2. Juli Kaiser Adolf fiel, schon stand, ist nicht erwiesen. Vielleicht wurde sie später zur Erinnerung an den Kaiser gepflanzt.

In den Vereinigten Staaten Nordamerikas gilt die Ulme als Freiheitsbaum seit die Bewohner Bostons im Jahre 1765, als sie sich gegen die von England verlangten Steuern auflehnten, die Bilder der Steuerbeamten an einen solchen Baum nagelten und unter ihm den Eid leisteten, sich vom englischen Joche frei zu machen.

An die den Germanen als Weltbaum so wichtige Esche knüpft sich ähnlich wie an andere Bäume, die Sage von der großen Schlacht am Ende aller Dinge. Mitten in Holstein auf dem Kirchhof zu Nortorf wächst jedes Jahr ein kleiner Eschensproß. In der Neujahrsnacht kommt ein weißer Reiter auf einem Schimmel, um den jungen Trieb umzuhauen. In gleicher Zeit naht aber auch auf einem Rappen ein schwarzer Reiter und sucht dieses zu hindern. Bis jetzt ist der lichte Reiter stets Sieger geblieben. Einst wird das aber nicht der Fall sein, und die junge Esche wird mächtig emporwachsen. Ist sie so stark, daß man an ihr ein Pferd binden kann, so kommt der König und wird Gericht halten (der Weltrichter am Ende der Welt).

Unter dem Ahorn, der zehn Meter Umfang erreichte, am Eingange des Dorfes Trons in Graubünden leisteten die ersten Schweizer Eidgenossen den Schwur zur Befreiung ihres Vaterlandes.

Zwei alte Roßkastanienbäume (Aesculus Hippocastanum), von denen der eine im Jahre 1906 einen Umfang von 177, der andere eine solche von 194 cm hatte, stehen beim Kilometerstein 13,1 der von Charlottenburg über den Bock nach Spandau führenden Straße, einen halben Schritt weit hinter den übrigen Chausseebäumen. Die Bäume sollen zur Erinnerung an die Beschießung der Festung Spandau durch die Franzosen im Jahre 1806 gepflanzt worden sein. An derselben Stelle hielt 1813 eine preußische Batterie und brachte die Pulverkammer der damals französischen Zitadelle zur Explosion.

Die Pfarrgemeinde Altenmarkt wird in der Prozessionskirche von St. Johann mit einem Wacholderstrauch eingesprengt. Zur Erinnerung an den Ausspruch des türkischen Führers, dem ein Kärntner Soldat den Bissen vom Munde weggeschossen hatte: "Solange dies Kirchlein im Kranabeth (Wacholder) steht, werden die Türken es nicht mehr sehen."

Im Tal von Bujukdere bei Konstantinopel stand nach nach Jahrhunderten eine stattliche Gruppe zusammengewachsener Platanen, unter denen im Jahre 1096 Gottfried von Bouillon mit dem Kreuzheer gelagert haben soll. Eine dieser Platanen wurde von De Candolle auf 4000 Jahre geschätzt.

Unter der alten Janitscharenplatane in Konstantinopel, die noch heute, wenn auch mit ausgehöhlten Stamme steht, pflegten sich der Tradition nach die Kerntruppen des Sultans zu versammeln. Zwei schönwüchsige alte Platanen aus Dalmatien und Südtirol führen wir im Bilde vor.

Platane in Südtirol, Sagenpflanzen
Platane in Südtirol.
Nach Photographie.

Auch anderwärts erheben sich besonders stattliche Platanen. So steht auch am Genfer See in Cully, eine Platane in herrlicher Naturwüchsigkeit mit weithinreichenden Armen am Ufer; sie wäre wert, daß ihr ein moderner Xerxes einen Wächter bestelle.

In der unweit vom Lago Maggiore gelegenen Ortschaft Somma Lombarda steht eine Zypresse, die nach Aussagen von Sachverständigen schon zu Julius Cäsars Zeiten gestanden habe. An ihrem
Stamm, so weiß die Sage zu melden, soll Franz I. nach seiner Niederlage vor Pavia im Jahre 1525 sein Schwert zerschmettert haben. Der Umfang des Stammes mißt mehr als 5 1/2 Meter. Die Krone beschattet einen Kreis mit dem Durchmesser von 20 Metern im Umfang. Die Höhe des Baumes übersteigt 30 Meter. Die Belaubung ist frisch und voll. Vor einem halben Jahrhundert schlug der Blitz in den ehrwürdigen Baum ein, ohne jedoch erheblichen Schaden anzurichten. Eine lateinische Inschrift erinnert den Vorübergehenden an das außerordentlich hohe Alter des sagenumwobenen Baumes, der als ältester in ganz Italien angesehen wird.

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Auch das klassische Altertum hatte schon seine mit berühmten Heerführern in Verbindung gebrachten Bäume.

Herodot erzählt (VII, 31) von einer besonders großen und schönen Platane in Lydien, die der Perserkönig Xerxes*) auf seinem Heereszuge, nach Überschreitung des Mäander, mit goldenem Zierat schmücken und von einem der zehntausend "Unsterblichen" bewachen ließ. Dagegen wurde ein Orakelbaum von Mohammed bei der Eroberung von Mekka umgehauen und verbrannt.

*) Nicht, wie irrtümlich in Hermann Wagners vielverbreiteter "Malerischer Botanik", 2. Aufl., Leipzig 1872, I, S. 782 zu lesen ist: Alexander der Große.

Alexander der Große soll mit seinem ganzen Heere im Schatten eines riesigen indischen Banyanenfeigenbaumes (Ficus bengalensis) gerastet haben, der durch seine mächtige Entwicklung mit den säulenähnlichen, den Ästen entspringenden Stützwurzeln einen so charakteristischen Anblick bietet. Unser Bild zeigt eine zweite riesenhaft auftretende Art dieser Gattung, den auch als Zimmerpflanze sehr verbreiteten Gummibaum (Ficus elastica) mit Bretterwurzeln.

Gummibaum, Sagenpflanzen
Gummibaum (Ficus elastica) mit Bretterwurzeln.



Nach Sizilien und Spanien haben die Eroberungszüge der Araber die Dattelpalme gebracht. Der Gründer des Kalifats von Cordoba ließ im Jahre 756 die erste Dattelpalme bei der Stadt pflanzen und von ihr sollen alle spanischen Palmen abstammen. Der Kalif Abderrahman Ben Moavia hat den historischen Baum in einem Gedicht apostrophiert, das Graf Friedrich Schack übersetzte und das also beginnt:

Du, o Palme, bist ein Fremdling
So wie ich in diesem Lande,
Bist ein Fremdling hier im Westen,
Fern von deiner Heimat Strande!
Weine drum! Allein der Stamm,
Wie vermöchte er zu weinen?
Nein, er weiß von keinem Gram,
Keinem Kummer gleich dem meinen.
Aber könnte er empfinden,
O, er würde sich mit Tränen
Nach des Ostens Palmenhainen
Und des Euphrats Wellen sehnen.
Nicht gedenkt er des, und ich,
Fast vergaß ich meiner Lieben,
Seit der Haß auf Abbas Söhne
Aus der Heimat mich vertrieben.


Dattelpalmen, Sagenpflanzen
Dattelpalmen in Elche (Spanien).
Nach Photographie. (Vgl. Text S. 48.)

Im Jahre 1908 ist eine der merkwürdigsten Sehenswürdigkeiten, die in der Umgebung der mexikanischen Hauptstadt bei Oaxaca existierten, durch Feuer zerstört worden. Es war dies eine uralte, vollständig mit Moos und Überpflanzen bedeckte Sumpfzypresse (Taxodium mexicanum), die den Touristen, die das Land im vorigen Jahrhundert durchstreiften, schon unter dem eigentümlichen Namen "Baum der traurigen Nacht" bekannt war. Eine Sage, die im Volke noch fortlebt, erzählt, daß der berühmte spanische Eroberer Ferdinand Cortez am 1. Juli 1520, nachdem ihn das Heer der Azteken bis dorthin zurückgedrängt, unter diesem Baumriesen, der 20 Meter Stammumfang erreicht hat, sein Nachtquartier aufgeschlagen und geweint habe. Trotz der sorgfältigen Nachforschung seitens der Regierung, die ihn wie ein Kleinod hütete, ist nicht erwiesen, ob das Feuer in böser Absicht angelegt worden oder ob es aus einem unglücklichen Zufalle hervorgegangen ist. Wenn man den Angaben mexikanischer Botaniker Glauben schenken kann, so gehörte diese Zypresse zu den stärksten und ältesten Bäumen, welche unser Planet jemals hervorgebracht hat. Decandolle schätzte sein Alter auf 6000 Jahre. Ein überseeisches Gelehrten-Komitee schickte einen Abschnitt des Nebenstammes nach dem Marine-Museum in Madrid, wo er zur Erinnerung an Spaniens berühmtesten Eroberer aufbewahrt wird.

Quelle: Sagenpflanzen und Pflanzensagen, Dr. E. M. Kronfeld, Leipzig 1919, S. 30ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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