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I. Heldenblumen, Heldenbäume.

Im Weltkriege ist zu Beginn 1916 der Aufstand der Iren gegen die Engländer blutig niedergeworfen worden. Das Schicksal der aufopferungsvollen Nationalführer war geeignet, die Tage des Aufstandes von 1798 wachzurufen, die Thomas Moore die Stimmung zu seinen berühmten "Irischen Melodien" gegeben haben. Eines dieser wehmutsvollen Gedichte ist Robert Emmet gewidmet, der den Henkerstod erdulden mußte und lautet:

O haucht den Namen nicht! Schatten ihn deckt,
Wo seine Gebeine hingestreckt.
Stumm rinne die Träne und dunkel herab,
Wie Nachttau badet ein ehrlos Grab.
Doch hell um den Schäfer grüne das Gras,
Wo blinkte der Träne schweigendes Naß.
Wo diese heimlichen Tropfen sprühn,
Sprießt der Erinnerung Immergrün.

Nach der Legende erblühten an den Dornen, in denen der heilige Dominikus sich zu seines Leibes Kasteiung wälzte, rote Rosen. Nach der Sage des Volkes soll die zierlichste Bürgerin des deutschen Waldes, die liebliche Hunds- oder Heckenrose, besonders an solchen Orten gerne wachsen, wo früher Opfer- oder Begräbnisstätten waren, emporblühend aus dem Blute der Gerichteten. Auch die roten Punkte auf den Zweigen der Rostrose sollen von dem Blute des Heilandes herrühren, wie die Moosrose einer Legende zufolge aus einem Tropfen von Christi Blut entstand, der ins Moos herniederfiel.

Die reine Seele atmet nach dem Volksglauben auch unter der Scholle fort. Zum Zeugnis dessen kommen aus den Gräbern der Heiligen Blüten hervor, wie die Legende vom heiligen Marianus, dem heiligen Vitalis und Eusebius berichtet. Mitten im Winter erscheinen über den Hügeln des Alexander Martyr, des heiligen Rufin und der heiligen Viktoria frische Rosen. Aus St. Joscios Munde wachsen fünf Rosen mit den Buchstaben Maria. Namentlich aus den Gräbern unglücklich Liebender sprießen Blumen der Versöhnung.

Es wuchsen Lilien auf beider Grabe,
Sie wuchsen zusammen mit jedem Blatt,

heißt es in einem schwedischen Liede und im englischen Sang von "schön Margaret und William":

Aus ihrer Brust eine Rose entsprang,
Eine Linde aus der seinen.
Man sah sie oben am Kirchturmknauf
Sich zum Liebesknoten vereinen.

Aus Julius Mosens Gedicht

Die Grabblume

spricht ein ähnlicher Gedanke:

Sie tat die großen braunen Augen zu,
Zwölf Mägdlein trugen sie zur Ruh,
Und Englein, glänzend in Silber,
Gingen mit Fahnen und Lichtern voran.

Aus dem Kirchenfenster vom Altar herab
Fällt der Kerzenschein auf das grüne Grab.
Da wächst heraus eine Blume rot,
Die überwunden den bittern Tod.

Es kommt ein Ritter frisch im Mut,
Der steckt die Blume auf seinen Hut
Und reitet hinaus in die blaue Fern!
Entgegen dem goldenen Morgenstern.

Auch über den Gräbern von Tristan und Isolde schließen sich die grünenden und blühenden Ranken zusammen. Die portugiesische Romanze vom Grafen Nillo erzählt:

Aus dem Grab des Grafen Nillo
Hob sich ein Zypressenbaum,
Ein Orangenbaum erhob sich
Aus der Königstochter Grab.
Beide wuchsen und mit Kosen
Küßten sich die Wipfel sanft.
"Haut mir ab die beiden Stämme!"
Rief der König; es geschah.
Edles Blut entfloß dem einen,
Königsblut dem andern Stamm,
Und geboren aus dem Blute
Ward ein kosend Taubenpaar.

In Dondangen (Kurland) wuchs an der Stelle, wo der Burgherr in einem Zweikampfe fiel, ein Birkenbäumchen, dessen Stamm nie mehr als einen Zoll dick wurde. Der jüngste Besitzer dieses Schlosses ließ fruchtbare Erde herbeischaffen, allein das Bäumchen starb zum Bedauern aller ab, denn jetzt war die Strafzeit der grünen Jungfrau vorüber, welche zu Dondangen wandelte*).

*) Dr. Ritter v. Perger, Deutsche Pflanzensagen, Stuttgart 1864. 3. 308.

Der Birkensattel von Sankt Lenart in der vormals österreichischen Isonzolandschaft erinnert nach von Mailly*) an einen feindlichen Heerführer, der Altar und Reich verunglimpfen wollte. Der Bösewicht erstickte mit seinen Soldaten im Sumpfe; zum Gedächtnis läuten in der dortigen Kirche jeden Freitag nachmittags die Glocken.

*) Vgl. Anton von Mailly, Mythen, Sagen, Märchen der alten Grenzländer am Isonzo, Hugo Schmidt Verlag, München.

Wie viele Gräber ungenannter Helden der modernen und modernsten Kriege schmücken Bäume! "Ein Kreuz aufs Grab" ist die Titelschrift eines Gedichtes von Karl Weitbrecht, das die Deutsche Kriegszeitung, Stuttgart 1870 und 1871 (I, 112) veröffentlicht:

Am Waldesrande die Tanne
Neigt tief die Zweige herab
Und überschattet ein frisches,
Mit Moos geschmücktes Grab.
Drin haben den jungen Führer
Drei Krieger zur Ruh gebracht,
Zum letzten Schlummer die Stätte
Ihm sorglich zurechtgemacht.
Der lehnt sich über die Schaufel
Und hält die Träne nicht,
Aus herbstlichen Blumen der andre
Ein blasses Kränzlein flicht.
Es zimmert ein Kreuz der dritte
Aus Brettern kunstlos schlicht.
"Wer malt uns darauf den Namen?"
Der bärtige erste spricht.

"Dort drüben im nahen Dorfe,
Da liegt der Hauptmann wund,
Der ist", erwidert der zweite,
"Des Schreibens und Malens kund."
Sie tragen das Kreuz hinüber,
Der Hauptmann hört ihr Begehr:
"Auch du," so seufzt er, "gefallen! -
So bringt das Kreuz denn her!"
Und er hebt sich mühsam im Bette
Und malt mit sorgsamer Hand
Den Namen des toten Kam'raden
Im Grab am Waldesrand.
"So pflanzet das Kreuz auf den Hügel,
Soldaten! Der Tote ist's wert!
Und es klingt ihm wie unsere Grüße,
Wenn der Wind durch die Tanne fährt!
Und mag auch der Regen verwaschen
Den Namen auf dem Holz:
Wir halten ihn treu im Herzen
Und nennen ihn siegesstolz!"

Der freundliche Blumenmythus der Deutschen weiß von der Baldersblume, dem allbekannten Maiglöckchen (Convallaria majalis), zu berichten: Als der mutige Ingo auszog gegen die Römer, da winkte ihm seine Braut, die schöne Jungfrau Berchta, freudig zu. Am nächsten Tage aber wurde der zu Tode getroffene junge Held auf den vom Sturme gebrochenen Zweigen einhergetragen. Berchtas Jammer war grenzenlos. Tagelang saß sie an Ingos einsamem Grabe und ihr blondes wallendes Haar ward von ihren Tränen durchfeuchtet. Heiße Wünsche sendete sie nach Walhall, um eine Botschaft von dem Geliebten zu erflehen, dem sie die Treue über das Grab bewahrte. Dies rührte Gott Balder und zum Trost für die Unglückliche ließ er der irdischen Ruhestätte des Helden das Maiglöckchen entsprießen, das seither Balders Blume geblieben ist.

Die kleine Blume Wegwarte (Cichorium Intybus) ist die beim treuen Harren auf den im Felde gefallenen Bräutigam verwandelte Jungfrau*). Als einstmals die Kriegstrompete durch das Land tönte, stand eine trauernde Jungfrau im kleinen ärmlichen Zimmer, sah ihren Verlobten, welcher der Fahne folgen mußte, mit nassen Augen an und sprach: "Ach, wie ängstlich schlägt mir das Herz, da du von mir gehst; es ist mir, als würde ich dich nimmer wiedersehen. Doch ich will täglich beten für dich, daß dich Gott gesund wiederkehren läßt, vielleicht erbarmt sich der gütige Vater meiner." Schluchzend warf sie sich dem Geliebten noch einmal an das Herz und sandte ihn alsdann in das wilde Kriegsgetümmel. Viele Jahre waren verflossen, ohne daß der Geliebte zurückkam. Eine Kugel hatte ihn in der mörderischen Schlacht jählings niedergestreckt. Jammernd stand währenddes die arme Jungfrau tagelang am Wege und schaute weinend in die Weite, auf die Heimkehr des Vermißten wartend. Die Bekannten, welche ihrem Jammer lange schweigend zugesehen, sprachen endlich: "Gib dein Trauern auf, dein Verlobter ist den Heldentod fürs Vaterland gestorben, er wird und kann nicht heimkommen. Gib du dich dem Leben zurück, indem du deine Hand einem anderen reichst, mit dem du ein sorgenloses Leben führen kannst." Mit beiden Händen abwehrend erwiderte sie:

Eh' ich laß das Weinen stehn,
will ich lieber auf die Wegscheid gehn,
Eine Feldblum' dort zu werden.

Sie blieb auf ihrer einsamen, kummervollen Warte wohl sieben Jahre und glich zuletzt einem Skelett. Da erbarmte sich der Herr ihres übergroßen Leides und verwandelte sie in eine blaue Blume, die Wegwarte am Wege, wo sie noch steht und auf die Rückkehr des Geliebten wartet.

Eine ähnliche Sage läßt Julius Wolff im "Wilden Jäger" von Waldtraut erzählen:

*) C. Rosenkranz, Die Pflanzen im Volksaberglauben, 2. aufl., Leipzig 1896, S. 385.


Sie sieht von ungefähr am Weg
Ein blühend Kraut bescheiden stehen.
"O, Wegwart!" spricht sie, "armes Kind!
Will nimmer noch kein Tag ihn bringen,
Auf den du hoffst in Sonn' und Wind?"
Und wieder fängt sie an zu singen:

Es wartet ein bleiches Jungfräulein
Den Tag und die dunkle Nacht allein
Auf ihren Herzliebsten am Wege.
Wegewart! Wegewart!

Sie spricht: "Und wenn ich hier Wurzeln schlag'
Und warten soll bis zum jüngsten Tag,
Ich warte auf ihn am Wege."
Wegewart! Wegewart!

Vergessen hat sie der wilde Knab',
Und wo sie gewartet, da fand sie ihr Grab,
Ein Blümlein sprießet am Wege.
Wegewart! Wegewart!

Der Sommer kommt, und der Sommer geht,
Der Herbstwind über die Heide weht,
Das Blümlein wartet am Wege.
Wegewart! Wegewart!

Den alten Deutschen war der grüne Rasen mit seinen Blumen würdiger, das Grab eines braven Kriegers zu schmücken, denn ein prunkvolles Denkmal. Tacitus berichtet dies in seiner "Germania": "Über der Grabstätte wölbt sich ein Rasenhügel. Der Denkmäler stolze, türmende Pracht verschmähten sie."

* * *

Der Rosenhag hängt mit Tod und Gericht zusammen und "Hagen" ist der Name des Todesgottes, dem der wilde Rosenstrauch heilig war: Aus Hagen "Hain", Freund Hein als Tröster für jedes Erdenleid. Rote Rosen bedeuten Wunden. Auch von ehrenvollem Kampfe herrührende Narben werden öfters als Rosen bezeichnet. Nicolaus Lenau besingt sie:

Wie des Werbers Augen glühn!
Und wie all die Säbelnarben,
Ehrenröslein purpurfarben,
Ihm auf Stirn und Wange glühn.

Deshalb nannten die mittelalterlichen Dichter das Schlachtfeld "Rosengarten", und der Rosengarten auf der Ebene Ida, der nach altdeutschem Glauben gerade unter dem Orte ewigen Lebens, der Walhalla, lag, war den alten Germanen zugleich Schlachtfeld wie Paradiesgarten.

In der Schlacht von St. Jakob an der Birs sprach Herr Burkhard Münch, Ritter von Basel und Marschall des französischen Dauphins: "Nun baden wir in Rosen frei!" und meinte damit der Schweizer vergossenes Blut. Dies hörte ein schwerverwundeter Hauptmann aus Uri und ergriff mit letzter Kraft einen Stein. "Da friß eine der Rosen", und tödlich getroffen stürzte der grausame Spötter vom Pferde.
"Die Ros'", sagt das Volkslied, "ward in ihrem Blut zunicht", denn

Wie hängt der Ritter auf dem Roß?
Sein Panzer ist ja rosenrot!
Legt ihn nur auf den Kirchhof fein!
Da wachsen viele Röselein!

Eine rote Rose hat in den großen und blutigen Augusttagen des Jahres 1870 auf König Wilhelm einen tiefen Eindruck gemacht. "Als ich am 19. August vom Schlachtfelde über Gorze nach Pont a Mousson zurückfuhr und in dem überfüllten Gorze einen Augenblick anhalten mußte," so erzählte er seinem Vorleser Schneider, "überreichte man mir eine wunderschöne rote Rose, soviel ich in dem unglaublichen Lärm und der Verwirrung hören konnte, von einem schwerverwundeten Offizier, welcher, in einem Hause liegend, von meinem Vorüberfahren gehört hatte. Leider habe ich seinen Namen nicht deutlich verstanden. Erkundigen Sie sich doch, wer mir dieses sinnige, bedeutungsvolle Geschenk gemacht hat." Schneider erkundigte sich nach dem Spender und erfuhr, daß der Offizier, der dem vorüberfahrenden König aus seinem Bauernstübchen die rote Rose als Siegesgruß gesandt hatte, ein Hauptmann von Zedtwitz war. Der Herrscher hat diese rührende Aufmerksamkeit nicht vergessen. Als der Frieden wieder in die deutschen Lande eingekehrt war, erinnerte sich der Kaiser zu Weihnachten dieser Gabe und schrieb am 22. Dezember 1871 dem Offizier einen eigenhändigen Brief, der also lautete: "In dankbarer Erinnerung an den mir unvergeßlichen Augenblick, wo Sie, schwer verwundet in Gorze am 19. August 1870, mir eine Rose nachsandten, als ich, Sie nicht kennend, an Ihrem Schmerzenslager vorübergefahren war, sende ich Ihnen das beikommende Bild, damit noch in späteren Zeiten man wisse, wie Sie in solchem Moment Ihres Königs gedachten und wie dankbar er Ihnen bleibt!" Das Erinnerungsbild, das von J. Zeyß gemalt war, zeigte auf einem Gedenkstein mit der Inschrift: "Gorze, den 19. August 1870" eine schwarz-weiß-rote Fahne, die den Stein rechts zur Hälfte bedeckt, während die schwarz-silberne Fahnentroddel die linke Seite einnimmt. In der Mitte steht ein Infanteriehelm, mit dichtem Eichenkranz umwunden, auf dessen Blättern man Tränen sieht, und an den Helm ist das Eiserne Kreuz nebst Band gelehnt. Das Gemälde befand sich in einem prächtigen goldenen Rahmen, auf dem oben eine in mattem Silber getriebene Rose anggebracht war.

In einem ungarischen Soldatenlied heißt es:

Jetzt ist Rosenblütezeit, mein liebes Kind,
Unserer lieben Heimat Flagge weht im Wind.
Viele Burschen schwuren ihr den heiligen Eid,
Unser Ungarland hat Rosenblütezeit.
Geschütze donnern, der Tod schleicht sich heran.
Gute Nacht, wenn er dich erfassen kann.
Doch hundertfach stirbt der, den zitternd er fand,
Drum vorwärts immer fürs Vaterland.
Unter dem Fuße das Gras blutigrot,
Mein Kamerad fand hier den Tod.
Will auch selber nicht hinter ihm stehn,
Sondern als erster ins Feuer gehn.

Als Manfred der Hohenstaufe am 22. Februar 1266 bei Benevent gefallen war, ließ sein unedelmütiger Gegner, Karl von Anjou, den Leichnam abseits vom Wege nahe bei der Brücke über den Fluß Calore unter Dorngestrüpp vergraben. Sechs Jahre später träumte dem Thronräuber, Manfred stände an seinem Bette und spräche drohend: "Anjou, dein Reich wird spurlos untergehen, bald ruhe ich in freiem Land." Da befahl König Karl, die Leiche auszugraben und ins Meer zu werfen. Aber die Schergen kamen zurück:

"Herr," sprachen sie, "mag uns dein Zorn verschlingen -
Wir können diesen König dir nicht bringen!
Ein Dornbusch, wie du weißt, stand an dem Ort:
Der muß gewesen sein von wilden Rosen,
Denn unabsehbar jetzt im Lenzwind kosen
vieltausend, tausend Rosen dort.

,Den Wald der Rosen' nennt den Ort die Menge:
Unscheinbar wogt das duft'ge Strauchgedränge!
Unmöglich ward, daß man das Grab erkennt." -
Lang ist des Anjou blutig Reich zerfallen;
Um Manfred singt ein Heer von Nachtigallen
Im "Rosenwald" bei Benevent.
(Felix Dahn.)

Von dem im Weltkriege 1917 jung gefallenen Rudolf Bernreiter wurde in Graz eine Gedichtsammlung "Rosenzeit" veröffentlicht, aus der das folgende Lied stammt:

Es blühen viel Rosen im Garten,
So dunkel und rot wie das Blut,
Sie treiben im Schutze der Liebe
Die treulich gehüteten Triebe
Zu jauchzender, duftender Glut.

Es blühen viel Rosen im Garten
Zur duftenden Schönheit hinan -
Und blühen und Keimen und sprießen,
Sie sollen den Liebsten begrüßen,
Der heimkommt vom blutigen Plan.

Es blühen viel Rosen im Garten,
Zur Freude des Liebsten bestellt;
Sie blühen vergebens und streben,
Der Liebste ist nicht mehr am Leben -
Ist tot und begraben im Feld.

Auf dem Birrfelde im Aargau steht ein großer Dornstrauch der wilden Rosen oder des Weißdorns (Crataegus oxyacantha). Wenn der einmal welkt, entsteht eine Schlacht, so furchtbar und blutig, daß das rinnende Blut der Erschlagenen drei Tage lang die Mühle bei Mühlingen treibt. Das Rot der Rosen ist hier der Sage nach wieder ein Zeichen für Blut*).

*) Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau, 1856. Vgl S. 80.

In Paris schlug nach der Bluthochzeit am 24. August 1572 auf dem Kirchhofe der Unschuldigen ein Rosenstrauch, der lange Jahre welk gestanden hatte, plötzlich aus und zeitigte viele Blüten. Die Katholiken glaubten darin eine himmlische Bestätigung ihrer Tat zu erkennen, die Hugenotten erklärten, der Strauch blühe für die unglücklichen Opfer.

Nach einer litauischen Sage wurde eines Fürsten fromme Tochter samt ihren Frauen in leuchtende, weiße Blüten von Seerosen verwandelt, die still auf der kristallenen Flut des Switez-Sees schwebten, als die rohen Russen sengend und mordend in die Burg einbrachen. Keines Feindes Wildheit konnte den schneeigen Kelchen nahen.

Pfingstrosen heißen in Oberösterreich Blutrosen und werden zum Schmuck der Frohnleichnamsaltäre verwendet.

Wirkliche Schicksalsbedeutung gewinnt die Rose im Kampfe der Häuser York und Lancaster. Die Kämpfe der roten und weißen Rose (1399 bis 1486) sind historisch. Shakespeare wußte, was die beiden Rosen jedem Engländer waren. "Heinrich VI." (1. Teil, 2. Akt) macht uns zu Zeugen des verhängnisvollen Momentes, da York die weiße, Lancaster die rote Rose wählt:

Plantagenet *):
Es pflückt, wer als echter Edelmann
Auf seiner Herkunft Ehre hält - wofern
Er glaubt, daß ich die Wahrheit sprach - mit mir
Von diesem Strauch hier eine weiße Rose.

Sommerset:
Dann pflücke, wer kein Feigling ist, noch Schmeichler
Und kühn es mit der Wahrheit hält - mit mir
Von diesem Dorn hier eine rote Rose.

Warwick:
Ich hasse Schminke, und so pflück' ich denn
Ganz ohne Schminke niederer Schmeichelei
Hier mit Plantagenet die weiße Rose.

*) Name und Wappen der Plantagenet, der Familie, die von 1154 bis 1485 den englischen Thron innehatte, kommt vom Ginster = planta geneta. Der Ahnherr des Geschlechtes, Gottfried V. von Anjou, kehrte mit einem Ginsterzweige am Helm aus dem Morgenlande nach Hause zurück. Da der Ginster wieder zu grünen anfing, pflanzte ihn Gottfried in den Boden.

Im Zeichen der friedlichen Blumen entbrennt nun der unselige Zwist, der unzählige "in Rosen", das ist im Blute waten ließ, achtzig Prinzen tötete. York ruft: "Dann heb' ich die milchweiße Rose hoch, daß sie mit süßem Hauch die Lüfte würzt; dann soll die Wappen Yorks mein Banner führen, zu ringen mit dem Hause Lancaster." ("Heinrich VI", 2. Teil, 1. Akt, 1. Szene.) König Heinrich und sein Gefolge erscheinen, als Richard Plantagenet den Thron besteigt, mit roten Rosen an den Kopfbedeckungen (3. Teil, 1. Akt, 1. Szene). Richard ist erbittert. "Ich kann nicht rasten, bis ich die weiße Ros' an meinem Hut in Heinrichs lauem Herzblut rot gefärbt." Vor einem Toten wird Heinrich sich des Unglückes bewußt, welches die beiden Rosen heraufbeschworen:

In seinem Antlitz stehn die beiden Rosen,
Die Unglücksfarben unsrer zwistgen Fürsten:
Der roten gleicht sein purpurn Blut, die weiße
Stellt die bleiche Wange dar. Willst eine
Der Rosen denn, und mag die andre blühn,
Denn neuer Zwist läßt tausend Leben welken.
(2. Akt, 2. Szene.)

Der Tag der blutigen Entscheidung ist vorüber. Richard Plantagenet liegt auf dem Blachfelde. Richmond aus dem Hause Lancaster versöhnt die beiden Rosen: "Vollbringen will ich nun, was ich gelobt; beim heiligen Sakrament: Vereinigt sei hinfort die weiße und die rote Rose und gnädig leuchte diesem schönen Bunde der Himmel, den Zwist so lang erzürnt." (Richard III.)

Erst in unserer Zeit ging der Londoner Rosenstock ("fair and princely flower") ein, von dem der Sage nach die Stifter der fürstlichen Häuser York und Lancaster ihre Parteizeichen gebrochen hatten. Die Gartenkunst hat eine Rose erzielt, die auf einem Strauche weiße und rote Blumen trägt. Die Sorte ist "York und Lancaster" benannt. Es ist nicht unmöglich, daß auch die Urheber der beiden Rosenwappen ihre Blumen von einem Stocke brachen. Rosen verschiedener Farbe an einem Stocke, die durch Aufpfropfung nach Belieben erreicht werden können, kommen gelegentlich von selbst hervor. In abergläubischen Zeiten mag man darin ein Wunder erblickt haben. Wir klugen Nachgeborenen wissen es besser: Es ist nur eine Knospenvariation*).

*) Die Rosa versicolor - "the partie coloured Rose" - bei Parkinson (Paradisi in Sole usw., London 1626, pag. 414), die nach diesem Autor auch York- und Lancaster-Rose heißt, ist auf einer Blüte mit den verschiedenen Farben versehen.

* * *

Die durch ihre Stacheln von allen Seiten bewehrte Distel ist ein Symbol des Unantastbaren, für sich Abgeschlossenen, dem niemand ungestraft sich in feindlicher Absicht nähern darf. Tapfere Ritter haben daher die Distel gern als ein redendes Bild in ihr Wappen aufgenommen. So setzte der König Hugo von Schottland nach seinem Siege über Athelstane im Jahre 940 die Bisamdistel als Symbol der Unverletzlichkeit mit der Umschrift: nemo me impune laeserit (niemand wird mich ungestraft beleidigen) in seinen Schild. Dieses Abzeichen übernahmen später die Stuarts, und Jakob I. stiftete, hierauf Bezug nehmend, den Distel- oder Andreasorden.

"Zum Wappenbilde wählt' ich mir,
Sollt' Wappentier ich tragen,
Kein wild und grimmig Raubgetier,
Davor die Menschen zagen.

Ich setze in das Wappen mein
Die Eberwurz, die Distel;
Die hüllt in Schuppenkelch sich ein
Und zottig Dorngenistel."

Drei Lilien, oder Studentenblume, Narzisse und Rose erheben sich aus dem Grabe der Eltern und ihres Kindes und den Slawen ist der duftige, würzige Thymian auf dem Grabhügel geradezu "Mutterseelchen", das ist die verwandelte und über der harten erbarmungslosen Erde fortatmende Seele der guten Mutter. Durch Annahme einer Transsubstantiation eigener Art läßt also die naive und dabei sinnige Auffassung des Volkes die Seele verstorbener unmittelbar zur Blume werden. "Das ist ja die Rose nicht, ist des Jünglings Seele" bedeutet die Mutter, als das Mädchen vom Grabe ihres Liebsten trauernd eine Rose bringt.
Die Rose schuf Aphrodite nach altgriechischer Meinung aus dem Blute des Adonis oder die Göttin ritzte sich selbst, als sie von dem Tode ihres Lieblings hörte und durch Dornen herbeieilte, den Fuß und ihr Blut verwandelte die weiße in die rote Rose. Im phrygischen Mythus erwächst die Blume von selbst aus dem Blute des Adonis:

Soviel Tränen vergießt die paphische Göttin, als Tropfen
Blutes Adonis; am Boden da werden sie alle zu Blumen,
Rosen erwachsen dem Blut, Anemonen den Tränen der Göttin.

Dieselbe Hyazinthe, die Apollo im Schmerz um seinen durch eine Wurfscheibe getöteten jungen Freund mit dem Wahrzeichen AI AI auf den Blumenblättern aus dem Blute des Erschlagenen wachsen läßt, gemahnt nach altgriechischem Glauben an den streitbaren Ajax, der den Hektor im Kampfe verwundet, viele Feinde niedergestreckt hat, mit Odysseus ringt und sich in Raserei selbst tötet:

. . . das Land, von dem Morde gerötet,
Zeugt aus grünendem Rasen die purpurfarbene Blume,
Die dir früher entkeimt: öbalischer Knab', Hyakinthos.
Eine gemeinsame Schrift, dem Knaben sowohl wie dem Manne,
Ward auf die Blätter geprägt; ihn nennt sie, jenen beklagt sie.

Ohne uns in diesem Zusammenhange mit der noch immer nicht endgültig gelösten Frage zu beschäftigen, ob die altgriechische Hyazinthe mit der von uns darunter verstandenen Zierpflanze Hyacinthus orientalis identisch ist *), haben wir jedenfalls eine auf Jahrtausende zurückgehende Sagenpflanze vor uns, die aus dem Blute eines unschuldig Getöteten emporsprießt und auch ihre heroische Seite hat. Dieses leitet zu den Sagenpflanzen der Schlachtfelder hinüber, jenes schafft die Verbindungsbrücke vom Mythus der Alten zur katholischen Heiligenmystik mit den aus den Gräbern der Gottgeweihten aufsteigenden Blüten.

*) Vergleiche Muhr, Die Pflanzenwelt in der griechischen Mythologie, Innsbruck 1890, Seite 256 bis 259 und: Fischer-Benzon, Altdeutsche Gartenflora, Kiel 1894, Seite 38.

Als Polydeukes den Amykos, Sohn des Poseidon und König eines Volkes auf dem thrazischen Bosporus im Kampfe besiegt und getötet hatte, schmückte er sich und seine Leute zur Sühne mit Lorbeer und pflanzte einen Lorbeerbaum auf das Grab der Gefallenen (Argonautensage).

Auf den Walstätten großer Heldenschlachten war die geheimnisvolle "Vollwurz" zu finden, "um der verstorbenen Seelen willen geheiligt". Sie mußte mit dem besten neugeschliffenen Stahle ausgegraben werden und durfte nie mit der bloßen Hand, namentlich nicht mit der rechten, angefaßt werden. Die runde Wurzel mußte man dann wie ein "Agnus Dei" bei sich tragen, um wundfest zu bleiben. Die Pflanze, um die es sich handelt, läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit feststellen. Es ist der jetzt sogenannte Beinwell (Symphytum officinale), auch Beinwurz oder Walwurzel genannt. Diese Asperifoliazee, deren knotiger, schwarzbrauner Wurzelstock (davon auch der Name Schwarzwurz) früher offizinell und zu Breiumschlägen bei Knochenbrüchen sehr geschätzt war, ist eine bei uns sehr häufige, namentlich an feuchten Stellen vorkommende, hübsch blühende Pflanze. Das Grundwort "well" wäre nach Simrock auf die heilkundigen Walen zu beziehen, nach Hofer wäre es Walze, Welle, vom Rundmachen, Zusammenheilen der Knochen, das bedeutet ja auch das griechische Symphyton. Chevalier ("Der deutsche Mythos im Pflanzenreich") bringt mit den die Schlachthelden begleitenden Walküren die folgenden Pflanzen der Heimat in Verbindung: Walkerbeere (Walkürbeere, Tollkirsche, Atropa Belladonna), Walpurgiskraut (Mondraute, Botrychium Lunaria), Walsamen (kalte Mägde), Walblume (Katzenklee), Kürbeere (Teufelsbeere), Walglocke (Fingerhut, Digitalis), Waleiche, Walendistel (auch Mondwurz), Wiesenwale und die eben besprochene Walwurz oder Vollwurz.

Das altfranzösische Gedicht der Schlacht bei Roncevaux kündet, daß Karl der Große nach dem Tode seines Neffen Roland wohl zu spät kam, um seine Getreuen zu retten, daß er aber den Tod Rolands und seiner Gefährten mit der vollen Niederlage der Sarazenen rächte. Als nun die Toten begraben werden sollten, war es unmöglich, die Toten aus dem ungeheuren Haufen herauszufinden. Da, befahl Karl der Große seinem ganzen Heer inbrünstig zu beten; am anderen Morgen war, wie es in Strickers Gedicht heißt: "durch jeslichen heiden, der da ze tode lac erslagen .... gewahsen ein hagen", also ein Dornbusch durch jeden Sarazenen gewachsen, während bei jeder Christenleiche eine weiße Blume stand ("bi sinem houpte stan eine wize bluome wolgetan").

"Unz die naht ein ende nam
und der villiehte tac quam,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
die kristen waren gescheiden,
betalle von den heiden
und lagen beide sunder.
Zwei ungeliche wunder
sach man an in beiden;
durch jeslichen heiden
der da ze tode lac erslagen
was gewahsen ein hagen,
und waren alle gestalt
als sie waeren sehs jar alt.
Sus lagen die unwerden
gezwicket zu der erden.
Die kristen lagen hindan,
da sach man jeslichem man
bi sinem houpte stan
eine wize bluome wolgetan."

Nach den alten Kräuterbüchern verdankt die Eberwurz (Carlina) schon ihren lateinischen Namen einer kriegerischen Begebenheit. Karl dem Großen sei, als in seinem Heere die Pest ("schwarzer Tod") wütete, im Traum ein Engel erschienen, der einen Pfeil abschoß, dieser sei auf die Eberwurz gefallen und habe so diese als Heilmittel gegen die Krankheit des Heeres bezeichnet. Linné erzählt dasselbe von Karl V., da er mit seinem Heere vor Tunis lag. Die Wurzel der Pflanze reicht senkrecht in die Erde wie ein hineingesteckter Pfeil. Den Bauern dient sie als wichtiges Viehheilmittel.

Im westlichen Galizien erzählt man sich, wie die Wiener Zeitschrift "Am Urquell" (1898) berichtete, eine anziehende Sage von der Auffindung des ersten Veilchens und der Entstehung des Namens dieser vielbesungenen Blume. Einst herrschte vor alter Zeit auf dem polnischen Throne in Krakau ein betagter König, der schon unzählige Kriege mit den umwohnenden Völkern geführt hatte. Als nun wieder ein neuer Krieg ausbrach, fühlte er sich zu einer persönlichen Teilnahme nicht mehr imstande und schickte dafür seinen Sohn Fioleck mit dem Heere aus. Das Prinzlein war noch jung und ein rechtes Muttersöhnchen, das bei der fast ständigen Abwesenheit des kriegerischen Vaters von der Mutter sehr verzogen und verweichlicht worden war, auch seine körperliche Entwicklung ließ daher zu wünschen übrig. Dieser Jüngling zog sehr wider seinen Wunsch in den Krieg und litt unter den ungewohnten Verhältnissen und Strapazen. Als er nun in dem Kriegslager am Flusse Poprad saß, wirkten die Dünste des Lagerfeuers und die vielerlei unangenehmen Gerüche, die eine dichte Masse von Kriegern mit sich bringt, derart auf seine zarten Nerven, daß er in eine tiefe Ohnmacht fiel. Die Mannen erschraken sehr und trugen ihn aus dem Lager fort an einen einsamen Ort am Rande des Waldes, wo sie ihn auf kühlem Rasen betteten. Noch immer wollte er nicht erwachen, und man befürchtete schon, er wäre tot. Da bemerkten die Krieger plötzlich einen starken lieblichen Duft von unbekannter Art, der dem Boden zu entströmen schien. Und siehe! Der Prinz, dem Mißgerüche die Besinnung geraubt hatten, wurde durch den Wohlgeruch wieder erweckt, schlug die Augen auf und kam langsam wieder zu sich. Erstaunt und froh suchte man nach der Herkunft dieses Zauberduftes und fand im Grase bescheiden versteckt eine Menge kleiner, blauer Blümchen, die noch nie jemand zuvor gesehen hatte. Zur Erinnerung daran, daß der Prinz Fioleck seine Gesundheit durch sie wieder erlangt hatte, nannten die Polen sie Fioleck, woraus später der deutsche Namen Veilchen entstanden sein soll. Der Prinz brachte das erste Sträußchen der neuen Blume seiner Mutter, die sie in ihrem Garten einpflanzte und pflegte, und von dort verbreitete sie sich weiter in andere Länder. Soweit die ruthenische Volkssage, natürlich eine echte Sage, an der kaum etwas Wahres ist. Die alten Römer kannten das Veilchen längst. Horaz besingt den Duft der Violen, und von dem lateinischen Namen Viola stammt das deutsche Wort Veilchen her.

Die von den Bourbonen so hochgehaltene Lilie wurde von Chlodwig, dem Gründer des Frankenreiches, zur Wappenblume erkoren. Dazu bewog ihn ein wunderbares Ereignis. Er hatte einen schweren Kampf mit den Alemannen, und seine Soldaten wurden so hart bedrängt, daß sie sich zur Flucht wenden wollten. Da warf er sich auf seine Knie und rief den Gott der Christen an, zu dem ihn seine Gemahlin Chlothilde schon vorher hatte führen wollen. Er flehte zu Christus um den Sieg. Alsbald brachte ihm ein Engel einen Lilienzweig, damit er ihn zu seiner Schutzwaffe mache und auf seine Nachkommen vererbe. Und siehe, die Schlacht wendete sich zu seinem Vorteil. Seine Soldaten faßten von neuem Mut und schlugen den Feind trotz hartnäckiger Gegenwehr in die Flucht.

Ludwig IX. setzte bei seinem Kreuzzug (1248 bis 1254 gegen Ägypten) drei Lilien in sein Banner und in sein Wappen. Das Schwert, das der Jungfrau von Orleans dienen soll, ist an drei goldenen Lilien zu erkennen. Nach der Ansicht Montalemberts soll die Lilie im Wappen der Bourbonen von Franz I. herrühren und ursprünglich keine Lilie, sondern eine Lanzenspitze gewesen sein. Franz I. habe nämlich eine Lanzenspitze, die gerade mitten im Wappen seines Schildes während eines Kampfes stecken geblieben sei, zum Wappenzeichen erwählt.

Vielleicht wird das so sehr volkstümliche Edelweiß *) eine Sagenblume des im Spätsommer 1914 ausgebrochenen Weltkrieges werden. Als die Truppen des 14. österreichischen Korps auszogen, die sich aus Oberösterreich, Salzburg und Tirol rekrutieren, ordnete Erzherzog Josef Ferdinand an, daß sie Edelweiß als Feldzeichen tragen (früher schon hatten es die österreichischen Kaiserjäger an Kappe und Kragen). Die mit den silbernen Blumensternen Geschmückten wurden den Russen bald die gefürchteten "Blumenteufel", und wie das besagte Edelweiß-Korps, so führte die Linzer Infanteriedivision den ihr vom jungen Kaiser Karl erteilten Ehrennamen: Edelweißdivision.

*) Kronfeld, E. M., Das Edelweiß, Wien 1910.

Mit der so gar nicht poetischen Hirse kam sogar der Hirsebreitopf in das Wappen der Friesen. Als diese einmal den Dänen nicht standhielten, beschämten sie die eigenen Frauen, indem sie den Feinden die heiße Grütze ins Gesicht warfen. Ähnliches wird von den Frauen der Städte Drossen und Bernau erzählt:

Der Bernausche heiße Brei
Macht die Mark hussitenfrei. *)

*) Pieper, R., Volksbotanik, Gumbinnen 1897.

Nach der Schlacht bei Sempach am 9. Juli 1386, in der die Eidgenossen, angeblich durch die Selbstaufopferung Arnold Winkelrieds, einen vollständigen Sieg über den niederösterreichischen Adel unter Herzog Leopold errangen, der mit 1400 Edeln den Tod fand, sprossen, besonders an der Stelle, an der Herzog Leopold erschlagen wurde, Blumen empor. Man verwahrte eine solche Blume noch im sechzehnten Jahrhundert im Schloß Tirol in einer Schachtel "auf geleimbten Zettel". Die dabei liegende Urkunde besagte: "Ich Ludovicus zu Käss, Pfarrherr zu Sempach thue kund ... da sein fürstlich Gnad erschlagen und sein Leib erfunden worden, ist desselben jahrs ein großer schöner plumb auf derselben walstatt gefunden und erfunden worden, als ich solches von viel der elteren miner untertanen und kirchgenossen gehört. Und ist der vermeldet plum voll kleiner plumli mit rotten plettlin außwendig und das inwendig pizlin weiß geferbt gesin."

Das sind einige, allerdings schwache Behelfe, an diese Sagenblume wie an den Asra die Frage nach "Name, Heimat und Sippschaft" zu richten. A. Ritter von Perger (Deutsche Pflanzensagen, Stuttgart 1864, Seite 16) erwähnt, daß zu Sempach noch an zwei Stellen solche Blumen aufgefunden wurden. Malleolus Felix sagt, daß eine dieser Blumen von so wunderbarer Schönheit und von so ungewöhnlicher Größe war, wie das noch keines Menschen Sohn gesehen habe, und daß sie zum Andenken in der Kapelle zu Sempach aufbewahrt wurde. Wie sie von dort nach dem Schloß Tirol kam, weiß man nicht.

Vom König Ludwig II., der in der Schlacht bei Mohács am 29. August 1526 fiel, singt das Baranyner Mädchen:

König Ludwig fiel von seinem Roß herab,
In des Csele-Baches Graben ist sein Grab.
Brombeerranken füllen dicht den Csele-Bach,
Unter ihnen todt liegt Ungarns König, ach!

* * *

An die Heereszüge der Römer erinnert das in den Donauauen bei Wien massenhaft vorkommende Wand- oder Glaskraut (Parietaria officinalis), dessen ursprünglicher Standort die Mauern und Wälle der römischen Kastelle waren. Die Blätter werden nun sehr nüchtern zum Glasputzen verwendet.

Nach der zweiten Türkenbelagerung Wiens (1683) blieb das syrische Schnabelschötchen (Euclidium syriacum) zurück, ein Kreuzblütler, dessen Same den Futtersäcken der türkischen Rosse entfallen ist.

Der Feigenbaum auf dem Ofener Blocksberg blieb ein Zeichen der türkischen Herrschaft bis in unsere Zeit. Ferner haben die Türken den anmutigen Flieder (Syringa vulgaris), die Tulpe (deren Blumenform und Name dem "Turban" gleicht), die brennende Liebe (Lychnis chalcedonica), die Päonie (ungarisch basa-rosza = Pascha-Rose), den syrischen Eibisch oder die Türkenrose (Hibiscus syriacus), die Kaiserkrone und Balsamine auf die ungarische Flur versetzt, von wo aus sie den Weg nach dem westlichen Europa gefunden haben.

Franzosenkraut, Sagenpflanzen

Blattumriß des Franzosenkrautes (Galinsoga parviflora).
Hergestellt durch Abdruck des Blattes auf photogr. Papier

Während der Befreiungskriege zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurde das russische Corispermum Marschallii an den Rhein, die orientalische Zackenschote bis nach Paris gebracht. Ebenfalls sollte die jetzt weitverbreitete südamerikanische Wanderpflanze Gängelkraut oder Knopfkraut (Galinsoga parviflora) den Napoleonkriegen ihre erste Verbreitung danken und daher der Name "Franzosenkraut" kommen *). In Wien, wo die interessante Wanderpflanze im Jahre 1864 zum erstenmal auftauchte, ist sie während des Weltkrieges, ebenso in Zusammenhang mit den kühleren, feuchten Sommern wie mit der vernachlässigten Straßenpflege, so häufig geworden, daß sie im Hochsommer 1919 "auf Schritt und Tritt" vorkam. Außer den Brach-Pflanzen Papaver Rhoeas (Klatschmohn), Stachys annuus (Ziest), und Cirsium arvense (Ackerdistel), die der heimischen Flora angehören (siehe unten), sind durch die Truppenbewegungen, Proviant- und Fouragetransporte usw. im Weltkriege interessante Pflanzenvorkommen zur Beobachtung gelangt, die sich auf das Erscheinen ostindischer oder altweltlich-tropischer Arten bezogen, welch letztere gelegentlich schon im Frieden mit Wolle bzw. Ölsaat eingeschleppt zu finden waren. Es wird sich zeigen, ob und welche von diesen durch die fremden Hilfstruppen importierten Pflanzen sich dauernd (etwa in Südfrankreich) als Angehörige der europäischen Flora erhalten, welche wieder verschwinden werden**). Auf jeden Fall sind in der Gefolgschaft des Weltkrieges Pflanzenwanderungen zu verzeichnen.

*) Hegi, Illustr. Flora von Mitteleuropa, VI. Bd., 1. Hälfte, München, S.526, woselbst man auch die Einzelheiten über den Wanderzug dieses Eindringlings in Europa vergleiche.
**) E.M. Kronfeld, Bei Mutter Grün, Wien 1893, Kapitel: "Flora und Klio". - Thellung, Stratiographie (von st?ate?a oder st?at?a = Heer, Kriegszug!), Vierteljahrschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, September 1917.

Um die Straßen für seine Truppen weithin kenntlich zu machen, hat Napoleon besonders im Rheinland und in Westfalen die von Westen nach Osten führenden Chausseen mit der charakteristisch geformten und schnellwüchsigen Pyramidenpappel bepflanzen lassen, die jetzt allerdings immer mehr Obstbäumen weichen muß. Die mittelalterlichen Tartareneinfälle ließen in Mitteleuropa den asiatischen Kalmus (Acorus Calamus) zurück, der seiner warmen Heimat entsprechend bei uns seinen Samen nie ausreift und sich nur durch die Wurzelstöcke vermehrt. Der bekannte auch aus Asien stammende Stechapfel (Datura stramonium) soll während des 30 jährigen Krieges durch die Zigeuner, die ihn noch viel später zu ihren unheimlichen Künsten brauchten, verschleppt worden sein.

Die dem deutschen Gemüt so vertraute Kornblume (Centaurea Cyanus), von der der Dichter singt:

Heil dir, liebliche Blume, bescheidene, die du im Felde,
Sinnbild ländlichen Glücks, zwischen den Ähren erblühst!
Deutschlands edelster Held, des heilige Krone der Lorbeer
Hundertfältig umrauscht, wählte zur Botin dich aus.
Kundtun sollst du dem Volk, daß höher als alle Triumphe
Ihn das stille Gedeihn friedlichen Segens erfreut.
(Geibel.)

kommt in dem Tagebuche vor, das Kronprinz Friedrich Wilhelm im Kriege von 1866 führte. Wir lesen in dem Abschnitte von der Schlacht bei Nachod: "Kolonel Walker machte mich auf die Kornblumen rings um uns aufmerksam, ich steckte mir eine für meine Frau an. Dies schien mir ein gutes Omen sein zu sollen und muß zu der vielfachen Bedeutung jener Blume für uns hinzugerechnet werden."

* * *

Pyramidenpapplen in Ossiach, Sagenpflanzen

Allee von Pyramidenpapplen in Ossiach (Kärnten)
Nach Photographie.

Hierher gehört der für den gewaltigsten aller Kriege, den wir in tiefster Ergriffenheit miterlebten, den im Jahre 1914 ausgebrochenen Weltkrieg beziehungsreiche Birkenbaum in Westfalen, mit dem sich, wie mit dem Birnbaum des Walserfeldes, eigene Kapitel dieses Buches beschäftigen werden.

Ein interessantes Gegenstück zum vielzitierten Birnbaum auf dem Walserfelde ist der Holunderstrauch an der Nortorfer Kirche in Schleswig. Wenn dieser Busch solche Höhe erreicht, daß man ein Pferd unter ihm anbinden kann, so entsteht ein allgemeiner Krieg. Ein König mit weißem Haupte wird dann alle seine Feinde besiegen und ein mächtiges Reich gründen. An den Holunder wird er sein Schlachtroß binden, und das Blut der Walstatt wird bis an die Knöchel reichen. Zur Zeit der Napoleonischen Kriege war dieser Holunder schon so hoch, daß seine Spitze das Kirchendach berührte. Über demselben wollte man zwei sich bekämpfende Heere gesehen haben. Als nun im Jahre 1813 wirklich die Feinde kamen und bei Nortorf ein Gefecht vorfiel, glaubte man, die Prophezeiung würde in Erfüllung gehen, zumal man an den König von Dänemark mit seinem weißen Haar dachte. Die Feinde aber fällten den Holunder eiligst, so daß er nun lange zu wachsen hatte, bis er wieder seine frühere Höhe erreichte.

Als Mainz einst vom Feinde bedrängt wurde, wuchs zum Zeichen, daß bald der Frieden käme, auf einem Stein eine fußhohe Eiche.

Die Türken kommen nach Tirol, wenn auf der Seiseralpe ein Kirschbaum blüht. Sie gehen so weit, als Haselstauden wachsen. Bei Innsbruck entspinnt sich eine große Schlacht. Wenn die Kaiserlichen so wenig sind, daß sie unter einem Baume Platz finden, kommt Hilfe und mit ihr der Sieg.

Eine ganze Reihe von Sagenpflanzen der Schlachtfelder hat gemeinsam, daß ihr Sprossen und Blühen große Ereignisse, insbesondere das der letzten Schlacht *), ankündigt. Aus dem Kyffhäuser oder Untersberg steigen die Krieger auf und Kaiser Friedrich Rotbart (ursprünglich Wotan) hängt seinen Schild an einem dürren Baume auf, der durch sein erneutes Grünen den Kampfbeginn anzeigt. Auf dem Walserfeld beim Untersberg im Salzburgischen, in welchem nach der Sage Karl der Große schläft, steht ein Birnbaum, der schon dreimal abgehauen wurde, der aber immer wieder frisch und kräftig trieb. Seit langem ist er nun dürr und kahl: erst wenn Karl des Großen Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist, wird der Birnbaum von neuem grünen und blühen, und dann wird der Kaiser mit seinen Kriegern aus dem Berg kommen, den Schild an den Baum hängen und eine große Schlacht für das einige große Deutschland schlagen. Und wieder eine Variante der vielzitierten Sage, die uns noch beschäftigen soll (Kap. III), berichtet: Raben fliegen um den Untersberg; solange sie nicht aufhören zu fliegen, bleibt der Kaiser entrückt. Erst wenn der dürre Birnbaum, der auf dem Walserfelde am Fuße des Unterberges steht, wieder grünt, werden die Raben aufhören zu fliegen. Dann bricht der Kaiser mit seinen Helden aus dem Berge hervor, um die letzte gewaltige Schlacht zu schlagen wider den Erbfeind oder den Antichrift, der in jener Zeit die Welt verwüstet.

*) Vgl. Kapitel II, III, IV.

Nicht nur auf dem Walserfelde und an mehreren Orten in Deutschland, sondern auch in Tirol vernehmen wir die Mär von der letzten Schlacht. Dort heißt es nämlich, wenn die Bäume auf der Ulfiswiese bei Innsbruck so kräftig herangewachsen sind, daß man ein Roß daran festbinden kann, so wird daselbst eine große, blutige Schlacht gegen die Schweizer geschlagen werden. Auch hier sollen die streitmüden Degen dereinst bis über die Knie in Blutesströmen waten.

Die wenigen Leute, die im neuen Türkenkriege Tirols übrig bleiben, sollen bei der Voldererbrücke unter einem Lindenbaum oder Holunderbaum zusammenkommen, so in Volders, Voldererberg und Hall. Der Männer werden so viele sterben, daß die Weibsleute um einen Stuhl raufen werden, worauf ein Mann einst gesessen hat. Die Überlebenden aber werden glücklich hausen können und es wird so billig werden, daß man um einen Laib Brot ein ordentliches Heimatl (Anwesen) bekommen wird *).

Als Sieger in der letzten Schlacht erscheint hier ein König Goldener, welchen wir als einen der Herrscher im goldenen Zeitalter aufzufassen haben. Das Haupt von goldenen Locken umwallt, reitet derselbe auf einem dreibeinigen Rosse einher. Auch er wird nach der volkstümlichen Prophezeiung im Kampfe verwundet werden; aber er gewinnt dennoch eine Königstochter, deren Besitz den Sieg verbürgt, und besteigt den Thron eines neuen, beständigen Glückes sich erfreuenden Reiches.

*) Alpenburg, Deutsche Alpensagen, Wien 1861, S. 116, 117.

* * *

Es entsteht die Frage, ob die grausame Realistik des Weltkrieges, den wir in tiefster Ergriffenheit mitmachten, Raum läßt für die Romantik der Sagenpflanzen. Die Frage kann, wie gleich gezeigt werden wird, bejaht werden. Der Wiener Schriftsteller Georg Bittner, der im Sommer 1914 das Amselfeld im vormaligen Wilajet Kosovo des türkischen Serbien besuchte, sah dort eine Staude, die mit einzelnen Exemplaren weiß, mit einzelnen rot blühte. Die ersteren sollen nach dem Volksglauben an die auf diesem historischen Schlachtfelde getöteten Christen, die letzteren an die gefallenen Türken erinnern *). Nach einer mitgebrachten Photographie ist die in zwei Farben blühende stattliche Staude des Amselfeldes später als eine wildwachsende Pfingstrose, und zwar als die schöne Paeonia decora Anderson festgestellt worden. Ihr erster Beschreiber George Anderson sagt in "A Monograph of the Genus Paeonia (Transact. Linn. soc. London, XII. 1818, Seite 273 ff.) bei P. decora "Petala saturate kermesina"; ferner bei der durch schmälere oblonge Blattabschnitte ausgezeichneten Varietät Pallasii: "its flower has a fine deep rose colour, in shape and appearance not unlike that of Papaver somniferum." Wohlgemerkt somniferum, also der helle Gartenmohn, nicht Rhoeas, die sattrote Klatschrose der Äcker. Sollten das nicht, meint Dr. August Ginzberger in Wien, der den Verfasser bei diesen Ermittlungen unterstützt hat, die "weißen" Sagenblüten des Amselfeldes sein?

*) E. M. Kronfeld, Der Krieg im Aberglauben usw., S. 146.

Amselfeld; Sagenpflanzen

Die Sagenblume des Amselfeldes: Paeonia decora.
Nach Photographie von Georg Bittner.

Aus dem vierjährigen Weltkriege grüßt uns auch eine Weihnachtsrose, das ist die blühende Schneerose oder Nießwurz (Helleborus). Ein Kieler Krieger von der vierten Kompagnie des zweiten Garderegiments zu Fuß sandte, wie die "Kieler Neuesten Nachrichten" seinerzeit mitteilten, an seine Eltern aus dem Felde ein Gedicht, mit dem es eine eigene Bewandtnis hatte. Das genannte Regiment hatte am 4. Oktober 1914 das französische Dorf Bucgnoy erstürmt und dabei 135 Mann verloren, die dort zwischen Schützengräben und Granatlöchern begraben wurden. Auf die Gräber pflanzten die Kameraden Rosen, und der milde Winter Frankreichs ließ dicht am Rande eines tiefen Granatloches eine Christrose grünen und treiben. Sie wurde von den Gardeleuten mitten im Feuer der benachbarten Gräben betreut und gepflegt, und der Zufall wollte es, daß sie just am Tage vor Weihnachten, am 23. Dezember, eine schöne weiße Blüte entfaltete. Da beschloß die dort liegende Kompagnie, die prächtige Rose dem deutschen Kaiser zu senden und der Oberst ließ sie im Namen des ganzen Regiments seinem obersten Kriegsherrn am Weihnachtsabend überbringen. Der Kaiser war über die Gabe seiner treuen Garde tief gerührt und hat die Geschichte dieser Christrose von Richard Voß in wohlgeformte und stimmungsvolle Verse bringen lassen, die dann jedem Regimentsangehörigen im Abdruck als kaiserlicher Dank zugestellt wurden.

Der Professor der Botanik an der Wiener Universität, Hofrat Dr. von Wettstein, teilte dem Verfasser folgendes mit: Im zweiten Kriegssommer 1915 erhielt ich aus Galizien eine ganze Reihe von Zuschriften, in denen darauf aufmerksam gemacht wird, daß auf den Schlachtfeldern Galiziens, auf denen schon 1914 Kämpfe stattgefunden haben, sich der wilde Mohn (Klatschrose, Papaver Rhoeas) in ganz unwahrscheinlichen Mengen eingestellt hat. Schon aus der Ferne erschienen weite Strecken durch die Blumen rot, und der Aberglaube erkannte darin symbolisch das Blut der im Toben der Schlachten Getöteten. - Es ist vom botanischen Standpunkte interessant, wie sich auf dem aufgewühlten Boden gerade eine Unkrautsorte vor allen anderen erhalten und das Übergewicht erlangt hat.

Im Sommer 1917 machte ein Berichterstatter der "Times" eine Wanderung über die französischen Schlachtfelder des Jahres 1916 und sah das Tal der Ancre, in dem die blutigsten Kämpfe ein Jahr vorher alles zerstört hatten, "wie durch ein Wunder, in ein wogendes Feld von Gräsern und Blumen verwandelt. Eine alte Legende sagt, daß Rosen nirgend so üppig blühen wie über Heldengräbern. Die Sage scheint auch auf den Mohn zuzutreffen. Den Schlachtfeldern des Vorjahres entsprießt tiefroter Mohn, an jenen Stellen, an denen die Schlacht am wildesten entbrannte, will man die dunkelsten Schattierungen festgestellt haben. Nirgends scheint der Boden so feuerfarben zu erstrahlen wie auf jener Fläche, die die Ulsterleute am 1. Juli des Vorjahres mit so vielen Opfern verteidigten. Hier scheint es, als wäre der Boden mit einer Mohndecke überzogen."

In Frankreich, als die heißen Tage der Sommeschlacht waren, hat Hermann Klippel die rote Mohnblume oder Todesblume zu Tausenden und wieder Tausenden blühen gesehen. "Auf Gräbern, die kaum zwei Monate alt und noch halb nackt waren, flammte zwischen dürftigen Halmen feuriger Mohn. Rot wie der Westhimmel in den Nächten und rot wie das frische Blut, das durch die weißen Binden sickerte. Wenn die Sonne am heißesten sengte und die Schlacht am wildesten ging, dann jauchzte diese Blume in den zitternden Tag hinein, als feiere sie vorher nie geahnte Triumphe. Fast unheimlich war dieses überreiche Blühen allenthalben. Dann sagten die Soldaten: ,Seht, die vielen Todesblumen'" *).

*) "Vorwärts", Berlin, 15. Juli 1918.

Und Adolf Brunnlechner hat das massenhafte auftreten des wilden Mohns auf den Schlachtfeldern von Görz im Sommer 1918 beobachtet:

"Nicht bloß in der Ebene mit ihrer Humuserde, sondern hinaufkletternd auf die Höhen, den Monte S. Michele, die Höhen von Doberdo. Es war als ob die Natur noch einmal an die Isonzoschlachten hätte erinnern wollen und hundertmal hörte man andächtig bewundernd rufen: Das sind die Bluttropfen unserer Soldaten. Einzelne Blüten, zerstreute, in Flecken, in Beeten, in Massen, Felder voll, so überwucherte der rote Mohn die Granattrichter, die Erdrutschungen der Schützengräben und Unterstände, Hausruinen und Gräber *)".

*) "Tagespost", Graz, 1. September 1918.

Wie Stadlmann *) ausführt, nahm die lange Lagerzeit des Weltkrieges Einfluß auf die Vergesellschaftung der Pflanzen an Ort und Stelle. In erster Linie gewannen Ruderalpflanzen die Oberhand, dann auch Nitratpflanzen, die einen reich durch Exkremente von Menschen und Tieren gedüngten Boden lieben. So kennzeichnen auf Jahre hinaus Nesselbestände derartige Plätze. Stellenweise gewannen Ackerunkräuter - Klatschmohn, Winden, Hederich, Ackerschachtelhalme, Luzerne, Ampferarten, Disteln usw. - unliebsame Ausdehnung. Stockausschläge wucherten dort, wo Bäume und Sträucher, wie Pappeln, Eschen, Haselnuß, Liguster oder Rainweide, Eichen, abgeholzt wurden. Die scharfen, weithin sichtbaren Ränder und Furchen der Schützengräben wurden, zum Ärger des jeweiligen Gegners oder Beobachters aus den Lüften, durch die üppig wuchernden Pflanzen verwischt, ja unsichtbar. Ein wogendes Durcheinander rasch wachsender Kamillen, Schafgarben, Wolfsmilcharten, Möhren und Disteln verhinderten den Einblick in die Schützengräben.

*) Der Weltkrieg und die Naturwissenschaften, Wien 1917, S. 25.

Nach den übereinstimmenden Berichten von den Hauptfronten war der durch seine großen scharlachroten Blüten weithin sichtbare Klatschmohn überall eine Charakterpflanze der durch den Krieg gebildeten Nebenkulturformationen, deren Besiedlung, im Gegensatz zu den Vollkulturformationen, der Natur oder dem unbeabsichtigten Einflusse des Menschen überlassen bleibt*).

Noch im Sommer 1919 waren die Schlachtfelder auf dem westlichen Kriegsschauplatze bedeckt von rotem Mohn ("Cologne Post", Nr. 117).

*) Thellung, a. a. O.

Zu dem tieftraurigen Kapitel der auf den Grabhügeln der Kriegsgefallenen im Weltkriege wachsenden Pflanzen gehören auch die Beobachtungen, die Prof. von Wettstein im Frühsommer 1916 in Westgalizien gemacht hat. Selbst dort, wo Kreuz und Inschrift fehlten, sind die Soldatengräber an bestimmten üppig wuchernden Schuttpflanzen zu erkennen, die auf den angrenzenden Feldern und Wiesen fehlen oder sparsam vorkommen. Es geht dies so weit, daß man von Leitpflanzen der Soldatengräber sprechen kann, die geeignet sind, auf die Spur der Begrabenen zu führen, wenn sonst kein Anzeichen für ein Grab zurückgeblieben ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß auch manche dieser wilden Gräberpflanzen der Schlachtfelder ihren Weg in Lied und Sage des Volkes finden wird.

An der Stelle, wo ein heimlicher Mord verübt wurde, soll eine Nesselstaude von merkwürdiger Gestalt, ein sogenannter Nesselmann wachsen. Er macht auf die Bluttat aufmerksam und läßt sich nicht früher ausrotten, bevor der Tote gerächt ist *). Nach dem Andersenschen Märchen erlöst die Königstochter ihre Brüder mit den Nesselhemden aus den Nesseln, die sie mit bloßen Händen auf dem Friedhofe pflückt. Die Sage vom Vogt von Eberstein, der ein armes Mädchen zwingt, zwei Hemden aus den Nesseln zu weben, die auf dem Grabe ihrer Eltern wachsen, rechnet auch damit, daß die Nesseln, die auf Gräbern, also durch die Leichen stickstoffreich gewordener Erde stehen, zur Gewinnung des Faserstoffes dienlich sind, der im Weltkrieg als Textilersatz solche Bedeutung gewann. Da erfuhr man auch, daß nicht die auf dürren, sonndurchglühten Örtlichkeiten vorkommenden, sondern die bis mannshohen Nesseln des stickstoffreichen Aubodens das erwünschte langstachelige Fasergut für Garn und Gewebe hergeben **). Denn die Nessel ist eine ausgesprochene Nitratpflanze, die am besten auf stickstoffreichem Boden gedeiht; daß sie "überall" wächst, ist eine falsche Voraussetzung.

*) Pieper, a. a. O., S. 400.
**) E. M. Kronfeld, Zur Geschichte der Nesselindustrie. Allgemeine Textil-Zeitung, Wien-Leipzig 1916.

Guter Heinrich; Sagenpflanzen

Blatt des "Guter Heinrich"
(Chenopodium Bonus Henricus).

Daran kann die naheliegende biologische Erklärung solcher Pflanzenvorkommnisse, bzw. Sagen anknüpfen, denn erwiesenermaßen wirken Leichen auf den Boden düngend. So wurden häufig die Opfer von Mördern dadurch entdeckt, daß an dem Orte, wo sie verscharrt waren, das Gras besonders üppig und hoch wuchs. Zu diesem Kennzeichen gesellt sich noch das zahlreiche Auftreten gewisser Pflanzen, die in der Umgebung selten oder überhaupt nicht auftreten. Wie Wettsteins vom Verfasser schon im Juni 1916 mitgeteilte Beobachtungen auf den galizischen Schlachtfeldern lehren *), handelt es sich dabei um Pflanzen, die einer besonders stickstoffreichen Nahrung bedürfen, vor allem um verschiedene Arten der Melde, um die weiße Taubnessel (Lamium album), den "guten Heinrich" (Chenopodium Bonus Henricus), die Brennessel - dieses früher so verachtete "Mädchen für alles", das im Weltkrieg auch als Textilersatz, als Gemüse usw. zu Ehren kam - und das giftige Bilsenkraut (Hyoscyamus niger). Das üppige Wachstum aller dieser Pflanzen auf den durchschnittlich nicht besonders gepflegten Schlachtfeldgräbern und das Erscheinen ganz bestimmter Pflanzen auf denselben wird also biologisch vollkommen verständlich. Die Sage hat dann weiter nichts zu tun, als diese Tatsachen auf ihre Weise zu schmücken und auszugestalten **). Fraglos trägt zum üppigen Wuchern der genannten Pflanzen auf Kriegergräbern auch der gelockerte Boden bei.

*) Vgl. das Vorwort
**) Othmar Kühn, Die biologische Erklärung einer Kriegssage, "Die Umschau", Frankfurt a. M., Nr. 21, 19. Mai 1917, S. 416.

Quelle: Sagenpflanzen und Pflanzensagen, Dr. E. M. Kronfeld, Leipzig 1919, S. 7ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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