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lV. Der Birkenbaum von Westfalen


Unter dem überwältigenden Eindrucke des treuen Zusammenstehens Österreichs und Deutschlands im Weltkriege seit 1914 hat Peter Rosegger die "Deutschen Worte" gesprochen:

Wir im Süden, ihr im Norden
Sind im Kriege eins geworden -
Ihr im Norden, mir im Süden
Bleiben einig auch im Frieden!

Die Sehnsucht des Krieges war immer der Frieden. Je furchtbarer das Völkerringen, je länger die Schrecken der Schlachten wüteten, desto inniger wurde der Wunsch nach dem ewigen Frieden, dessen vielberufenes Problem schon an das Metaphysische greift. Wie die deutschen Völker vom Fels zum Meer sich im Weltkriege zusammenfanden, so wurden im gewaltigsten Kriege, den die Menschheit erlebt hat, die Sagen lebendig, die von der letzten großen Schlacht zu erzählen wissen (siehe Kap. I-III). Hierher gehört der sowohl 1866 wie 1870/1871 und im Weltkriege auch von unseren Feinden zu politischer Agitation ausgenutzte Sagenkreis vom Birkenbaum in Westfalen, der seine eigene Literatur hat*).

*) Oskar Schwebel, Tod und ewiges Leben. Minden i. W. 1887, Verlag J. C. C. Bruns, Kap. XII: Die letzte der Schlachten, S. 347 - 380.
Dr. E. M. Kronfeld, Der Krieg im Aberglauben und Volksglauben, München 1915, S. 125 ff.
Stephan Steinlein, Über die Herkunft der Sage und Prophezeiung von der letzten Weltschlacht am Birkenbaum in Westfalen, Leipzig 1915, Verlag Wilhelm Heims.
Dr. F. Rohr, Die Prophezeiung von der Entscheidungsschlacht des europäischen Krieges am Birkenbaum und andere Kriegsprophezeiungen, Bocholt in Westf. 1915, Verlag J. und A. Temming.
Friedrich Zurbonsen, Die Völkerschlacht der Zukunft am Birkenbaum, Köln, Verlag von J. P. Bachem, 1916.
Friedrich Zurbonsen, "Das zweite Gesicht" und "Die Prophezeiungen zum Weltkrieg", daselbst.
Hanns Altermann, Der Weltbrand und die Sage von der Völkerschlacht am Birkenbaum. Die Bergstadt, Breslau 1917, V. Jahrg., Heft 18.

Nach Schwebel tritt uns in hocheigentümlicher Form und in reichster Entwicklung die Mär' von der weltbestimmenden, der letzten, den ewigen Frieden bringenden Schlacht auf dem Boden des Sachsenlandes entgegen.

Auf einsamer Heide ein Birkenbaum steht,
Von brausenden Stürmen aus Osten umweht.
Ein Beispiel, das zeigt uns die große Gefahr,
Die drohet aus Osten dem preußischen Aar.

Barbarische Scharen wild fluten daher,
Kein Widerstand nützt, kein Waffen, kein Wehr!
Die Saaten verwüstet, die Städte verbrannt, -
O Gott, hab' Erbarmen mit unserem Land.

An der einsamen Birke die letzte Schlacht,
Ein blutiges Ringen um Ehre und Macht.
Leichen auf Leichen türmen sich auf;
Schon dreimal erneut sich der Sonne Lauf.

Und endlich entflieht die slawische Brut,
Sie weicht, geschlagen durch preußischen Mut.
Aufjauchzen die Sieger: wir sind befreit,
Nun kommt ewiger Friede, die goldene Zeit!

Welche Lust hatte doch einst der Sachse am Kampfe! Und nicht umsonst gehört der Westfale jenem Volksstamme an, der von dem Schwerte sich den Namen nahm! Der westfälischen Sage ist es besonders eigentümlich, daß gewisse an das Nahe der Vollendung mahnende Vorzeichen oftmals in ihr erwähnt werden. So hat man zu Thudorf bei Paderborn einst erblickt, wie eine feurige Straße vom Himmel sich herabsenkte. Lange Zeit blieb sie sichtbar. Einmal aber zogen Reiter in roten und blauen Röcken auf ihr herab; sie schlugen, soweit man's aus der Ferne sehen kannte, ein Lager auf und banden ihre Rosse an die Bäume des Waldrandes, welcher die Heide begrenzt. Ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder, aber ein Vorzeichen war's doch gewesen von der letzten Schlacht:

Kennst du die Blassen im Heideland,
Mit blonden flächsernen Haaren,
Mit Augen so klar, wie an Weihersrand
Die Blitze der Welle fahren? -
O, sprich ein Gebet, inbrünstig, echt,
Für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht.
(Annette von Droste-Hülshoff.)

Als Walstatt der letzten Schlacht bezeichnet der Westfale den Bockskamp bei Paderborn oder den Birkenbaum; "Birkenbaum" aber heißt merkwürdigerweise eine Heide bei dem Dorfe Bremen. Genau und liebevoll, wie es die Eigenart sächsischen Gemütes ist, malt sich die Volkspoesie die Vorgänge aus. Sie läßt den Feldherrn, welcher den letzten Sieg davontragen soll und welchen sie "Karl Quint" nennt, auf weißem Rosse erscheinen. Fromm und wie es deutscher Brauch allzeit gewesen ist, läßt sie ihn mit seinem Heere eine Messe hören und das heilige Abendmahl genießen.

Birken, Sagenpflanzen
Birken in den deutsch-österr. Alpen.
Nach Photographie.

Andere Sagen nennen ein Feld zwischen Unna und Werl, auf dessen Mitte ein Birkenbaum steht, als letzten Schlachtenort im Westfalenlande. Auch hier jene Genauigkeit in der Darstellung geringfügiger
Umstände, welche es deutlich zeigt, mit welcher Liebe das westfälische Volk diese Überlieferung umfaßt hat.

Der apokalyptische Ton, in welchem das fromme Volk der Westfalen redet, klingt vernehmlich auch noch durch die moderne Fassung der Sage hindurch.

Und merkwürdig! Ein gelehrtes, jesuitisches Buch, die im Jahre 1701 zu Köln erschienene "Prophetia de terribili luctu Austri et Aquilonis" bestätigt diese Sage von der Schlacht am Birkenwäldchen bei Budberg. Dieselbe sieht in den Überwundenen die bärtigen Völker des Siebengestirns und lautet im Urtext: "Es wird eine Zeit kommen, wo die Welt sehr gottlos werden wird. Das Volk will unabhängig sein von König und Obrigkeit, die Untertanen werden untreu sein ihrem Fürsten. Nicht Treue, nicht Glauben herrscht mehr. Es wird zu einem allgemeinen Aufruhr kommen, so daß der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater steht. In dieser Zeit wird man sich bemühen, die Glaubenssätze in Kirche und Schule zu verderben. Auch wird man neue Bücher einführen. Die katholische Religion wird dann sehr bedrängt werden, und man wird sich mit List bemühen, sie gänzlich abzuschaffen. Die Menschen lieben Spiel und Scherz, Lustbarkeiten aller Art um diese Zeit. Aber dann wird's nicht mehr lange dauern, daß eine Änderung eintritt. Dann bricht ein furchtbarer Krieg aus.

Auf der einen Seite werden stehen Rußland, Schweden und der ganze Norden, auf der anderen Frankreich, Italien, Spanien und der ganze Süden unter einem starken Fürsten. Dieser Fürst wird von Mittag kommen. Er trägt ein weißes Kleid mit Knöpfen bis unten hin. Auch trägt er ein Kreuz auf der Brust, reitet auf einem Schimmel und steigt von der verkehrten Seite auf das Pferd, weil er mit einem Fuße lahmt. Dieser Fürst wird so kühn sein, daß ihm niemand widersteht.

Er wird Friedensstifter sein. Groß ist seine Strenge, denn er wird alle Tanzmusik und üppige Kleiderpracht abschaffen. Morgens wird er in der Kirche zu Bremen Messe hören. (Andere sagen: er wird selber Messe lesen.) Von Bremen wird er nach der Haar reiten; dort soll er mit seinem Fernglase nach der Gegend des Birkenbaumes sehen und die Feinde betrachten. Darauf wird er am Holtom vorbeireiten. Bei Holtom steht ein Kruzifix zwischen zwei Lindenbäumen; vor diesem wird er niederknien und eine Zeitlang mit ausgebreiteten Armen beten. Darauf wird er seine Soldaten, die weiß gekleidet sind, in das Treffen führen und nach blutigem Kampfe Sieger bleiben. An einem Bache, der von Abend nach Morgen fließt, soll das Hauptmorden sein. Wehe, wehe Budberg und Söndern in jenen Tagen! Nach dem Kampfe wird der siegreiche Feldherr die Menschen versammeln und in der Kirche an sie eine Ansprache halten." Sehr merkwürdig sind die auf den Weltkrieg von 1914 - 1918 passenden Einzelzüge:

" . . von den Russen werden da nur wenige nach Hause kommen, um ihre Niederlage zu verkünden." - "Aus dem Osten wird dieser Krieg losbrechen." - "Die Polen kommen anfangs unter. Sie werden aber gegen ihre Bedränger mitstreiten und endlich einen König erhalten." - "Frankreich wird innerlich in drei Teile zerspalten sein." - "Spanien wird nicht mitkriegen." - "Österreich wird es gut gehen, wenn es nicht zu lange wartet (?)." - "Die Fürsten werden uneinig sein und sich gegenseitig verlassen." - Von England heißt es: "und Schrecken kam über sein ganzes Reich. Und es öffnete sich gegen Westen der Himmel und es stieg, fliegend von der Seite her, eine große feurige Kugel herab (Zeppelin!) und erschütterte den König und es ruhte sein Reich (Streik!) und die Erde wurde erleuchtet (durch Scheinwerfer!) usw."

Noch andere, dem Lande Westfalen eigentümliche Versionen der vorliegenden Weltsage nennen als die Überwundenen geradezu die Russen. Eine merkwürdige Übereinstimmung der einfacheren norddeutschen Sagen, mit der reichen, phantasievolleren und schöneren Volkstradition des deutschen Südens aber bezeugt der Name des Städtchens Schildesche bei Bielefeld. Schild und Esche! Wie erinnert diese, durch die Aussprache freilich etwas verlorengehende Zusammensetzung so lebendig an jenen uns in der süddeutschen Überlieferung erhaltenen Zug, daß der siegreiche Held einst seinen Schild an einen dürren Baum der Walstatt hängen werde, der sich mit der Zierde maiengrüner Sprossen schmücke!

Diese uralten Sagen sind in Westfalen noch heute des Volkes schönstes Eigentum. Wie dieselben aber immer und immer wieder durch merkwürdige Naturerscheinungen und Luftspiegelungen dem deutschen Landmanne ins Gedächtnis zurückgerufen worden sind, das zeigt in sehr eigentümlicher Weise der nachstehende Bericht eines Lehrers in der Kölnischen Zeitung aus Westfalen vom 22. Januar 1854. "Ich befand mich am späten Nachmittage des 22. Januar in einem in Büderich nahe der Chaussee gelegenen Hause, um die darin weilende Familie zu besuchen. Die Sonne schien noch, neigte sich aber schon zum Untergange, als ich ein Zusammenlaufen von Menschen gewahrte, die sich in der Nähe des vorgenannten Hauses immer mehr versammelten und ihren Blick nach dem Dorfe Schlückingen richteten. Vermutend, daß in der Nähe Feuer ausgebrochen sei, begab auch ich mich unter den Troß der Beschauer, und - wie groß war mein Erstaunen, meine Überraschung, als ich sah, wie von der Anhöhe Schlückingens herab ein immenser Heereszug nach dem Schafhäuser Holze sich fortbewegte. So auffallend mir diese Erscheinung schon an und für sich war, so wurde sie mir noch überraschender dadurch, daß ich aus dem Heereszuge ganz deutlich ein Haus hervorragen sah, welches in der Gegend, wo ich solches erblickte, da nicht vorhanden war. Duckte ich mich zur Erde, so konnte ich unter dem Bauche der Pferde hinweg bis zum fernen Horizonte sehen. Als der Zug in die Nähe des Schafhäuser Holzes gekommen war, bildete sich plötzlich eine große Lücke in dem Holze, wie wenn eine Straße durch dasselbe gehauen wäre. Ich habe sogar ganz deutlich wahrgenommen, daß einzelne Pferde den Kopf bewegten, wie sie zu tun pflegen, wenn sie mutig oder unruhig sind oder von Fliegen belästigt werden. Infanterie habe ich nicht gesehen, doch muß ich bemerken, daß ich erst spät zur Beobachtung hinzugekommen bin. Erzählt aber wurde mir von jemanden, der dem Phänomen von Anfang an Aufmerksamkeit zugewendet hat, man habe zuerst ein Haus in Schlückingen in lichten Flammen gesehen. Dann habe sich zwischen den Flammen des Hauses eine Kluft oder ein Riß gebildet und demnach habe sich dann der vorbeschriebene Heereszug entwickelt. Es habe ganz den Anschein gehabt, als sei das Haus in Schlückingen von den erst in geringer Anzahl erschienenen Truppen angezündet. Mit der untergehenden Sonne schwand zugleich das höchst imposante Schauspiel." *)

*) Die Feuererscheinungen und die Beziehungen auf die Kriegszeiten 1914-1918 finden sich auch im "Testament eines Mönches", angeblich von 1701, gefunden bei der Renovation einer Kirche im Jahre 1916: Die Endschlacht wird kommen, "wenn feurige Drachen durch die Lüfte fahren und Feuer und Schwefel speien" (Luftschiffe), "wenn die Menschen auf dem Grunde des Meeres wohnen und auf ihre Beute lauern" (U-Boote), "wenn das Brot gezeichnet und zugeteilt wild" (Brotmarke).

Bei gleichen atmosphärischen Bedingungen können ähnliche Luftspiegelungen sehr wohl auch früher beobachtet worden sein; man hat sie örtlich verschieden gedeutet, und sicherlich haben dieselben den alten Volksglauben bestärkt, daß nach der letzten, der blutigsten aller Schlachten der ewige Friede kommen muß.

Es wandelt eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um; -
Wie sehnend, eines Kindes Klage,
Geht sie bei Nacht und Tag herum.
Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden -
Der Traum als Wahrheit - kehrt zurück
(Gottfried Keller)


Quelle: Sagenpflanzen und Pflanzensagen, Dr. E. M. Kronfeld, Leipzig 1919, S. 73ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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