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Wieder ein Märchen von einem, der keine Märchen erzählen kann.

Der Herbst ist auch ein Märchen und ein recht schönes, aber viele wissen es nicht zu deuten.

Die Herbstzeitlosen sagen: "Es war einmal eine Zeit, in welcher Blumenschwestern von uns als erste Boten den Menschen den Frühling verkündeten."

Die großen, goldenen Sonnenblumen sagen: "Es war einmal eine Zeit, in der die feierliche Sonnwendsonne durch die blaue Himmelsunendlichkeit ging."

Und die bunten Astern fügen hinzu: "Es war einmal eine Zeit, da auch die tausend Sonnwendsterne am Himmel blitzten."

Und die Georginen sagen: "Es war einmal eine Zeit, in der die Rosen blühten."

Alles flüstert und raunt: "Es war einmal, es war einmal ..."

Und bunt und sonnig und schön ist dieses Märchen; es ist auch erlogen, wie alle Märchen. Mit bunter, reicher Blumenpracht und heller Sommersonnigkeit will es uns den Sommer vortäuschen.

Es will uns aber auch an den Tod glauben machen. Die wehenden Blätter singen ein Lied. Das ist aber auch erlogen.

Und die Schwalben erzählen von Märchenländern, in denen es so schön blumig und sonnig sei, von Tempeln ferner Götter und Flüssen, die ewigstill den Urwaldliedern lauschen und seltene Lilien tragen, die keines Menschen Auge noch gesehen. Von Ländern, die so schön seien, daß es ihnen, den Schwalben gar nicht einfiele, in diese kalte, deutsche Heimat zurückzukehren. Ist auch erlogen, im Frühling kommen sie wieder.

Schwalben in das Blau sich tunken.
Wandern in ein Land der Farben;
Wenn auch alle Blüten starben.
Wieder schwillt die Kraft der Garben,
Wieder strömen Lenzlichtfunken.

Drum kein Naß ins Aug' sich stehle:
Anbeginn ist dieses Ende,
Schöpfer reichen sich die Hände;
Und mir ist, daß Gott mir wende
Nur ein Blatt im Buch der Seele.-------

Das ganze Märchen eines sonnenleuchtenden Herbsttages stand vor mir, als ich durch die Langkampfener Au auf das schloßüberragte Niederbreitenbach zuschritt. In den Bauerngärten erzählten die genannten Blumen ihre bunten Eswareinmalgeschichten und das rote Weinlaub strömte von den Soldern der Bauernhäuser, als wolle es dem König Herbst einen Purpurmantel weben.

Hinter dem Schlosse biegt der Weg um und führt in das Nasental, welches an der einen Seite vom steilen, felsigen und bewaldeten Kalkalpenstock begrenzt und auf der anderen durch einen ebenfalls waldigen Mittelgebirgsstock vom Inntale getrennt wird. Neben mir rauschte der Bach und ich war seinen Wellen noch nicht lange entgegengegangen, als ich den hohen Turm der zu einer Kirche umgewandelten Burg Stein erblickte. Und bald sah ich noch mehr - einen Alpenwinkel, in dem Kinderstille herrscht, wie ich selten fand.

Ich fühlte den ganzen Gottesfrieden des funkelnden Herbsttages in mir.

Eine kleine Anzahl stattlicher Unterinntaler Bauernhäuser, von bunten Gärten umblüht, von Obstbäumen umgeben, von wildem rotem Wein überwuchert, standen in krippenhafter Idylle im Tale.

Ja mir war's fast, als ob ich wie ein Kind vor der Krippe stünde, so vor einer echten Tiroler Bauernkrippe, wo die Hirten Gemsen schießen und Knödel essen.

Und drüben der kleine See, den der starre Fels mit der stolzen Herrenburg, die das erste Jahrtausend noch gesehen hatte, überragt.

Und weiter droben buntbeständige Wälder und eine einsame, bergferne Alm und graues, steiles Felsgeschröf als Grenze des sonnendurchlohten Herbsthimmels!

Da hatte ich ia die drei Dinge des Märchens:

Die Schönheit gab der Herbsttag und der stille Erdenfleck,
Die Vergangenheit stand in dem grauen Schlosse vor mir,
Und die Unschuld? Die hatte ich in meiner Seele.

Also war das Märchen fertig und ich will das meine auch fertig erzählen, soweit ich's halt kann. Das ist aber ein Märchen für die Großen, die noch Kinder werden können und Freude haben an Licht und Schönheit.
"Es war einmal", erzählen die beiden Ritter, die das Burgtor bewachen; "es war einmal" sagt das Mauerwerk, "die Burg viel größer und ausgedehnter."

"Es war einmal", erzählt die Krone und das Szepter des Kaisers Mathias, die hier im Burgschatze verwahrt wird und weiß eine blutige Geschichte zu berichten, die dreißig Jahre dauert und von der Religion der Liebe handelt.

"Es war einmal", erzählt ein Bild Ludwigs des Zweiten von Bayern und klingt eine sternlichtüberflitterte Königsmar von einer im See versunkenen funkelnden Krone, die derjenige deutsche Fürst trug, der sie als erster anbot, als das deutsche Kaisertum wieder erstand in alter Staufenherrlichkeit.

Es war einmal... es war einmal... es war einmal . . . klingt eine hundertfältige Geschichte menschlichen Leidens aus vier Jahrhunderten aus den vielen, vielen Ex voto - Tafeln, welche im Stiegenhause hängen. Mit grellen Bildern sind allerlei menschliche Gebresten gezeichnet, vor allem Kindbetterinnen finden sich viele auf den naiven Darstellungen; Pilgerschaften im Hemd nach Mariastein werden erzählt; ein Senner ist im Bilde zu sehen, aus dessen Leib ein gräßlicher Teufel ausfährt, von dem er besessen gewesen, weil er auf der Alm unzüchtig gelebt hatte.

Eine jahrhundertalte Geschichte menschlicher Hoffnungskraft, aber auch menschlichen Leidens setzen diese Tafeln in bunter Schrift zusammen.

Eine besonders merkwürdige Votivtafel setze ich nun hieher:

Urban Kodls zu Windham sein Son Vetter, von 14 jarn alt, ist 6 Wochen schwerlich krankh gelegen als aber seine eltern ain Kirchfahrt auf Mariastain verhaisen ist er aber am 4. tag gestorben und so der krankhheit entledigt worden, sein vater und müeter haben die Kirchfahrt am 20. Oct verricht 1617 jahr.

An dieses Wunder ist nun freilich nicht so schwer zu glauben, das hätte vielleicht ein medicus auch zustande gebracht - die Gnadenkapelle befindet sich ganz oben im Turme, von dessen Fenstern aus sich eine wundersame Aussicht breitet. Die redet kein trauriges: Es war einmal, sondern spricht: Es ist... es ist so schön auf dieser Erde!

Am Altare erzählen Reliquien alte Märtyrergeschichten ... aber ich bin doch ein schlechter Erzähler ... ich weiß wieder nicht, welche... in den Handschriften längst verstorbener Patres habe ich noch gar wenig gelesen.

Ueber das Gnadenbild selbst berichtet Prem ("Ueber Berg und Tal." München, Schöpping): "Auf dem Hochaltare selbst steht das berühmte Gnadenbild, das durch die Lieblichkeit im Ausdrucke der Madonna mit dem Kinde und durch die feine Arbeit an die Figuren von Veit Stoß in der Marienkirche zu Krakau erinnert. Es ist eine vorzügliche deutsche Arbeit aus dem 16. Jahrhundert."

Nun hat dem schlechten Erzähler gar noch ein anderer helfen müssen! Aber etwas weiß ich doch mehr als dieser, nämlich, daß das Christkindlein kein Schamtuch anhat.

Und nun will ich Euch erzählen, wie ich's vor Jahren hörte: Als König Herodes den grausamen Befehl gab, das Königskindlein in der Stadt Bethlehem zu töten, nahm Maria ihrem Kindlein das Tüchlein ab, damit es sich nicht von den anderen Kindern unterscheide und nicht von den Kriegsknechten hingemetzelt werde.

Es war einmal . . . jetzt sind wir aber weit zurückgekommen mit unseren Geschichten - bis zu den Tagen von zweitausend Jahren, von denen selbst das altersgraue Schloß Stein nichts mehr weiß. -

Drum soll's für heute genug sein, und wenn Ihr Großen und Kleinen den Erzähler, der nicht erzählen kann, vielleicht doch noch einmal hören wollt, so kann's leicht sein, daß er noch einige Geschichten, Märchen und Legenden weiß, die er dann ungeschickt vorbringt.

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 21 - 28.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
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