SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Anton Renk, Kraut und Ruebn.

   
 

Die Verdammten.

Die Welt ist schrecklich schlecht. Der Teufel geht um wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge. Rastlos ist er an der Arbeit und sagt den Buben neue Gasselreime in das Ohr, die sie dann vor den nelkenumbuschten Fensterlein ihren Dianln vorsingen:

„Iez kimm i hear
Von unten und von oben.
Von Grund und von Boden,
Von Nixen und von Naxen,
Bin zu alle Ding g'wachsen,
Mit Leib und mit Leben,
Dianl eppa nit von wegen der Schienigkeit wegen,
So weit der Erdboden grean und der Himmel blob ist,
Geits koan sellen Doktor und Bader,
Als wie i und mein alter Vater....."

Meinst Du, daß das Teufelsg'stanz'I schon aus ist? O na! Jetzt kommt eine lange Schilderung der Kuren des Bauerndoktors, die grad so lang dauert, bis das Dianl das Fensterl aufmacht.

Oder der Teufel sagt den Burschen gottlose Schnaderhüpfeln, die sie sich viel besser merken als den Katechismus.

Bue, schon a frischer.
In Alpach dahoam.
Bin nid a so g'macht.
Wie der Adam aus Loahm!
Die Dianln sind überhaupt um kein Haar besser.

Hat nit neulich unserm Studenten, der in Brixen im Seminar ist und auf Geistlich studieren soll, Schwarzpeters Emma zug'sungen:

„Lustig is Buesein,
I tauschet koan Herrn,
Wenn mi's Buesein nit g'freut,
Kann i Früehmesser wer'n.
Wenn's Wirtshaus a Kirch' war,
Und mei' Schatz der Altar,
Mücht' i glei Pfarrer sein
Drei und vier Jahr."

Aber noch viel mehr erfindet der Teufel, um aus Kindern Gottes Kinder der Welt zu machen... Da haben die Bauern gar einen Stadl zu einem Theater eingerichtet. Früher haben sie wenigstens, gleich den braven Thierseern, religiöse Stücke gespielt, wie: „Klotilde, die Pilgerin von Lourdes" oder patriotische, wie: „Wendelin, der kleine Tiroler". Aber jetzt steht auf dem Zettel „Falsche Liab". Und seit ich die Nachmittagsvesper verschoben hab', damit die Leut' in die Kirchen geh'n, statt in das gottlose Theater, hab' ich Nachmittag die Kirchen leer. Ueberhaupt, das Theaterspielen muß aufhören, das ist nur eine Gelegenheit, die jungen Leut' zusammenzuführen, dann ist der Teufel natürlich gleich da mit seinen unrechten Gedanken! Mein hochwürdiger Amtsbruder, der Pfarrer von Inzing, hat mir geschrieben, daß er ganz entsetzt ist über das Theaterunwesen, trotzdem in seinem Dorfe nur religiöse Stücke gespielt werden. Sei da nicht gar im heiligen Nepomukspiel eine Bauerndirn als Prinzessin Achalima in Trikots aufgetreten! Heiliger Liguori, was sagst denn Du dazu? So was hätt' ja sogar Dich in Deinen Betrachtungen stören können!

Also der Teufel ist immer an der Arbeit, bald erfindet er wieder einen Tanz, bei dem die Röck' fliegen, als bliese der Atem des bösen Feindes selber darein, und bald und bald... ja, wer würde wohl alle seine Streiche anführen können. Hatte er ja doch, um die ohnehin viel zu lustigen Unterinntaler noch mehr in seine Klauen zu bekommen, selber gepredigt.

Wenn man sieht, wie's der Böse heute treibt zur Verführung der Menschen, muß man an die alten Sagen von der Teufelskanzel glauben. Aber wie ist nur dem Wirken des bösen Feindes Einhalt zu tun? . . . also sinnierte der Pfarrer Valentin von Ebbs, indem er auf das Mittagessen, mit dem seine Häuserin Susanne heute ganz besonders spät fertig wurde, mit unverkennbarer Ungeduld wartete.

Das mit der Teufelskanzel ist nämlich so: Dem Teufel waren die Unterinntaler immer noch zu wenig lustig. Insbesondere liefen ihm viel zu wenige mehr in seine Krallen, seit die große neue Kirche in Ebbs gebaut war und dort von der Kanzel gepredigt wurde. Er hatte den Bau der Kirche verhindern wollen, indem er es bewirkte, daß die Bausteine ausgingen. Er hatte im Kaisergebirge ein wildes Wetter erregt, damit die Muhren der Höhe zerstörend auf das Gotteshaus stürzen sollten. Aber Gott hatte es anders gewollt und den Bergbruch von dem Dorfe und der Kirche abgelenkt. In derselben Nacht war dem Baumeister ein Engel erschienen, der mit seinem Arme auf die Abbruchstelle hinwies, damit sich die Arbeiter von dorther die reichlich niedergeschmetterten Steine zum Baue herbeischafften. Durch dieses Wunder erhob sich der Bau rasch und bald wehte vom Kirchengiebel die Fahne und der First war tannichtbekränzt. Bald hörte der Teufel zu seinem Aerger auch die ersten Glocken bei der Einweihung erklingen, seine Wut aber kannte keine Grenzen, als drüben in der Kirche die Priester vom himmlischen Liebesreiche predigten und infolgedessen seiner Anhänger immer weniger wurden. „Was der Pfaff da drüben kann, wird der Teufel wohl auch können", dachte sich der Teufel und suchte sich eine Kanzel aus, die er auch bald in den Wänden des Kaisergebirges fand. Es ist ein gewaltiger Felsturm, der einzeln in die Luft ragt. Den bestieg der Teufel, indem er noch eine Axt mitnahm. „Kann Gott Wunder wirken, wird der Teufel wohl auch noch eins zuwege bringen", dachte er sich. Richtig fand er auch genug Zuhörer und also predigte er von dem irdischen Liebesreiche, von der Welt und ihren Genüssen. Das hätte den lebenslustigen Unterinntalern nun freilich besser getaugt, als was sie in der Kirche hörten, und der Teufel hatte schon eine stattliche Anzahl von Seelen auf seiner Seite, als er sprach: „Und zum Beweise, daß diese meine Worte die höchste Wahrheit sind, schlage ich mit meiner Axt in drei Schlägen diese gewaltige Felsenkanzel um." Und der Teufel schlug, daß die Funken sprühten einmal, zweimal, dreimal.

aber die Kanzel rührte sich nicht und der Teufel verschwand mit einem fürchterlichen Wutschrei und unter abscheulichem Gestank. Da erkannten die Ebbser nun freilich, mit wem sie es zu tun gehabt hatten, und besserten sich.

„Aber nicht für lange", brummte der Pfarrer, der sich eben in Gedanken diese Sage vorerzählt hatte, „aber nicht für lange, denn jetzt sind sie wieder ganz die gleichen Sündenböcke."

Da brachte die Häuserin die Knödel mit Geselchtem und der Herr Pfarrer vergaß auf einige Zeit die Schlechtigkeit der Welt und die Schlingen des bösen Feindes. Ganz aber brachte er die schlimmen Gedanken doch nicht mehr los und er verhehlte sie auch seiner getreuen Susanne nicht. Doch die fromme Seele wußte gleich Rat: „Man muß die Missionäre kommen lassen!"

Ja, ja, die Missionäre!

„Den Gedanken hat Dir der heilige Geist eingegeben", schmunzelte Pfarrer Valentin, indem er sich ein Glas Rotwein eingoß. „Hol' Dir auch ein Glas, Susanne. Die Missionäre, das ist das Richtige." Susanne ging in den Hausgang.

Das ging ja prächtig; in der nächsten Woche, war ohnedies das vierzigstündige Gebet, da konnte man, weil für die festliche Beleuchtung der Kirche zu diesem Anlasse eine alte Geldstiftung da war, ohne große Kosten die Missionäre berufen und ein prächtiges Kirchenfest veranstalten! Sollte das Fondgeld nicht langen, so wird der Mesner Martl wohl im Kirchenschiff mit dem Klingelbeutel umgehen und die Bauern würden sich nicht lumpen lassen. Ja, das ging prächtig!

„Susanne, das ist ein guter Gedanke. Sollst leben, Häuserin!" Der Pfarrer stieß mit seiner Häuserin an, daß hell die Gläser klangen.

Und sie erzählte ihm dann später, daß sie in der Jugend einen Burschen gern gehabt habe, den Heinrich, Da seien die Missionäre gekommen und sie sei ob ihrer Sündhaftigkeit fast verrückt geworden; der Heinrich aber sei nach Amerika gewandert und man habe nie etwas mehr von ihm gehört . . .

Ja, die Missionäre, das ist das Richtige!

***

Die Kirche hat das vierzigstündige Gebet in die letzten Faschingstage verlegt, um dem Volke die Freude am Mummenschanz zu verderben. In Ebbs ist solch eigentliches Faschingsmaskenwesen zwar nicht Brauch, aber getanzt wird halt doch auch, und darum wird auch das dreitägige Gebet gehalten. Sind ja doch andere sündhafte Aufzüge zu den anderen Zeiten zu verzeichnen, so um Micheli das „Albererfahren". Wenn die Burschen wieder einmal „raffen" möchten, sammeln sie sich in der finsteren Nacht, bewaffnen sich mit Stecken und binden sich Kuhschellen an. Einer ist Kühtreiber, der „Alberer", der treibt unter Schreien „Koisele seh, Koisele seh" die Herde zum nächsten Dorfbrunnen. Hier sind nun entweder schon Burschen versteckt, die die „Almküh" nicht zur Tränke lassen wollen, oder es werden dieselben durch den Lärm und durch Spottlieder aus den Nachbarhäusern gelockt. Und nun 'wird tüchtig dreingeschlagen, bis es blutige Köpfe gibt. Die Sieger ziehen noch zu den anderen Brunnen, wo die gleiche Hetz losgeht. Auf einmal ist der ganze Nachtspuk — wie weggeblasen — verschwunden.

Oder in den Klöpfelnächten in der heiligen Weihnachtszeit ist auch so ein gottloser Brauch: Da ziehen Nachts die Bauernburschen und Dianln in der Volkstracht in die Bauernhäuser. Hinter ihnen geht das „BettelmannI" und das „Bettelweibel". Die haben einen Mehlsack, einen Buckkorb, aus dem ein Kindskopf herausschaut, und einen Besen. In den Häusern wird nun getanzt, gebusselt und geranggelt, was Platz hat. Zum Schlusse müssen noch BettelmannI und Bettelweibel die Stube auskehren. Auch das „Haberfeldtreiben" und die „Puchlmusik" kommt oft genug vor.

Daß der Teufel bei dem Treiben seine höllische Freud' hat, versteht sich von selbst. Darum nur her mit den Missionären, auch wenn zu Fasching in Ebbs kein Mummenschanz stattfindet. Also verkündete der Pfarrer Valentin: „Am Fastnachtsonntag, -Montag und -Dienstag ist vierzigstündiges Gebet. Dabei werden hochwürdige Patres Liguorianer die heiligen Missionen abhalten. Während des Gottesdienstes ist eine Sammlung für die Beleuchtung der Kirche!"

***

Leise rieseln die Schneeflocken nieder vom leichtverschleierten weißgrauen Himmel. In Ungewissen, wolkigen Konturen schimmert der schneeversilberte „Kaiser" durch die Nebel. Auf den Gräbern des Ebbser Friedhofes liegt eine leichte Schichte Schnee. Durch die Türe heraus hört man die Stimme des Missionärs Hippolytus.

Wovon predigt er denn? Ja, von was wird denn so ein gelehrter Pater, der sein Volk kennt, den Tiroler Bauern predigen, damit er Eindruck macht? Die Tiroler Bauern fürchten nichts — als — ja, ihr Weib — und dann vielleicht noch den Teufel! Also predigte der Pater von der Vergänglichkeit der Weltluft, vom Teufel, von den Schrecken der Hölle, den Leiden der Verdammten, und daß das alles ewig dauere. Währenddessen ging unten der Mesner sammeln, und man hörte sowohl das Klingeln der Geldstücke, als den Dank für den Beitrag zur Kirchenbeleuchtung zwischen die Worte des Predigers tönen. Dies Geldklingeln, der Mesnerdank und die Schreckenspredigt bildeten ein Trio, das die Kirche durchhallte. So sprach P. Hippolytus: „Also, der Teufel hatte den sündigen Ebbsern von seiner Felsenkanzel herab sein Reich der Weltlust verkündigt und wollte zum Beweise für seine Worte den Felsen in drei Axthieben umschlagen. Aber er schlug umsonst und den Ebbsern gingen die Augen auf, wer ihnen das eitle Reich der Welt gepredigt hatte. Was nützen Euch Schätze und Ansehen in dieser Welt? Was nützt Euch eine gute Tafel? (Die Köchin des Pfarrers kocht wirklich ausgezeichnet, fuhr dem Pater durch den Sinn.) Was nützen Euch die besten Weine, Gesang und Theater? Was nützt Euch die kurze Freude der Wollust? Was nützt Euch der unsinnige Tanz, an dem nur der Höllenfürst seine Freude hat? Sie bilden beim jüngsten Gericht nur die Buchstaben, aus denen der Herr der Welt den Urteilsspruch: „Ewig verdammt!" zusammensetzt. Schaut hinab in die Tiefe, wo die Flammen rasen und ringende und bittende Arme zwischen ihnen hervorragen und angst- und schmerzverzerrte Gesichter hervorblicken! Hört Ihr das Heulen und Zähneknirschen heraufklingen aus der Tiefe? Hört Ihr die Flammen brodeln und zischen aus der Tiefe? Hört Ihr die Pendelschläge der glühenden Höllenuhr? Vernehmlich tönen sie: Immer! — Nimmer! . . . Blickt nur hinab in das Meer von Flammen, Elend und Reue, aus denen die Arme der Verdammten sich strecken, aus denen die Gesichter der Verdammten starren, aus denen die gräßlichsten Seufzer und Schreie der Verdammten tönen, und dann fragt Euch: „Was aber sagen uns die Verdammten tief unten in der Hölle?"

„Vergelt's Gott für die Beleuchtung!" kam von unten die Stimme des Mesners nach einem leisen Klingkling: „Vergelt's Gott für die Beleuchtung!"

***

Als ich heuer nach Ebbs kam, fand ich, daß die Ebbser noch fleißig Theater spielen, noch Schnaderhüpf'ln singen und schuhplattl'n können und hoffentlich bleiben sie so trotz aller Missionen und Leiden der Verdammten.

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 58 - 69.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
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