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Der Talmi-Hofer.

An den tannengekrönten Felsen des Wipptales widergellte der schrille Pfiff des Eisenbahnzuges, welcher mit einem mühsamen Ruck verschnaufend in seinem steigenden Laufe innehielt, um einigen seiner sonntagfrohen, wanderlustigen Insassen Austritt zu gewähren. An den Schranken stand der die Billette abfordernde Bedienstete und beim Postwagen der diensthabende Beamte in blauer Uniform und mit roter Mütze. Der nächste Pfiff der Lokomotive bedeutete für diesen, Bartholomäus Neuner, welcher in der Haltestelle die Funktionen eines Stationschefs ausübte und deshalb auch mit dieser Titulatur angesprochen wurde, einige Stunden Freiheit, die er nach seiner Ablösung heute um so ausgiebiger zu benützen vorhatte, weil ja doch heute im nahen Dorfe Schönberg Kirchtag war. Dieser Anlaß hatte auch ziemlich viel Leute aus der benachbarten Stadt herbeigelockt, denn man wußte, daß die Schönberger ein lustig Völklein seien, die es an Musik, Tanz und Pöllern nicht fehlen ließen. Diese Ausflügler waren hier ausgestiegen und wanderten bereits dem in der Felsenschlucht brausenden Wildbache zu, um an der anderen waldbestandenen, steil abfallenden Talflanke wieder bis zum Wiesenplateau, auf dem das Dorf Schönberg liegt, emporzusteigen. Auch der Herr Bartholomäus Neuner beeilte sich, abzukommen, er wischte sich mit einem Tuche den Schweiß des Angesichtes, in welchem er sein Brot verdienen mußte, von seinem Antlitz, von dem böse Zungen behaupteten, es sei einmal in der Johannisnacht mit einem Sonnwendfeuer verwechselt worden. Heute entledigte sich der Herr Stationschef, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, in Anbetracht jenes drängenden Gefühles, welches er mit dem wissenschaftlichen Namen Feuchtigkeitsbedürfnis nannte, seiner Uniform nicht, sondern stieg, um keine Zeit zu verlieren, in derselben eiligen Schrittes den Wald auf, den Ausflüglern nach und war bald unter den ersten Gästen, welche dem Jagerhof, einem vielbesuchten, schön gelegenen Gasthause, nahekamen, zu sehen.

Schönberg war heute festlich herausgeputzt, die rotweiße Tiroler, die weißgrüne Schützenfahne, schwarzgelbe und weißgelbe Kirchenstaatflaggen wehten von den Giebeln der Bauernhäuser und vom Kirchturm. In den Fenstern waren Leuchter, Büschelstöcke, Statuetten, Bilder von allen erdenklichen Heiligen, und bunte Teppiche hingen von den Simsen, halb verwelkte Birkenstämmchen, die am Morgen im grünen Wald noch frisch gewesen, lehnten an den weißgetünchten, den Sonnenglanz zurückstrahlenden Wänden. Ueber das Ganze schaute die gewaltige Steinpyramide der Waldrasterspitze - des das Dorf beherrschenden Berges — in besonders sonntäglicher Pracht herein, umflammt von tausend Sonnenflammen auf Marmorleuchtern, über ihr wölbte sich der tiefblaue Himmelsbaldachin mit dem ewigen Lichte, der Sonne.

Im Wirtshause ging es schon gar lustig zu. Da waren die Schützen des Stubaitales in ihrer schmucken Tracht und saßen an langen bier- und weinbeschwerten Tischen, ebenso wie die Musikanten die Klangpausen mit einer zuträglichen, feuchten Beschäftigung emsig ausfüllend. Auch an schmucken Mädchen mit tüchtig Holz bei der Wand fehlte es nicht; dazwischen drängten sich Fremde aller Art, denn der Jagerhof war hauptsächlich Fremdenstation, berühmt durch seine Aussicht und durch seinen originellen Wirt, den "Bergschuechwetzerluis".

Da war der gemütliche Schwabe, welcher zu jedem Lebensvorgang "also da'st natürli'" sagte, der schneidige, ehemalige deutsche Korpsstudent, der morgen mit einem Gletscher auf Mensur antrat, da waren schwitzende Münchner, welche stets von einem Faß Hofbräuhausbier, und ein italienischer Abbate, der stets von der Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft Seiner Heiligkeit träumte, auch einige Wiener pendelten herum, die wenig ihre Gedanken, umsomehr aber ihr rechthaberisches Redewerkzeug anstrengten. Es waren sowohl Engländer, als auch wirkliche Juden vertreten.

Mitten unter ihnen stand, emsig mit den bebrillanteten Händen gestikulierend, der Herr Levi Schabeles, ein umfangreicher Händler aus der Stadt, welcher den Beinamen „der Enkel Hofers" führte.

Da war nämlich in der Stadt ein Panorama aufgestellt, welches die Befreiungsschlacht am Berg Isel mit plastischer Perspektive vor Augen führte. Und wie der Herr Levi Schabeles, als echter Vertreter seiner Rasse, eben alles auf Lager hatte, so war er auch mit einer Marke echten, gangbaren tirolischen Patriotismus und Heldenmutes versehen.

Als einige Fremde in Gegenwart des Herrn Schabeles die Schaustellung besichtigten, fühlte dieser als Nachkomme Abrahams, Isaaks und Jakobs seinen makkabäischen Heldenmut in der Brust schwellen, und er sprach: "Sehn Se, meine Herrn, wie tapfer haben eppes gekämpft ünsere Ahnen in der groißen, gloirreichen Schlacht am Bergisel."

Und eben erzählte dieser Enkel Hofers den Fremden wieder von der groißen Schlacht, wie wenn er dabei gewesen wäre, als der Wirt zum Jagerhof - der "Bergschuechwetzer Luis" - eine Andreas Hofer-Gestalt, zum Tische herzutrat. Er trank von seinem Weinglase, denn er hatte an jedem Tische ein solches für sich stehen, um allen Gästen seine Aufwartung zu machen, und mischte sich in's Gespräch. Er trug vom nachmittägigen Umzuge her noch seine Uniform als tirolischer Schützenhauptmann, die ihm prächtig stand. Plötzlich ließ er sich vernehmen: "Jez mueß i do den Herrschaften den Stutz'n zoag'n, mit den der Andreas Hofer derschoss'n wor'n ist." Wonderful!", ließ sich eine lange, hagere, unsympathische Gestalt hören: "Uas kostet das Ding? Uerde kaufen. Well."

Der Wirt entfernte sich, um den Stutzen herbeizuholen und begegnete auf dem Wege ins Haus den eben in seiner blauen Uniform sichtbar werdenden Stationschef. Nun fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, und er trat zum Herrn Bartholomäus Neuner und sprach ihn derart an: „Ah, das ist g'scheit, daß Du kimmst. — Du, Du mueßt iez, weil D' grad die Uniform anhast, an französischen Soldat'n mach'n für d' Fremd'n. Woaßt, i hab' den Leut'n derzählt, „ daß i an Stutzen hätt' — Du kennst'n schon, den französischen — mit dem der Andreas Hofer derschossn wor'n sei. An Engländer will mir dös Grempel abkaff'n. — Woaßt, iez nimmst 'n Stutz'n. Du in der Uniform bist der französische Füsilier, i in mein Schützeng'wandl bin der Anderle, die Musig spielt's Hoferlied — i sing's dazue — Du zielst auf mi' und schreist: Pum und i fall um.----------

Gelt, aso mach'n mir's, da werd'n d' Fremd'n schaug'n."

Der Stationschef willigte, nachdem er energisch auf einem Füsilierliter bestanden hatte, ein, und die beiden gingen in das Waffenzimmer des Wirtes.

welcher ein leidenschaftlicher Jäger und Schütze war. Der Wirt kam bald wieder mit dem Stutzen, den er den Fremden zeigte, zurück, aber der Stationschef ließ lange auf sich warten und machte sich so lange im Waffenzimmer zu schaffen, daß ihn endlich der Wirt ungeduldig herbeirief. Nun wurde die Musik aufgestellt, der Stationschef stellte sich in Position und der „Bergschuechwetzerluis" sang:

Zu Mantua in Banden
Der treue Hofer war,
Zu Mantua zum Tode
Führt' ihn der Feinde Schar.
Es blutete der Brüder Herz:
Ganz Deutschland lag in Schmach und Schmerz,
Mit ihm das Land Tirol,
Das heilige Land Tirol.

Und so verklang Strophe für Strophe. Andächtig lauschte man dem schlichten Heldengesang und Levi Schabeles bemühte sich, eine Träne im Auge zu zerdrücken. Der Stationschef zielte und der Hofer sang:

Und von der Hand die Binde
Nimmt ihm der Korporal,
Andreas Hofer betet
Allhier zum letztenmal.
Dann rief er- Nun so trefft mich recht;
Gebt Feuer!-----------

Pum. — Aber das war kein Pum! und "Ach, wie ' schießt Ihr schlecht!" rief der Hofer nimmer, denn es hatte ein wirklicher Schuß gekracht - der Andreas Hofer wurde bleich — seine Hand fuhr nach dem Herzen, er zitterte — er wankte — da: "Fall amal um, dumm's Lueder!" dröhnte die Donnerstimme des Stationschefs, der sich in der Waffenkammer einen Revolver geladen und denselben in die Luft abgefeuert hatte, dem zum Tode erschrockenen Tiroler Helden, welcher geglaubt, es sei ein alter Schuß losgegangen, zu. Erst nach eingehender Leibesuntersuchung tröstete sich der Wirt, zahlte mit saurer Miene seinen Füsilierliter und wurde erst wieder in gute Stimmung gebracht, als seine Lordschaft für das historische Gewehr, das der Luis bei einem Tandler gekauft hatte, eine horrende Summe zahlte.

Der "Bergschuechwetzer Luis" aber heißt seitdem im ganzen Tale: Der "Talmi-Hofer".

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 79 - 86
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
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