SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Anton Renk, Kraut und Ruebn.

   
 

Ein Märchen von einem, der keine Märchen erzählen kann.

Drei Dinge gehören zu einem Märchen: Schönheit, Unschuld, Vergangenheit.

Solche Märchen dichtet auch die Natur, und ich will versuchen, ihr eines nachzuerzählen. Freilich habe ich den Kinderlaut nicht, mit dem sie zu erzählen gewohnt ist ... Aber ich will es doch versuchen. Mein Märchen heißt: Maria am Stein.

Es war einmal auf einem hohen Felsen, der über einen See ragt, ein stolzes Schloß mitten im Walde . . . jetzt habe ich schon den Märchenton verloren. Das Schloß steht noch auf dem Felsen am See im Walde ... es ist das Schloß Stein, das ein Jahrtausend gesehen hat.

Aber das Schloß ist schweigsam, es erzählt. nicht viel aus seinen ältesten Zeiten, nur von einem wundersamen Madonnenbilde, das aus Spanien stammte, weiß es zu berichten.

Vor alten Zeiten beteten die Herren der Burg Stein zu einem holzgeschnitzten Muttergottesbilde in der Schloßkapelle. Das ist so lange schon her, daß die Namen der frommen Ritter niemand mehr weiß. Später beteten die von Freundsberg, dann die von Ilsung, deren einer, Friedrich, die Burg an den Freiherrn v. Schurs 1587 verkaufte. Nur eines wollte der Ilsunger mitnehmen in die Kaufmannstadt Augsburg, und das war das kleine Marienbild . . . Aber die Muttergottes liebt so manches schöne Plätzlein dieser Erde, und Du hast gewiß oft schon gehört, daß sie zurückkehrt auf wunderbare Weise zu dem Ort, den sie einmal erkoren. Der hohe Felsen über dem waldumschlossenen See war ein solcher Platz - in der Patrizierstadt, wo die Menschen so viel auf das Geld dachten, gefiel es der Muttergottes nicht, ihr war der stille, kahle Stein im Inntale lieber; d'rum verschwand sie aus der Augsburger Kapelle und war plötzlich wieder an ihrem lieben Stein. Ein Bote brachte dem Ilsunger Herrn Kunde von dem Wundersamlichen, so zu Stein geschehen. Der zu Augsburg aber ließ das teure Bild neuerdings in die Lechstadt holen - aber, o Wunder, das Bildnis hing wieder in der Schloßkapelle zu Stein. Der Muttergottes muß man ihren Willen lassen, dachte sich der Ilsunger, sonst ist kein Segen beim Werk, und also verblieb das Bild in Stein und die Burg erhielt den Namen Maria am Stein oder Mariastein. Bald zogen viele Bresthafte und Bekümmerte zu dem Wunderbilde und wurden von ihren Leiden geheilt. Insbesondere Frauen, so in anderen Umständen waren, schenkte Maria am Stein ihre Hilfe, wie so manche Votivtafeln an den Wänden der Turmstiege und in der Kirche darstellen.

Aber davon will ich später noch erzählen .... ich aber bin schon wieder aus dem Märchenton herausgekommen. Will's noch einmal versuchen, denn Mariastein weiß uns aus alten Zeiten noch Anderes zu erzählen.

"Es war einmal" . . . aber es geht nicht so und ich muß wieder anders anfangen, als das Märchen will. Ein kleines, auf einem Felsen stehendes Türmchen, das man das Teufelstürmchen nennt, und zwar - jetzt geht es! - horcht Kinder, es beginnt das Märchen:

Vor alten, alten Zeiten war in dem Turme ein Teufelchen. Nicht ein leibhaftiges, sondern ein hölzernes, geschnitztes, das aber mit seinen Klauen, seiner roten Zunge, feinen schrecklichen Augen, den gebogenen Hörnern und dem zottigen Schweife nicht weniger fürchterlich aussah, als der Gottseibeiuns in eigener Gestalt. Kinder, wenn Ihr das Teufelchen gesehen hättet, da hättet Ihr Euch schön gefürchtet und wär't wohl das ganze Jahr so brav gewesen, wie Ihr sonst nur die letzten acht Tage vor Weihnachten seid. In denselben alten Zeiten lebte im Tale auch eine Bäuerin, die recht böse, ungezogene Kinder hatte. Deshalb machte sie eine Wallfahrt nach Mariastein, damit die Muttergottes die Kinder wieder brav und folgsam mache. Dabei kam sie auch in's Teufelstürmchen und sah das entsetzliche Teufelchen.

"Das nehm' ich mit, vor dem Klaubau werden sich die Kinder wohl fürchten", dachte sich die Bäuerin und trug das Teufelchen unter dem Schurz durch den Wald ab zum Fluß, an dessen Ufer eine Fähre stand und ein Fährmann wartete. Der fragte sie, was sie denn unterm Fürtuch trage. Da zeigte es ihm die Bäuerin und sagte ihm auch, warum sie es mitgenommen habe. Aber der Fährmann wollte sie nun nicht überführen, wenn sie den Teufel nicht wegtue, denn er wolle nicht den Teufel im Schiff haben, weil das ein Unglück gäbe. Da keine Bitten halfen, warf die Bäuerin das Teufelchen in den Fluß, der es schnell mit sich forttrug. Der Fährmann brachte die Frau an's andere Ufer. Über am nächsten Tage stand das Teufelchen im Turme auf seinem Platze, und wenn es nicht selber fortgegangen ist, steht es noch dort.

"Und die Kinder der Bäuerin? Sind die brav geworden?"

Oh weh', jetzt Hab' ich geglaubt, ich hab's diesmal getroffen und den Kindern ein richtiges Märchen erzählt. Und jetzt ist's den Kindern wieder nicht recht, weil ich das Wichtigste vergessen habe. Ja, die Kinder müssen alles wissen .... ich aber weiß wirklich nicht, ob die Kinder der Bäuerin brav geworden sind.

Ja freilich, Kinder, viel braver als ihr! Ja, was meint Ihr denn, die Muttergottes kann keine Kinder brav machen? Und wißt Ihr auch, warum das Teufelchen fortschwimmen mußte? Nein? Nun, weil die Muttergottes zum Kinderbravmachen keinen Teufel braucht, der ihr hilft. So, jetzt wißt Ihr's, und werdet auch brav wie die Bauernkinder!

Es ist eine merkwürdige Äußerung der Volksseele, daß sie an einer Stelle zwei Sagen mit ganz demselben Aufbau bildet, die eine als Umkleidung des guten und die andere als die des bösen Prinzips zugleich, der ich vorläufig eine Deutung nicht geben kann. Die Sagen über an dieselbe Stelle zurückkehrende Gnadenbilder finden sich überhaupt häufig in Tirol. Ob ebensolche über Ungnadenbilder auch Verbreitung haben, oder obig erzählte eine Ausnahme bildet, ist mir unbekannt.

Um Gottes willen! .... Jetzt war' mir gar bald der Mythologe ausgekommen. Das paßte noch schön zum Märchenerzählen! Heut' hab' ich überhaupt kein Glück mit dem Märchenerzählen .... aber ich will's noch einmal probieren, denn aus dem alten Gemäuer raunt es mir noch allerhand zu, diesmal von einem Teufel, aber nicht mehr von einem hölzernen, sondern von dem leibhaftigen, der uns nie in seine feurigen Krallen kriegen soll.

Also horcht, Kinder:

Es war einmal - jetzt geht's wieder! - ein böser, böser Ritter, der eine gute, fromme Mutter hatte. Dieser Ritter spielte, daß der Tisch krachte, fluchte, daß die Wände zitterten, soff, so viel nur in ihm Platz hatte, und fürchtete gar nichts, nicht einmal den lieben Herrgott, den er fast vom Himmel herablästerte. Seine Mutter sagte ihm freilich, daß seine Strafe schon einmal kommen werde und des Gottes Mühlen langsam, aber sicher mahlen. Der Ritter aber lachte sie einfach aus. Und es war in der Christnacht, da zogen von Nah und Fern Lichtlein durch den Wald zur Kirche. Das waren die frommen Bauern der Umgebung, die zur Weihnachtsmette zogen. Der Ritter aber soff und spielte mit zwei Zechgenossen, als die Mutter vor zwölf Uhr eintrat und ihn bat, in die Mitternachtmesse zu gehen. Aber da kam sie schön an, da sauste die Faust auf den Eichentisch, daß die Becher klirrten und die arme Frau erschrak und sich schnell entfernte. Auch den beiden anderen Rittern war nicht wohl bei dem wüsten Treiben, beim gottlosen Würfelspiel und dem schandbaren Trinken in so heiliger Stund', jedoch sie getrauten sich nicht, eine Dreinrede zu tun, da sie den wilden Kämpen schon kannten. Aber der Ritter hatte kein Glück mehr mit dem Würfelbecher; um so mehr sprach er dem anderen Becher zu, und gerade als es zwölf Uhr schlug, tat der Schloßherr einen unglücklichen Wurf, Von Wut erfaßt, stieß er nun eine schreckliche Lästerung über das Kind, das in der Kirche drüben in der Krippe lag, aus. Da brach aber ein furchtbarer Sturm los, daß das ganze Schloß zitterte und die Berge brüllten.

Das Fenster flog auf und herein schoß grimmig der böse Feind und ergriff den Ritter und führte ihn durch die Luft mit sich. Wohin, das wißt Ihr schon, Kinder. Am nächsten Tage sah man die ganze Schloßmauer mit Blut bespritzt. Die beiden anderen Ritter hatten aber genug gesehen und besserten sich.

Nun ist's aber auch genug, Kinder, für heut', nun heißt's nach Hause geh'n.

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 13 - 20.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
© www.SAGEN.at