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Am Himmelstor.

Der Himmel glänzt in veilchenblauer Seide,
In tausend Blüten spricht die Gottespracht,
Sie aber gehn in ihrem schwarzen Kleide
Und tragen in den Frühling ihre Nacht.
Sie können sich an keiner Freude laben,
Sie finden an der Gottwelt keinen Wert,
Sogar den lieben guten Herrgott haben
Sie in die dumpfen Kirchen eingesperrt, —

Ich hatte Kunde bekommen, am Waldrande blühe der rosige Seidelbast und dufte süß und schwer. Wer mir die Kunde gebracht hatte, weiß ich nicht mehr — aber ich glaube, es war mein Herz. Mein Herz lügt nicht und so zog ich denn hinaus in den seligmachenden Frühlingstag. Es gibt Tage, die so golden sind, daß man glaubt, vor den goldenen Himmelspforten zu stehen, an welche man nur anzuklopfen brauche, um in die Seligkeit zu kommen.

Ueberall ging heute unsichtbar der Frühling, an jedem Glockenzuge läutete er, an jede Türe pochte er — auch an dem düstergrauen Jesuiten-IKoster ging er nicht vorbei. Die Glocke schellte hart durch den widerhallenden Gang, mit müden Tritten schlurfte der Pfortner Frater Hieronymus zum schweren Tore und öffnete es. Aber siehe, es stand niemand draußen. Und wenn der Frühling auch nicht schon bei den nächsten Türen sein frohes Ladegeschäft verrichtet hätte, so würde ihn der Frater ja doch nicht gesehen haben, weil er unsichtbar war. Auch wenn er sich sichtbar gezeigt hätte — die Augen des Fraters waren an Kapellendunkel, Weihrauchduft und rotes Kerzenglosen gewohnt und wären sicher vom kinderreinen Sonnenschimmer geblendet worden.

Der Frater glaubte sich also genarrt und murmelte etwas über die gottlose, heutige Jugend, die vor nichts Heiligem mehr eine Achtung habe, weder vor der Weihe des Kleides, noch vor dem „ehrwürdigen" Alter und müde, alte Männer vergebens zur Türe locke. Solche Früchte der Erziehung könne nur die glaubenslose Neuschule, die Pio nono mit Recht verflucht habe, bringen . . . Und die Lippen des Fraters murmelten, während er durch den Gang zurückschlurfte, auch etwas, was alles eher war als ein Segenswunsch.

Aber die Frühlingskunde war doch schon über die Stiegen in die Gänge, Zellen und Kapellen gedrungen, denn alsbald öffnete sich das Tor, und paarweise kamen daraus die Jesuiten und gingen auf verschiedenen Wegen hinaus ins frühlings-blühende Land und — trugen in den Frühling ihre Nacht.

Am Dienstag und Donnerstag haben die Jesuiten von Innsbruck ihren Ausgang, an diesen Tagen findet man sie überall in der Umgebung, zu deren Blütenschönheit ihre düstere Erscheinung in schlechtem Einklang steht.

Mein Freund und ich stiegen über den steilen Hügel hinauf, der noch von blattlosem Gesträuch zartrotbraun überwölkt war. Wenn die ersten Blattspitzen aus den Augen der Gerten dringen, bilden die Gesträuche so duftige Schleier, die sich über die Hänge legen, wie sonst nie im Jahre.

Am Boden sieht man noch manch schüchternes Blauauge einer Anemone, oder im Sandrutsch flammt eine kleine Sonne des Huflattichs der großen ihren Gruß entgegen. Daneben — richtig, nun wußte ich ja, mein Herz lügt nicht, ragt ein rosig besternter Seidelbastschaft in die Höhe. Den steckte ich aber gleich auf meinen Hut! Fast wäre mir ein Juchzer ausgekommen, aber er blieb mir in der Kehle stecken, denn an der Wegbiegung vor uns tauchten zwei schwarze Gestalten auf — die Silhouetten des dunkeln Prinzips wandern durch Frühling und Licht und Flammen.

Flammen? Ja, dort brennt's: der ganze Hügel brennt!

Es kam der Föhn gezogen
Vom sonnigen Südmeerstrand
Und steckt mit heißen Wogen
Die Erika in den Brand.
Das blüht und glüht wie Opferglut
Und strömt herab am Raine,
Als stieße rotes Opferblut
Vom heiligen Opfersteine.

Nun stiegen die beiden den roten Hügel empor. Ob den beiden nicht zu Sinn kam, sie sollten die Schuhe ausziehen, denn der Ort, auf dem sie stehen, sei heilig? Nein, sie ahnten es nicht, daß sich vor ihren Augen eben das Wunder des blühenden Dornbusches vollzog, daß Gott aus brennenden Blüten zu ihnen sprach. Sie verstanden seine Sprache nicht. —

Als wir die Höhe des Hügels erklommen hatten, schauten wir uns nach den beiden um, aber die waren verschwunden und wir konnten uns nicht erklären,

wohin sie gekommen wären - so daß mein Freund schließlich behauptete, die Erde hat sie verschlungen. Da das Schicksal der Rotte Korah jedoch nicht zu den alltäglichen und momentanen Naturereignissen gehört, konnten wir beide auch nicht glauben, daß Gilms Worte: „Sie wissen, daß die Wälder sie nicht wollen", durch eine Willensäußerung der Wälder bestätigt würden.

Wir lagerten uns also und freuten uns des sonnigen Tages, der so golden war — daß man glauben konnte, vor den goldenen Himmelspforten zu steh'n, an welche man nur anzuklopfen braucht, um in die Seligkeit zu kommen . . .

Da fiel mir ein Volksschwank ein, den ich irgend wo in Tirol — wo weiß ich nicht mehr — erzählen gehört. Er spielt auch an den goldenen Pforten des Himmels und ein Jesuit kommt auch drin vor. Den Schwank erzählte ich nun meinem Freunde.

***

Weißt Du, da hat einmal ein Advokat gelebt, der sich gedacht hat, was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, an seiner Seele aber Schaden litte, und die ewige Seligkeit ist mehr wert als ein ewiger Prozeß, der allerdings viel Geld einträgt. Aus diesem Grundsätze heraus halste er also seinen Klienten keine endlosen Prozesse auf, was ihm in der Ewigkeit droben gar wohl vermerkt wurde.

Da trat bei ihm eines Tages ein schwarz gekleideter, bleicher und magerer Herr ein, der sich vorstellte Dr. utriusque juris Hain. Als der Advokat ihm die Hand reichte, fühlte er eine seltsame Kälte, wie er noch nie im Leben verspürt hatte. „Ich bin der Vertreter des Herrgotts, der will Ihnen jetzt den Prozeß machen." Mit dem lieben Gott sollst Du keinen Prozeß anfangen, überlegte der Advokat, und als er in die sternlosen Augen seines Gegenübers sah, wußte er ganz gut, wer dieser utriusque iuris Dr. sei — dieser Dr. Hain gewann jeden Prozeß und er führte nur solche, die ein Menschenleben lang dauern. Von Anfang der Welt an hat er noch jeden dieser lebenslänglichen Prozesse gewonnen. Gegen diesen Doktor ist nichts anzufangen, dachte sich der Advokat und sagte: „Ich will mich mit dem lieben Gott vergleichen. Geh'n wir zu ihm."

„Ich kann Ihnen nur bis zur Haustüre das Geleit geben, denn ich habe noch viele Besuche zu machen." Dabei nahm er den Advokaten bei der Hand, so daß diesem wieder ganz kalt wurde . . .

Als sie vor die Türe traten, sahen sie nichts als Wolken, die von oben her etwas lichter wurden.

Aus den untersten Qualmen schauten goldene Stufen hervor . . . „Das ist die Jakobsleiter", meinte der Tod. „Geh'n Sie nur immer g'rad' aufwärts. Je weiter Sie aufwärts steigen, desto heller wird es. Das kommt vom Glanze der goldenen Himmelspforte. Es ist etwas weit, aber Sie können nicht fehlen. Auf Wiedersehen sage ich nicht, denn wer einmal durch dieses Tor geschritten, der sieht den Tod nie wieder, der hat das ewige Leben."

Es war ein kalter, trüber Nebel, der jedoch, je höher der Advokat stieg, lichter und reiner, aber auch trockener und kälter wurde. Auf einmal drang ein Sonnenblitz durch die Wolken, ein blaues Himmelsstück blickte herein. Nun konnte der Himmelswanderer einen Blick in die Tiefe werfen. Da sah er drei riesige Kerzenflammen auf hohen Marmorleuchtern zu ihm herauf züngeln. Als er näher hinsah, waren das die von der Morgensonne in Brand gesteckten drei Gipfel der Waldrasterspitze. Jetzt bin ich wohl schon weit heroben — aber wie weit wird es noch bis zum Himmel sein, dachte sich der Advokat.

Je höher er aber kam, desto mehr schien der Körper an Schwere zu verlieren — es war, als ob ihm Schwingen wüchsen. Aber einmal mußte der Doktor doch rasten und schaute über die ganze Himmelsstiege, so weit sie sichtbar war, zurück. Da sah er einen schwarzen Punkt sich heraufbewegen - nach längerem Hinschauen — seine Sehkraft wuchs auch mit der Höhe, die er erreicht — glaubte er zu erkennen, daß es ein Jesuit sei. Den wollte er nicht abwarten, denn diese Reisegefährten waren ihm schon im Leben immer sehr zuwider gewesen. Er beschleunigte daher seinen Schritt und sah nicht, wie unter ihm sich alle Herrlichkeiten der Welt entfalteten.

Die ganze firnfunkelnde Alpenwelt glänzte zu ihm empor.

Die Sterne wurden zu Welten, die Erde zu einem Stern.

Rüstig stieg der Advokat weiter.

Und der Jesuit hinten nach.

Und immer kälter wurde es auch und immer lichter. Endlich brach ein goldener Schein allüberwindend hervor, der stammte von den Flügeln der goldenen Himmelstüre. Eine silberne Glocke in der Form eines Schneeglöckleins, die einen gar wundersamen Ton angab, erinnerte den alten Pförtner Petrus an seine Pflicht.

Den sah man hinter einem Schubfensterl sitzen und lesen. Er war in seiner blaugelben, historischen Toilette und sehr eifrig mit Lesen beschäftigt. Die Silberschlüssel und das Schwert, welches dereinst Malchus Ohr von dessen Schädel separierte, hingen an der Wand.

Geduldig wartete der Advokat am Fenster. Aber es wurde ihm bald bitter kalt. Er hüpfte von einem Fuß auf den andern, rieb sich die schon ganz blauen Hände und hauchte in deren Höhlung. Auch sah er mitunter auf die goldene Himmelsstiege zurück, wo die schwarze Gestalt des Jesuiten bedenklich näher kam.

Nun klopfte der Advokat ans Schubfenster. Aber Petrus ließ sich nicht stören. Er war eben bei einer sehr interessanten und lustigen Lektüre eines mehrbändigen Werkes. Von dem Deckel eines unbenutzten Bandes las der Advokat den Titel desselben. Er hieß: „Enthüllungen über den Teufel Bitru und Miß Diana Vaughan - Feldkirch, Verlag des „Pelikan".

Der Petrus hielt sich den Bauch vor Lachen und kümmerte sich um die da draußen trippelnde, frierende, klopfende arme Seele gar nicht mehr.

Da fiel ein dunkler Schatten in das Gemach des Heiligen, welcher entsetzt aufsprang. Der Jesuit stand vor dem Himmelstor. Die Schlüssel knarrten, das Tor sprang auf und der Jesuit war im Augenblick in der ewigen Seligkeit.

Brummig wandte sich nun der Doktor an den heiligen Türhüter:

„Ist's denn da heroben auch so wie auf der miserablen Welt, daß alles Protektion hat? Dann mag ich gar nicht hinein und geh' wieder. Ich steh' da eine Stund' und frier' mir die Zehen ab und der Jesuit steht kaum da, fliegt die Tür auch schon auf, wie wenn . . . ."

Da unterbrach der Heilige den Scheltenden und sagte: „Entschuldigen S' halt, Herr Doktor — ich hab' g'rad so eine interessante Lektür' g'habt und hab' Sie warten lassen. Aber ich bin selber fast erschrocken, wie ich den Jesuiten so unverweißt gesehen hab'. Denn wenn ein Jesuit kommt, muß ich immer g'schwind die Himmelstür aufreißen — sonst holt ihn der Teufel!"

„Ja so", sagte der Doktor und ging ein in die ewige Seligkeit, wo die Englein singen.

***

Mein Freund, der neben mir lag, war mit meiner Geschichte nicht zufrieden, sondern fragte mich: „Warum tut denn das der Teufel nicht früher?"

 

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 105 - 114
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
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